Thomas Macho: "Wir müssen aufpassen, dass wir Stress nicht mutwillig ertragen"
OÖ. Wissenschaftler sprechen davon, dass es seit hunderten von Jahren zu einer Beschleunigung in sämtlichen Lebensbereichen kommt. Immer mehr soll in immer weniger Zeit erledigt werden. Inwiefern die Corona-Pandemie nun einen Einfluss auf unser Zeitgefühl hat und was man gegen Stress zu Weihnachten und Silvester machen kann, berichtet Thomas Macho. Er ist Kulturwissenschaftler, Philosoph und Direktor des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz.

Einen Einfluss auf unser Zeitgefühl habe die Pandemie auf jeden Fall, sagt Thomas Macho. Die zentrale Frage sei, in welche Richtung das gehe. Dass Kontaktbeschränkungen und andere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu Entschleunigung führen können, sieht der Kulturwissenschaftler und Philosoph skeptisch. Verordnete Ruhe ist nicht dasselbe wie Entspannung und kann erst recht als Stressfaktor empfunden werden. Entschleunigung betreffe vor allem Menschen, die zu Hause nicht stark gefordert sind.
Stress aus Tradition
Denkt man an Weihnachten und Silvester, so ist vor allem Weihnachten traditionsgemäß mit Stress verbunden. Das kann das Familienessen oder Streit rund um die Arbeitsteilung sein. Auch Ängste seien immer stressfördernd. Bei Silvester ist die Situation etwas anders, da hier nicht nur im Familienkreis gefeiert wird. Das könnte in diesem Jahr aufgrund der Kontaktbeschränkungen und dem Wegfall von Veranstaltungen tatsächlich ruhiger und entspannter werden, vermutet Macho. Zu Hause bleiben per se reiche aber noch nicht aus, um sich entspannt zu fühlen. „Auch wenn wir zu Hause bleiben, müssen wir Entspannung und Entschleunigung selbst für uns herstellen. Das kann für manche Menschen Musik sein, die man gerne mag und lange nicht mehr gehört hat oder eine ruhige Lektürephase, wo man nicht nur die Schlagzeilen überfliegt“, führt Macho aus. Auch ein Spaziergang in der Natur oder das Ansehen von Fotos - unter der Voraussetzung, dass man das auch selbst möchte - können zu Entspannung beitragen.
Nicht allen gleichzeitig ein gutes neues Jahr wünschen
Darüber hinaus empfiehlt Macho, das Handy für ein paar Stunden auszuschalten. Viele Telefonate und die häufige Nutzung sozialer Netzwerke können Stress verursachen, der oft unnötig sei. Es reiche, wenn man Menschen am nächsten Tag noch ein gutes und frohes neues Jahr wünsche. „Wir müssen aufpassen, dass wir Stress nicht mutwillig ertragen. Uhren oder Smartphones sind Werkzeuge. Wir müssen aufpassen, dass die nicht ihrerseits uns zu Werkzeugen machen“, begründet er. Wenn man seltener angerufen werde oder weniger E-Mails erhalte als üblich, sei das kein Zeichen, dass man nicht gebraucht werde. Man kann das auch als Chance sehen. Selbiges treffe auf soziale Medien und Termine zu. Der Wegfall von Terminen könne dazu genutzt werden, mit sich alleine zu sein, was man zwischen Weihnachten und Silvester gut ausprobieren kann.
Zeit ohne Uhr sei leichter zu realisieren als man glaube, ist Macho überzeugt. So könne man sich etwa am Tageslicht orientieren und sich nicht nur mit dem beschäftigen, was einem andere Menschen abverlangen.
Stress kann bestimmtes Lebensgefühl steigern
Auf der anderen Seite wendet der Direktor des IFK an der Kunstuniversität Linz ein, dass viele Menschen Stress gerne haben und selbst produzieren. So könne etwa ein bestimmtes Lebensgefühl gesteigert werden wie die Selbstwahrnehmung als aktiver Mensch. Manche würden gar in depressive Verstimmungen fallen, wenn sie nicht viel zu tun hätten. Gleichzeitig könne zu viel Stress zu Bluthochdruck und anderen Krankheiten führen. Daher sei es wesentlich Strategien zu haben, die einen zur Ruhe bringen, und den Hintergrund zu beachten. Es ist etwa nicht förderlich, einen Mittagsschlaf nur deshalb zu machen, um anschließend noch mehr leisten zu können.
Ob es Kenntnisse rund um das Zeitgefühl aus der Pandemie geben wird? Das, was als Einschränkung erlebt wird, könne auch entspannen, meint Macho. Insgesamt ist er diesbezüglich jedoch skeptisch, vor allem in Bezug auf die Nachhaltigkeit der Erfahrungen. Vergangene Pandemieerfahrungen wurden bisher schlecht erinnert.


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