"Alltag nicht bedacht": Tageseltern appellieren erneut, Novelle zu ändern
OÖ. Ein Teil der mit 1. September in Kraft getretenen Oö. Kinderbildungs- und betreuungs-Novelle 2023 bereitet – wie von Tips berichtet – Tageseltern Sorgen. Am Freitag trat der Verein „Aktion Tagesmütter Oberösterreich“ erneut an die Öffentlichkeit, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Der Alltag sei nicht bedacht worden, so Jasmine Chansri, Vorstandsvorsitzende des Vereins. LH-Stellvertreterin Haberlander verweist gegenüber Tips auf den Rechtsanspruch, den die Familien nun haben.

Mit der Novelle wurde eine Erweiterung der Öffnungszeiten der Kinderbildungs- und betreuungseinrichtungen in OÖ eingeführt, wenn Bedarf ab drei Kindern gemeldet ist, muss dieser von der Einrichtung abgedeckt werden. Gleichzeitig muss die Nachmittagsbetreuung in jener Einrichtung stattfinden, in der das Kind auch am Vormittag ist. Die Betreuung durch Tageseltern rein am Nachmittag wird nicht mehr finanziell gefördert.
Dies stellt Tageseltern wie berichtet vor Probleme. Grundsätzlich freut man sich und es sei gut, dass mit der Gesetzesnovelle die Betreuung in Kindergärten erweitert wird und hier viel getan werde, so Jasmine Chansri, seit über sieben Jahren ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins Aktion Tagesmütter OÖ (VTM). Aber beim Punkt der Tageseltern sei der jetzt tatsächlich eintretende Alltag nicht bedacht worden.
Sorgen um Arbeitsplätze
Michaela Breuer, Betriebsratsvorsitzende des VTM, macht sich Sorgen um die Arbeitsplätze und das Einkommen der Tageseltern. „Unsere Kolleginnen sind bestens ausgebildet. Es kann nicht sein, dass sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen, denn ihre Arbeit wird dringend als Ergänzung zu Kindergarten und Krabbelstube benötigt und wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.“ Man müsse bedenken: „Das sind tatsächliche Jobs, die Frauen leben davon.“ Das Einkommen der Tageseltern hängt von der Anzahl der Betreuungsstunden und von der Anzahl der betreuten Kinder ab.
Sie betont auch das familiäre Umfeld bei Tageseltern, und sie seien flexibel. „Gerade in systemrelevanten Bereichen wie dem Handel oder der Pflege gibt es sehr ausgedehnte Arbeitszeiten. Die Gemeinden sind nicht in der Lage, diese Bereiche adäquat abzudecken. Eine Tagesmutter kann den Dienst bis 18, 19 Uhr überbrücken“, so Breuer.
Auch Angelika Riegler, Tagesmutter bei Aktion Tagesmütter OÖ, betont das familiäre Umfeld: „Die Kinder werden in die Familie aufgenommen, spielen mit meinen Kindern im Garten. Wir haben eine ganz starke emotionale Bindung, sind als Bezugsperson da, sind flexibel. Wenn ein Anruf kommt, dass jemand im Stau steht, ist das kein Problem.“
„Wahlfreiheit wichtig“
Die alleinerziehende Mutter Johanna Fürweger aus Wartberg an der Krems ging ebenfalls bereits an die Öffentlichkeit und schilderte auch am Freitag in Linz: „Ich bin Autoverkäuferin in Wels, brauche eine halbe Stunde, um meine Tochter vom Kindergarten abzuholen. Ich kann aber Kunden nicht einfach wegschicken und brauche die Flexibilität einer Tagesmutter. Da reicht ein Anruf, dass ich etwas später komme. Mir ist die Wahlfreiheit einfach wichtig.“
Appell an die Landesregierung
Der Appell des Vereins: Wahlfreiheit weiter bestehen zu lassen, auch das Thema Kindeswohl bedenken: An die Tagesmutter gewöhnte Kinder, sollte dann Betreuung für ein drittes Kind gemeldet werden, würden dann aus dem gewohnten Umfeld gerissen. Und: Tagesmütter sollen von ihrer Arbeit noch leben können, es gehe um Absicherung von Arbeitsplätzen.
Auch wenn das Gesetz schon in Kraft sei, könne man diese kleinen Punkte im Bereich Tagesmütter adaptieren, man suche den positiven Dialog mit der Landesregierung, so Vorsitzende Jasmine Chansri. „Wir sehen uns nicht in Konkurrenz, begrüßen die Erweiterung in den Kindergärten total, aber es muss beides möglich sein. Ich erwarte mir, dass entsprechend reagiert wird.“
Haberlander: „Geht mir darum, Druck auf die Mütter abzubauen“
Aus dem Büro von Bildungs-Landesrätin LH-Stellvertreterin Christine Haberlander (ÖVP) verweist man auf Tips-Anfrage darauf, dass in Oberösterreich Gesetze umgesetzt werden und dazu stehe man. Dieser Regelung seien mehrere Wochen Begutachtung vorausgegangen und das Gesetz wurde im Frühsommer im oö. Landtag beschlossen.
„Wir schaffen mit dem Gesetz erstmalig einen Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung für alle Familien. Die Gemeinden können auch weiterhin mit den Tagesmüttern zusammenarbeiten. Die Tagesmütter sind vielfach pädagogische Assistentinnen und daher eine wesentliche und wichtige Bereicherung. Mir geht es darum, den Druck auf die Mütter, sich selbst Lösungen suchen zu müssen, abzubauen und ihnen Rechtssicherheit zu geben, dass sie darauf vertrauen können, dass eine Krabbelstube, ein Kindergarten bedarfsgerechte Öffnungszeiten hat“, so Haberlander.
Bildungsdirektion: Kulante Behandlung
Aus der Bildungsdirektion heißt es zudem: „Einrichtungen sind bei einem solchen Bedarf auch bis am Abend zu öffnen. Einzelfälle, bei denen Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen bereits sehr gute und umfassende Öffnungszeiten aufweisen (VIF-konform) und aufgrund der Arbeitszeiten der Eltern dennoch einzelne Betreuungsstunden bei Tagesmüttern notwendig sind, werden dabei von der Behörde jedenfalls kulant behandelt.“
NEOS fordern, Regelung rückgängig zu machen
Die NEOS OÖ, damals im Landtag der Novelle nicht zugestimmt, kritisieren, dass die SPÖ damals zugestimmt hat. Die stellvertretende Klubobfrau und NEOS OÖ-Kinderbetreuungsprecherin fordert, dass die Regelung rückgängig gemacht wird. „Bei der momentanen Lage mit viel zu wenigen Kinderbetreuungsplätzen in Kindergärten und Krabbelstuben ist es ein riesiger Fehler, die Grenze, bis zu der Tageseltern gefördert werden, so massiv runterzuschrauben. Tageseltern sind für viele Familien die einzige Lösung, damit sie Flexibilität und Wahlfreiheit haben. Vor allem kleine Gemeinden stehen mit der neuen Novelle vor dem Problem, dass sie oft vom einen auf den anderen Tag ein zusätzliches Betreuungsangebot brauchen, weil nicht zwei, sondern drei Kinder etwa eine Nachmittagsbetreuung brauchen und die Tageseltern dann keine Förderung bekommen.“


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