Kinderbetreuung: "Jede Ebene muss jetzt Geld in die Hand nehmen"
LINZ/OÖ/GMUNDEN/PFARRKIRCHEN. Vor dem Landhaus wurde am Dienstag zur Großkundgebung zum Thema Kinderbildung gerufen, am Abend luden die NEOS Oberösterreich dann zur Podiumsdiskussion in Linz und via Livestream. NEOS-Bildungssprecherin im Nationalrat Martina Künsberg Sarre diskutierte mit der stellvertretenden NEOS-Klubobfrau im Landtag Julia Bammer sowie einer jungen Mutter und einem jungen Elementarpädagogen aus OÖ.

Im Zuge ihrer Elementarbildungstour machte die NEOS-Bildungssprecherin im Nationalrat, Martina Künsberg Sarre, am 29. März auch Stopp in Oberösterreich – inklusive Podiumsdiskussion. Die NEOS-Politikerinnen besuchten auch die Pädagogische Hochschule in Linz, den ‚Verein Drehscheibe Kind‘ in Steyr und den Fachverlag ‚Unsere Kinder‘. Zudem nahmen Künsberg Sarre und Julia Bammer an der Kundgebung vor dem Landhaus teil.
Es fehle stark an Betreuungsmöglichkeiten der 0 bis 3-jährigen in OÖ, kritisiert die stellvertretende NEOS-Klubobfrau im Landtag. „Die nächste Sorge sind die Schließtage bzw. die Öffnungszeiten: Oberösterreich ist Schlusslicht, nur das Burgenland hat noch mehr Schließtage. 26,7 Tage in OÖ ist geschlossen. Viele Eltern haben Sorge, weil sie nicht wissen, wie sie gewisse Zeiten überbrücken sollen.“ Sie verweist auch auf die Auswirkungen für die Wirtschaft und Unternehmen in der Umgebung, wenn keine ausreichende Kinderbetreuung gegeben sei.
Kritik an Bedarfserhebung
Heftige Kritik übt Bammer auch am Vorgehen bei den Bedarfserhebungen in OÖ. Das mache jede Gemeinde anders, das müsse viel systematischer und strukturierter geschehen. „Zumindest in den Gemeinden, wo ich mich erkundigt habe, bildet die Bedarfserhebung nur den aktuellen Zustand ab. Die Basis entspricht damit nicht der Realität, das Angebot ist zu wenig. Wir sehen das auch an den Wartelisten“, so Bammer, die auch in Gmunden im Gemeinderat sitzt. „Es wird vom Land immer kommuniziert ‚wir schaffen bedarfsgerechtes Angebot‘, aber die Gemeinden haben volle Wartelisten. Von welchem Bedarf spricht das Land?“, fragt Bammer.
Bildung hervorgehoben
Generell wurde unterstrichen, dass es sich um Kinderbetreuungseinrichtungen um Bildungseinrichtungen handle, dafür müsse Bewusstsein geschaffen werden. Martina Künsberg Sarre unterstreicht, dass es nicht nur um zu wenig Plätze gehe, sondern auch die Qualität leide. „Die Pädagogen können ihr Wissen gar nicht an die Kinder bringen, weil sie viel zu große Gruppen haben.“
Personalschlüssel ändern
Davon weiß Jakob Holzinger, Elementarpädagoge aus Pfarrkirchen bei Bad Hall aus der Praxis zu berichten. „Es geht aber nicht nur um die Gruppengröße, sondern viel mehr um den Personalschlüssel. Ich betreue eine Regelgruppe mit 23 Kindern, darunter fünf Wickelkinder. Ich habe eine Helferin. Die ist dadurch eigentlich den halben Vormittag gar nicht bei mir. Wie kann ich da individuell auf Kinder eingehen, zusätzlich Schulanfänger vorbereiten? Es ist in der Praxis schlicht unmöglich, was im Gesetz vorgesehen ist“, so der junge Pädagoge.
