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Gerichtsmedizin in Österreich vor Kollaps: Ärztekammer warnt vor fatalen Folgen für die Verbrechensaufklärung

Tips LogoThomas Leitner, 27.03.2026 11:48

ÖSTERREICH. Zu wenig Personal, zu lange Wartezeiten, drohender Stillstand. Österreichs Gerichtsmedizin steckt tief in der Krise – mit Folgen für Opfer und Justiz.

Gerichtsmedizin in Österreich vor Kollaps (Foto: Andreas Gruhl/adobe.stock)
Gerichtsmedizin in Österreich vor Kollaps (Foto: Andreas Gruhl/adobe.stock)

Österreichs Gerichtsmedizin steht nach Jahren des Sparens an einem gefährlichen Punkt. Was einst international hohes Ansehen genoss, kämpft heute mit Personalmangel, Überalterung und massiven Verzögerungen. Die Ärztekammer warnt nun eindringlich: Wenn nicht rasch gegengesteuert wird, droht die forensisch-medizinische Begutachtung in Österreich endgültig zu kippen.

Wenn Gutachten Monate dauern

Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, findet deutliche Worte. „In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Gerichtsmedizin in Österreich Schritt für Schritt derart demontiert, dass inzwischen in vielen Fällen die zeitnahe Aufklärung von Gewaltdelikten und anderen Verbrechen stark verzögert oder sogar unmöglich wurde.“

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt auch ein Bericht des Rechnungshofs. Demnach dauert ein Obduktionsgutachten in Wien im Schnitt 152 Tage, in Graz 77 Tage. Teilweise lastet der gesamte Arbeitsaufwand an einem Institut auf nur einer einzigen Person. Fällt sie krankheitsbedingt aus oder ist auf Urlaub, kommt der Betrieb praktisch zum Erliegen.

Nur 37 Fachärzte in ganz Österreich

Besonders alarmierend ist der Blick auf die Personaldecke. Mario Darok von der Medizinischen Universität Graz und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin sagt: „Insgesamt gibt es aktuell österreichweit 37 Ärztinnen und Ärzte mit der Fachberechtigung für Gerichtsmedizin, das Durchschnittsalter liegt bei 53,35 Jahren.“

An den vier gerichtsmedizinischen Instituten in Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien arbeiteten Anfang 2024 überhaupt nur 18 Fachärzte. Die Hälfte von ihnen wird in den kommenden zehn Jahren das Pensionsalter erreichen. Gleichzeitig steigt die Belastung. Denn die Gerichtsmedizin wird zunehmend auch im klinischen Bereich gebraucht, etwa in Gewaltambulanzen. In Wien werden dort rund 1.000 Fälle pro Jahr betreut, in Graz werden heuer etwa 500 erwartet.

Attraktiver Beruf, aber kaum Ausbildungsplätze

Für Steinhart ist klar: Das Fach selbst hat großes Potenzial. Es sei hochkomplex, spannend und gesellschaftlich enorm wichtig, weil hier direkt an der Durchsetzung von Gerechtigkeit gearbeitet werde. Doch Interesse allein reicht nicht. „Das Berufsbild des Gerichtsmediziners muss deutlich attraktiviert und gleichzeitig die Finanzierung der Ausbildung abgesichert werden“, fordert er.

Genau dort liegt das Kernproblem. Ausbildungsplätze sind knapp, die Bedingungen an den Uni-Instituten oft schwierig. Darok fordert deshalb mehr Stellen und bessere Abstimmung mit den Bundesländern. Als Vorbild nennt er Italien: In Bari etwa werden 45 angehende Fachärzte von 12 Fachärzten ausgebildet, in Pavia 34 Assistenten von 15 Fachärzten.

Warnung vor dem nächsten Engpass

Die Experten schlagen Alarm, weil der Handlungsdruck weiter wächst. Gerade der geplante Ausbau von Gewaltambulanzen wird ohne zusätzliche gerichtsmedizinische Kapazitäten kaum machbar sein. Für Darok ist die Botschaft eindeutig: Nach jahrelanger Vernachlässigung brauche das Fach endlich mehr Wertschätzung, Personal und moderne Strukturen. Denn die Gerichtsmedizin sei weit mehr als ein Nischenfach. Sie bewege sich „im Grenzbereich von Medizin, Rechtsprechung und Kriminalistik“ und sichere letztlich die Rechtssicherheit für uns alle.


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