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Über den Mut, loszulassen: Angehörigentag für ein inklusives Oberösterreich

Tips LogoKarin Seyringer, 06.03.2026 20:01

OÖ/LINZ/SIPBACHZELL. „Mut zu neuen Wegen“: Unter diesem Motto stand am Freitag, 6. März, eine Tagung für Angehörige von Menschen mit Beeinträchtigung im Zirbenschlössl in Sipbachzell. Über ihre Erfahrung, ihren beeinträchtigen Sohn Max mit 18 in eine Wohngemeinschaft ziehen zu lassen, sprach Autorin Birgit Kubik. Das Land OÖ legt unterdessen im heurigen Jahr einen Schwerpunkt auf Inklusion im Ehrenamt.

Informierten vor dem Angehörigentag, v. l.: Lebenshilfe OÖ-Präsident Stefan Hutter, Autorin Birgit Kubik, Renate Hackl (Land OÖ) und Landesrat Christian Dörfel. (Foto: Werner Kerschbaummayr)

Ziel der Veranstaltung war es, Angehörige zu informieren, vor allem aber neue Impulse zu setzen für die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung, wie Sozial-Landesrat Christian Dörfel (ÖVP) vorab erläuterte. „Wir haben uns in Oberösterreich den gemeinsamen Auftrag gestellt, OÖ zu einer inklusiven Gesellschaft weiterzuentwickeln. Im Bereich Chancengleichheit und Inklusion ist man aber nie am Ende“, so Dörfel. „Wir müssen uns bemühen, für Menschen mit Beeinträchtigung gute Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Er verweist auf unterschiedliche passgenaue Wohnformen, unterschiedliche Formen der Arbeit und Beschäftigung und auf die nötige Unterstützung der Familien, „die sich hingebungsvoll kümmern, Sicherheit und Geborgenheit geben.“

Drei zentrale Lebensbereiche im Mittelpunkt

Die Strategie des Landes OÖ basiert auf drei zentralen Bereichen: Wohnen, Arbeit und künftig verstärkt auch Ehrenamt.

Besonders im Bereich Wohnen wurden in den vergangenen Jahren deutlich investiert. In den letzten zehn Jahren sind rund 1.000 neue Wohnplätze in unterschiedlichen Betreuungsformen entstanden – von vollbetreuten Einrichtungen bis hin zu teilbetreuten Wohnmöglichkeiten. Im Ausbauprogramm 2026/27 werden 200 neue bedarfsgerechte Wohnplätze geschaffen.

Im Bereich Arbeit liegt der Fokus darauf, Menschen mit Beeinträchtigung Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu eröffnen. Ein wichtiger Baustein ist dabei das bundesweit einzigartige Inklusionsservice, eine Maßnahme im Rahmen des 2023 gestarteten Strategieprozesses „Arbeit und Inklusion“ in Oberösterreich. Im Mai 2024 eingerichtet, bündelt die Servicestelle Leistungen des Landes OÖ, des Betriebsservice sowie des Sozialministeriumservice.

Seit der Einrichtung wurden 181 Stellen bei 106 Unternehmen akquiriert, 22 Personen konnten bereits am ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen, weitere sechs befinden sich in Arbeitserprobung mit Perspektive auf fixe Anstellung, wie Renate Hackl, Leiterin der Gruppe Leistungen für Menschen mit Beeinträchtigungen beim Land OÖ ausführt.

Seit Herbst 2024 setzt das Land mit dem Oö. Inklusionszuschuss einen weiteren Anreiz für Betriebe, Menschen mit Unterstützungsbedarf einzustellen.

Um die Angst davor zu nehmen, den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt zu wagen, gibt es ein Sicherheitsnetz, wie Hackl und auch Dörfel betonen: „Wir haben die Garantie abgegeben: wenn der Wunsch da ist, den Schritt zurückzugehen, begleiten wir diesen Weg zurück.“

Neue Säule: Ehrenamt und Inklusion

Neu als dritte Säule kommt das Ehrenamt hinzu. Gerade Freizeit und Vereinsleben seien wichtige Bereiche gesellschaftlicher Teilhabe. Ziel ist es, mehr Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zu ermöglichen und Barrieren abzubauen. Heuer wird laut Dörfel ein Schwerpunkt auf Ehrenamt und Inklusion gesetzt.

Angehörige müssen mitwirken

Im Vordergrund aller Maßnahmen steht die gleichberechtigte Teilhabe sowie das Ziel, Menschen mit Beeinträchtigung ein möglichst selbstbestimmtes Leben inmitten der Gesellschaft zu ermöglichen. Dafür braucht es aber ein Zusammenwirken mit den Angehörigen – und den Mut der Angehörigen, loszulassen, so Dörfel.

Wenn Loslassen schwerfällt

Wie herausfordernd dieser Prozess sein kann, schilderte Autorin und Mutter eines beeinträchtigten Sohnes Birgit Kubik. Ihr Sohn Max zog mit 18 Jahren in eine Wohngemeinschaft. Der Schritt sei mit großen Sorgen verbunden gewesen. „Man fragt sich, ob das wirklich funktionieren kann“, erzählt sie rückblickend. Heute, mehr als zwei Jahre später, zeige sich jedoch: Der Schritt hat sich gelohnt. Max habe sich gut entwickelt, sei entspannter geworden und fühle sich in der Wohngemeinschaft wohl. Für die Eltern sei das Vertrauen in die Betreuung und Gemeinschaft entscheidend gewesen.

„Unsere eigenen Strukturen zu Hause waren sehr festgefahren“, sei es für Max kaum möglich gewesen, sich weiterzuentwickeln. „Wir haben ihm viel zu viel abgenommen.“ Dann sei selbst die Frage gekommen, „behindern wir ihn in seiner Entwicklung?“ Das erste Jahr in der Wohngemeinschaft sei abenteuerlich für alle Beteiligten gewesen. „Und jetzt hat man das Gefühl, sie sind alle angekommen. Man kennt einander, die Stärken und die Schwächen. Die einzelnen Bedürfnisse.“ Wesentlich sei das Vertrauen in die Betreuung, in die Gemeinschaft. Beim Besuch am Wochenende bei den Eltern sei Max jetzt viel entspannter als vor seinem Auszug. „Wir stellen fest, dass er sich einfach gut entwickelt hat. Wir sagen immer, wie ist er doch gewachsen in diesen mittlerweile gut zweieinhalb Jahren“, erzählt Birgit Kubik.

Lebenshilfe als wichtige Partnerin

Neben professioneller Betreuung sei das Engagement von Angehörigen und Ehrenamtlichen entscheidend, weiß auch Stefan Hutter, Präsident der Lebenshilfe OÖ. Gerade Eltern bräuchten häufig Mut, neue Schritte zuzulassen. „Ich weiß das aus meiner eigenen Familie: Du hast einfach Angst, dass du deinen Angehörigen weitergibst.“

Um zu sensibilisieren, hier mutig zu sein, fand der Angehörigentag am Freitag statt. „Wir brauchen selbstbestimmte Selbstständigkeit für Inklusion, wir wollen vor allem auch die Angehörigen, die Eltern, ermutigen. Unser aller Ziel ist ja, dass es unseren Angehörigen gut geht.“


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