Fehlende Fachkräfte
Problem sei auch, dass viele nach der Ausbildung gar nicht in den Beruf einsteigen würden. „Es liegt im Endeffekt an den Rahmenbedingungen. Das Einstiegsgehalt ist sicher kein Problem, aber es ist sehr schwer, einen 40-Stunden-Job zu bekommen.“ So könnten viele nicht das verdienen, was sie möchten. Die meisten würden dann lieber ein Studium bevorzugen.
Die NEOS fordern generell einen breiteren Zugang zum Beruf, auch für Quereinsteiger. Kritisiert wird auch, dass die Anforderungen bei Helferinnen von Bundesland zu Bundesland verschieden seien. Hier brauche es eine Vereinheitlichung.
Neben einem anderen Personalschlüssel wünscht sich Pädagoge Jakob Holzinger auch, dass es beim Berufseinstieg noch Mentoring gäbe. „Im optimalen Fall wäre ein erstes Arbeitsjahr zu zweit in der Gruppe, damit man angeleitet wird, aus den Erfahrungen der Kollegen lernen kann“, so Holzinger, der es sehr schade findet, dass er sowenig männliche Kollegen hat. Er bricht auch eine Lanze für den Beruf: „Es ist abwechslungsreich, die Kinder geben viel zurück, es ist eine große Freude, wenn man sie lächeln sieht. Es ist schön, Kinder ein Stück weit begleiten zu können.“
Zu traditionelle Denkweise
Julia Bammer: „Ich habe das Gefühl, dass in Oberösterreich noch zu traditionelle Denkweisen verhaftet sind, wenn es etwa um Frauen zurück in die Berufswelt geht. Wir wollen beim Thema Kindergarten laut sein, konstruktiv mitarbeiten – wenn sie uns lassen. Ich möchte nicht für, sondern mit wem Politik machen“, lädt sie ein, Erfahrungen mit ihr zu teilen.
Bernadette Pramhaas aus Pettenbach, junge Mutter eines einjährigen Sohnes, hat das bei der Podiumsdiskussion getan. Sie wünscht sich als Mutter von der Politik: „Anerkennen, dass Muttersein eine Arbeit ist, dass es nicht leicht ist. Ich wünsche mir Flexibilität, möchte mich nicht nur nach der Politik richten müssen. Ein selbstbestimmtes Leben führen können, und natürlich, dass mein Kind bestens betreut wird“, ist ihr wichtig. Sie steht vor dem Problem, dass sie bereits bei der Anmeldung ihres Sohnes für einen Platz angeben muss, zu welchen Tagen und Zeiten Betreuung nötig ist. Das könne sie aber nicht, das hänge von ihrem künftigen Job ab, den sie noch nicht habe.
Vorbild Schweden
Natürlich falle das Geld nicht von den Bäumen, so NEOS-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre. Sie nannte aber Schweden, Finnland, Norwegen und Kantone in der Schweiz als große Vorbilder, wenn es um die finanziellen Mittel für die Kinderbetreuung geht. „Schweden und Norwegen geben rund zwei Prozent des BIP für vorschulische Bildung aus, in Österreich sind es 0,6 Prozent. Wir reden hier von ein paar Milliarden im Jahr.“
Und weiter: „Wenn wir sehen, wie viel Verwaltung, Prozesse kosten – jedes Bundesland macht alles selber, es gibt neun Gesetze, jeder hat eine eigene Ausbildung – das ist lächerlich in einem Land mit neun Millionen Einwohnern.“ Zudem würde die Verantwortung hin und her geschoben. „Jede Ebene muss jetzt Geld in die Hand nehmen und die Kräfte bündeln.“ Auch wenn der Bund formell nicht zuständig sei, „es ist eine gesamtstaatliche Aufgabe, das Thema anzugehen. Aber es braucht einen langfristigen Plan, nicht nur für die nächsten Jahre.“ Mittelfristig wolle man den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag.
„Jeder Euro, der hier investiert wird, rechnet sich volkswirtschaftlich allemal“, ergänzt Bammer. „Wo ein Wille, da ein Weg.“ Ihr fehlt es an Bewusstsein, dass es um die ersten Stationen der Bildung, Förderung und Entwicklung von Kindern geht. „Wenn das da wäre, würden wir mehr Geld in die Hand nehmen.“


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