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„Du kannst viele Leute in der Stadt glücklich machen, wenn du einen guten Job machst“

Walter Horn, 26.07.2026 12:12

RIED. Mit der Wahl ihres neuen Trainers sorgte die SV Ried mal wieder einmal für eine Überraschung. Den 41-jährigen Deutsch-Kroaten Mario Despotovic, der zuletzt seit 2021 beim ägyptischen Erstligisten Wadi Degla als Sportdirektor tätig war, hatte wohl niemand auf der Rechnung.

Mario Despotovic ist seit Mitte Juni Trainer der SV Oberbank Ried. (Foto: SVR/Stüber)
  1 / 2   Mario Despotovic ist seit Mitte Juni Trainer der SV Oberbank Ried. (Foto: SVR/Stüber)

Tips:Wie ist der erste Kontakt mit der SV Ried zustande gekommen?

Despotovic: Die Fußballwelt ist sehr klein und man lernt sich da auch kennen. Es gab dieses TransferRoom-Meeting in Berlin, da kommen alle Sportdirektoren und technischen Direktoren zusammen. Da lernt man sehr viele Leute aus der Fußballwelt kennen. Ich kenne auch vom Taktikblog „Spielverlagerung“ her noch einige Leute. Früher war ich ja auch im Internet im Taktik-Blog unterwegs. Den Moritz Koßmann, der jetzt bei uns ist, kannte ich schon seit einigen Jahren. Wenn du Sportdirektor bist, ist es normal, dass du bei solchen Terminen sehr viele Leute aus verschiedenen Ländern und Vereinen kennenlernst.

Tips:Was hat Sie an der Aufgabe in Ried gereizt?

Despotovic: Ich habe gesehen, dass die Fans und die Stadt geschlossen hinter dem Verein stehen. Das finde ich sehr wichtig, weil du dann auch für etwas spielst. Du kannst viele Leute in der Stadt glücklich machen, wenn du einen guten Job machst. Mit Wolfgang Fiala, Lukas Brandl und mit dem Trainerteam sind Leute hier, die dazu passen und sehr „out of the box“ denken. Dann hast du als Trainer auch die Möglichkeit, dich weiterzuentwickeln, aber auch gemeinsam mit den Leuten zu wachsen. Das ist für mich sehr wichtig. Ich finde, dass der Verein schon letzte Saison eine gute Grundlage hatte. Für mich war es immer positiv, dass man Dinge, die gut waren, übernehmen und weiterentwickeln kann. Ich hatte in verschiedenen Kulturen die Möglichkeit, etwas zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Und ich wollte auch schon immer Trainer sein.

Tips:Lieber Trainer als Sportdirektor?

Despotovic: Ja, es ist eine andere Aufgabe. Ich finde es sehr gut, wenn man Spieler besser machen und Menschen entwickeln kann, wenn man zusammen wachsen kann. Als Trainer hast du einen noch direkteren Kontakt und kannst viel mehr Dinge selbst anpacken – in der täglichen Arbeit, um Spieler weiterzuentwickeln. Als Sportdirektor siehst du mehr die strategischen Sachen. Das ist natürlich auch interessant und wichtig. Aber diese Beziehung zu den Spielern und die Arbeit auf dem Feld machen mir am meisten Spaß. Ich glaube, dass mehr und mehr Vereine über Strategien nachdenken und darüber, wie man langfristig planen muss. Es gibt ein Modell, bei dem jedes Mal der Manager oder der Cheftrainer alles entscheiden und viel verändern kann. Das besseres Modell ist aber, wenn der Verein eine stabile Struktur hat mit dem Sportdirektor, der strategischer denkt. Wenn ein neuer Trainer kommt, muss er zu diesem Stil passen und sich in diese Struktur eingewöhnen. Ich habe jetzt beide Seiten kennengelernt und finde, dass dieses Modell objektiv viel Sinn macht. Wenn du dann siehst, dass eine Struktur da ist, in der du gut mitarbeiten und reinpassen kannst, dann ist das schon eine gute Möglichkeit.

Tips:Hatten Sie die SV Ried vorher schon irgendwie am Schirm – sportlich oder als Traditionsverein?

Despotovic: Schon durch „Spielverlagerung“. Da wurde von Kollegen schon mehrmals geschrieben, dass in Ried gute Arbeit gemacht wird. Dann hört man sich das an und denkt: Ja, das macht schon Sinn. Auch als der Verein in der zweiten Liga war, hat man das ein bisschen verfolgt. Man war dann auch sehr happy, als der Verein aufgestiegen ist. Und wenn man sieht, dass sie in der ersten Saison in der Bundesliga gut gespielt haben, dann freut einen das auch. Das sind Sachen, die man verfolgt, wenn gute Trainer im Verein sind. Das war hier der Fall.

Tips:Was war in den Gesprächen mit der sportlichen Führung ausschlaggebend dafür, dass Sie den Job angenommen haben? Bei Ried kann man sich kaum vorstellen, dass es das Geld war.

