Charlotte-Taitl-Haus in Ried: „Erinnerung, du Wächter des Gehirns“. RIED.
Rund 70 Besucher wohnten im Charlotte-Taitl-Haus der Präsentation Jehovas Zeugen – die „vergessenen Opfer“ des NS-Regimes bei. Der Lern- und Gedenkort bildet seit 2017 einen würdigen Rahmen zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und Faschismus im Bezirk Ried.

Auf dem Weg zum Museumsraum geht es entlang einer tiefgrauen Wand mit weißem Schriftzug. Darauf sind die Worte von William Shakespeare von rechts nach links zu lesen: „Erinnerung, du Wächter des Gehirns.“ Sie mahnen, aus der Vergangenheit zu lernen, Toleranz zu denken und Menschlichkeit zu leben.
Der Name könnte nicht besser gewählt sein. Charlotte Taitl, geboren 1896 und 1944 in Ausschwitz verstorben, ist eines der 196 Opfer des NS-Regimes in Ried. Der Lern- und Gedenkort trägt ihren Namen und möchte somit allen Opfern ihre Namen zurückgeben und sie der Vergessenheit entreißen, so die Formulierung der Stadtgemeinde. Auf Biografie-Stelen werden die Lebensgeschichten von 26 Opfern erzählt. Darunter auch jene von Juliane Stockmaier, geborene Schönbrunner. Sie wurde am 10. November 1885 in Suben geboren, kehrte als 40-Jährige 1925 der katholischen Kirche den Rücken und wurde 1939 von der Gestapo verhaftet. Nach drei Jahren im Konzentrationslager Ravensbrück deportierte man Juliane ins KZ Ausschwitz, wo man ihre Sterbeurkunde genau an ihrem 58. Geburtstag, dem 10. November 1942, ausstellte.
Kunstinstallation „Judis“
Die Biografie-Stelen hinterlassen einen tiefen Eindruck. Verstärkt wird dieser noch durch die Kunstinstallation von Michaela Hartnack-Dachauer (1966 bis 2015). Die Künstlerin erfuhr bei einer „Geh-denk-Wanderung“ durch Ried vom Schicksal des noch nicht einmal drei Jahre alten Mädchens namens Judis. Mit ihren Eltern, Ernestine und Siegmund Flieger, die dem jüdischen Glauben angehörten, wurde Judis am 6. Oktober 1944 nach Ausschwitz gebracht. Ernestine und Judis starben nach wenigen Tagen. Siegmund wurde im Mai 1945 von den Amerikanern aus dem KZ Mauthausen befreit. Er erzählte später: „Mir wurde unser Sonnenschein Judis an der Rampe von Ausschwitz aus den Armen gerissen und sofort zum Tod geworfen.“
Davon tief bewegt, schuf die Künstlerin Hartnack-Dachauer umgehend die Installation „Judis“. Diese zeigt sieben aus Seidenpapier geformte Kinderköpfe. Das Material symbolisiert die Verletzlichkeit von Kindern, die Gewalt und Hass ausgesetzt sind. Die Kinderköpfe sind mit „SS-Flocken“ aus Styropor verschüttet, die für die Bedrohung des NS-Regimes gegenüber unschuldigen Kreaturen stehen.
Bericht der Gestapo Linz
Gedanklich noch bei der Installation „Judis“ eröffnet Ing. Richard Jansko, BEd. geprüfter OÖ-Heimatforscher, „Bundschuh“-Redakteur und Mitglied des Vereins Lila Winkel, um 19:00 Uhr die Veranstaltung. Jansko erzählt die Geschichte von Jehovas Zeugen in Ried, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, und präsentiert den Bericht der Gestapo Linz, der folgende Gründe für die erbitterte Verfolgung nennt: „Praktisch wirkt sich die Lehre so aus, dass die Anhänger den Wehrdienst … den Bau von Kasernen und die Herstellung von Kriegsgeräten verweigern.“
Musikstück im KZ komponiert
Der umtriebige Heimatforscher erklärt ausführlich die Hintergründe vieler Einzelschicksale und zeigt stolz entdeckte Fotos der Gestapo und bedeutende Archivfunde, die an diesem Abend zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Eine andere Geschichte bewegt gleich doppelt – ideologisch und musikalisch. Der begnadete Musiker und Klavierspieler Erich Frost stellte sich mutig gegen das NS-Regime und organisierte eine reichsweite Flugblattaktion, die die boshaften Angriffe der Nationalsozialisten gegen Jehovas Zeugen bloßstellte. Kurze Zeit später wurde er von der Gestapo verhaftet und erlebte schwere Misshandlungen.
Im KZ Sachsenhausen komponierte er das Musikstück „Vorwärts ihr Zeugen“, das seinen inhaftierten Glaubensangehörigen Mut machen sollte. Die rund 70 Besucher kamen in den Genuss, dieses Musikstück live gesungen und in Klavierbegleitung zu hören – eine Komposition, die Jehovas Zeugen noch heute bei ihren Gottesdiensten singen.
Kurioses „Marterl“
Jansko präsentiert eine weitere Besonderheit. Seines Wissens gebe es diesen Fall nur einmal. Adolf Zierler war ein junger, kräftiger Mann, der mehr im Wald bei den Holzknechten war als in der Schule. Durch einen Holzknecht lernte er den Gott der Bibel kennen und wurde ein überzeugter Bibelforscher, wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden. Sein Jugendfreund, Sepp Mangelberger, erlebte, wie Adi über Nacht ein völlig anderer Mensch wurde. Bei seiner Musterung protestierte er gegen den Krieg mit den Worten: „Den Rock des Henkers zieh ich nicht an.“ Er wurde zum Tode verurteilt. Trotz sechswöchiger Bedenkzeit hielt er konsequent an seiner Überzeugung fest und wurde am 15. Dezember 1939 in Berlin-Plötzensee enthauptet. Sepp Mangelberger erlebte, wie immer wieder von anderen NS-Opfern berichtet wurde. Sein Freund Adi war nicht dabei und so schnitzte er in Erinnerung an Adolf Zierler ein Marterl, das er bei der Weißenbachklause in Schneegattern aufstellte. Für Jansko der einzige Zeuge Jehovas, für den es ein Marterl gibt.
„Wird morgen wieder geschehen …“
Nach eineinhalb Stunden leitet der Heimatforscher das Ende der Veranstaltung mit einem Zitat von Paulo Coelho ein. Der brasilianische Bestsellerautor schrieb in seinem Werk „Die Spionin“, das 2016 erschien: „Doch was heute geschieht, geschah auch schon gestern und wird morgen wieder geschehen und bis ans Ende der Zeit – es sei denn, der Mensch begreift, …“
Die rund 70 Besucher sind gewillt, zu „begreifen“. Dazu ermutigt auch der Sprecher des Vereins M.u.T. (Menschlichkeit und Toleranz), Dipl.-Ing. Josef Brandstetter. Er untermauert als Veranstalter das Ziel seines Vereins, der für Toleranz und Frieden, für Menschenrechte und Humanität sowie für Chancengerechtigkeit und Solidarität mit allen Menschen steht. Brandstetter lädt abschließend dazu ein, den Lern- und Gedenkort Charlotte-Taitl-Haus öfter zu besuchen, denn „Erinnerung ist der Wächter des Gehirns“.







