Zarter Optimismus, aber Oberösterreichs Industrie bleibt unter Druck
OÖ/LINZ. Rezession, hohe Kosten und geopolitische Unsicherheiten setzen Österreichs Industrie weiterhin stark zu. Beim traditionellen Wirtschafts- und Finanzmarktausblick der Industriellenvereinigung (IV) Oberösterreich am Donnerstag in Linz wurde deutlich: Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist zwar erkennbar, doch die Herausforderungen für den Standort bleiben enorm.
Vieles hat sich schon im ersten Monat des neuen Jahres getan, auch Positives, freut sich IV OÖ-Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch etwa über das neue Handelsabkommen mit Indien, ärgert sich aber über die Entwicklungen bei Mercosur. „Ein gutes Papier“ sei die vorgelegte Industriestrategie für Österreich, „Symbolpolitik mit Gießkanne“ hingegen sei die Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel.
Mit Blick auf das aktuelle Konjunkturbarometer sagt Haindl-Grutsch: „Es gibt einen zarten Optimismus, wir sind erstmals seit März 2023 wieder über der Wasseroberfläche.“ Das liege aber nicht an der aktuellen Geschäftslage, sondern an den Erwartungen der befragten Unternehmen in den kommenden sechs Monaten. Euphorie sei daher fehl am Platz. Denn gleichzeitig gehe der Personalabbau in der Industrie ungebremst weiter. Laut Barometer planen 41 Prozent der Betriebe, Personal abzubauen, nur neun Prozent wollen Mitarbeiter aufbauen, zeigt der Barometer.
Nur Platz 26
Besonders dramatisch sei die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit. Österreich liegt im internationalen IMD-Ranking aktuell nur auf Platz 26. Das reale BIP pro Kopf ist laut vorgelegten Statistiken in den letzten 20 Jahren kaum gestiegen. Zentraler Belastungsfaktor: „die Lohnstückkosten sind explodiert in den letzten Jahren.“
„Wir müssen unsere Produktivität wieder in die Höhe kriegen. Dafür hilft uns die Industriestrategie, dafür hilft uns in Oberösterreich die Exzellenzstrategie. Derzeit aber liegt Österreich, trotz Rekordstaatsausgaben, am Ende der Wachstumstabelle von Europa.“
„Österreich kann nicht profitieren“
JKU-Professor Teodoro D. Cocca betonte, dass die Weltwirtschaft insgesamt stabil wachse – Österreich jedoch im internationalen, auch europäischen Vergleich, systematisch zurückfalle. „Österreich hinkt systematisch hinten nach.“
Oberösterreich im speziellen betrachtet, liege zwar besser, aber nicht gut. Die Entwicklung und die Prognosen zum Wirtschaftswachstum seien „fragil“ und stark von geopolitischen Konflikten und Handelsstreitigkeiten abhängig. „Es gibt kaum eine Region in Europa, die geopolitisch so exponiert ist, wie Oberösterreich“, verweist er auf den hohen Industrieanteil und die hohe Exportquote.
Angesichts struktureller Probleme in Österreich und Oberösterreich sei der zentrale Hebel die Produktivität, die stagniere. Wie Haindl-Grutsch verweist er auf die Lohnstückkosten, die nach oben gehen, „hin zu den teuersten.“ Österreich sei aktuell nicht in der Lage, vom Wachstum anderer Länder zu profitieren, aufgrund dieser hohen Lohnstückkosten.
Ein Blick auf den Finanzmarkt – Gold und US-Techaktien sind aktuell die besten Anlageklassen – bringt es für Cocca auf den Punkt, „gegensätzlicher könnten die zwei nicht sein: Gold ist Ausdruck der Angst, die Suche nach Sicherheit in Zeiten der Unsicherheit.“ Auf der anderen Seite sei der Bereich Innovation und KI einer, der Gutes bringen, die volkswirtschaftliche Entwicklung vorantreiben und den Wohlstand weiterbringen solle.
voestalpine: Stabilität trotz schwierigem Umfeld
Einblicke aus der Praxis lieferte bei der IV OÖ-Veranstaltung voestalpine CFO Gerald Mayer. Der Konzern sei durch seine breite Aufstellung derzeit „solide und stabil“ ausgelastet. Gleichzeitig sind Restrukturierungen notwendig, wie Mayer zugibt.
Die Stahlindustrie stehe langfristig vor großen Herausforderungen, vor allem durch hohe Arbeits- und Energiekosten sowie CO₂-Zertifikatspreise. Mayer forderte eine Anpassung der europäischen Rahmenbedingungen, verweist gleichzeitig darauf, dass es für die Umstellung ausreichend grüne Energie und die Netzinfrastruktur brauche.
Kein Einnahmen-, sondern Ausgabenproblem
Haindl-Grutsch kritisierte, dass Österreich kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem habe, das nötige Reformpaket fehle. „Österreich ist weltweit die Nr. 1 bei den Sozialausgaben, die Nr. 3 bei den Staatsausgaben in Europa, hat zugleich Rekordeinnahmen, aber das Budget ist massiv unter Druck.“ Positiv hebr er für Oberösterreich allerdings einen „soliden Haushalt mit Schuldenbremse“ hervor.
Der einzige Weg für Reformen sei es, die Ausgaben in den Griff zu bekommen, um Geld dafür zu haben, so auch Cocca. „Eine Senkung der Lohnstückkosten ist zum Beispiel nur durch eine Steuersenkung möglich, dafür braucht es aber das Budget.“ Sparen könnte man, geht es nach Haindl-Grutsch, etwa bei überbordenden Förderungen.
Große Hoffnung wird auf die ausgearbeitete OÖ Exzellenzstrategie gesetzt, die Industrie und Forschung stärker vernetzen werde – insbesondere im Bereich KI. Auch Projekte wie ein neuer „Star-Truck“, der ab März unterwegs MINT-Erlebnisse direkt vor Schulen bringt, sollen junge Menschen für Industrie und Digitalisierung begeistern.
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