Despotovic: Ich war generell nie jemand, der dem Geld nachgelaufen ist. Ich glaube, wenn du gute Arbeit machst, Erfolg hast oder Spieler weiterentwickelst – je nachdem, wo du arbeitest –, dann kommt das Geld irgendwann automatisch nach. Mit Ried waren die Gespräche immer gut, weil man hier eine Einheit sieht. Der Verein weiß, was er will und wie er strategisch aufbaut. Ich finde es auch gut, dass hier ein bisschen „out of the box“ gedacht wird und nicht immer nur die gleichen Trainernamen gewählt werden. Man hat gesehen: Wenn es eine spannende Lösung gibt, dann sind wir offen dafür – das zeigt Mut und den Blick nach vorne. Das hat mir imponiert.

Tips:Die Mannschaft wird gerade stark umgebaut. Einige wichtige Spieler sind weg, dafür kommen ziemlich viele neue. Wie schaffen Sie möglichst schnell Stabilität im Team?

Despotovic: Ich glaube, dass die neuen Spieler mit sehr viel neuer Energie kommen. Sie wollen sehr viele Informationen und sich so schnell wie möglich integrieren. Das finde ich immer gut. Wie man das macht? Erst einmal über Kommunikation. Das heißt, sie müssen sehr schnell verstehen, was wir im Spiel wollen, und wir müssen als Mannschaft so schnell wie möglich ähnlich denken. Wenn wir eine Spielidee haben, müssen wir so schnell wie möglich alle zusammen verstehen, was die Idee ist. Dann versuchen wir, im Spiel auch die gleichen Lösungen zu sehen. Das dauert, aber mit Videoanalysen und Einzelgesprächen kann man den Spielern das schneller beibringen.Wichtig ist, dass die Spieler offen dafür sind und neue Dinge lernen wollen. Im Moment sehe ich bei allen Spielern im Kader, dass sie offen dafür sind. Das macht Spaß.

Tips:Es wird jetzt meistens Englisch geredet?

Despotovic: Englisch und Deutsch, wir mixen das. Wenn ein Spieler noch kein Deutsch spricht, dann muss man mit ihm auf Englisch reden. Wir haben auch ein paar Leute im Verein, die Französisch können. Aber solche Dinge sind im Fußball normal. Es gibt auch Technologien, mit denen man Meetings übersetzen kann. Das nutzen wir in Gesprächen, damit wir ausländische Spieler so schnell wie möglich integrieren.

Tips:Wie wichtig ist Ihnen die Grundordnung? Wird es eine neue Spielweise geben? Bei den Testspielen war es von der Aufstellung her eher ein 4-2-3-1, aber bisher wurde in Ried meistens mit Dreierkette gespielt.

Despotovic: Ich bin ein Trainer, der das von Gegner zu Gegner anpasst, wenn es sein muss. Wir haben in der Offensive eine Grundstruktur und in der Defensive eine etwas andere. Jede Formation kann offensiv oder defensiv ausgelegt werden. Es heißt also nicht automatisch, dass es positiv oder negativ ist, wenn man mit Vierer- oder Fünferkette spielt. Das muss auf die Spielerprofile angepasst werden. Im Moment [Anm. d. Red.: Das Interview wurde noch vor dem Testpiel gegen Essen geführt„ haben wir das letzte Spiel, wie Sie richtig gesagt haben, aus der Grundordnung mit einer Viererkette gemacht. Jetzt haben wir noch ein paar Spiele, um das zu testen. Wenn es gut klappt, können wir das weiterentwickeln. Wenn wir sehen, dass etwas angepasst werden muss, dann werden wir es anpassen. Alles, was gemacht werden muss, um eine größere Wahrscheinlichkeit zu haben, zu gewinnen, werden wir machen.

Tips:Welche Prinzipien sollen Ihre Mannschaft auszeichnen? Pressing, Umschaltspiel oder etwas anderes?

Despotovic: Ganz generell wollen wir so tief wie möglich spielen. Wenn der Gegner uns Räume hinter der letzten Linie anbietet, wollen wir diese Räume ausnutzen. Dann müssen wir ein bisschen direkter spielen. Wenn der Gegner tief steht, wollen wir immer noch gut mit dem Ball sein, ihn verschieben und Räume kreieren. Es kommt darauf an, was der Gegner macht, welche Räume er uns anbietet und wie wir das ausnutzen können. Ich bin kein Trainer, der sagt: Ich will ganz genau nur das haben. Du musst sehen, was der Gegner dir anbietet, und dann versuchen, das auszunutzen. Defensiv ist es spiegelverkehrt. Wir wollen so hoch wie möglich pressen, also so weit weg von unserem Tor wie möglich. Wenn ein Gegner aber sehr gut ist und uns jedes Mal ausspielt, wollen wir auch in der Lage sein, phasenweise tief zu verteidigen, dann wieder hochzuschieben und wieder hochzupressen. Umschaltmomente sind extrem wichtig. Wir wollen in jedem Umschaltmoment sehr gut im Konter sein. Wenn wir den Ball verlieren, wollen wir ihn so schnell wie möglich wiedergewinnen.

Tips:Worauf legen Sie im Training besonderen Wert? Arbeiten Sie viel mit Video und individuellen Analysen? Wie viele Informationen vertragen die Spieler überhaupt?

Despotovic: Wir machen jeden Tag Training auf dem Platz. Wenn eine Videovorbereitung notwendig ist, wird sie davor gemacht. Generell haben wir jede Woche individuelle Analysen mit den Spielern und auch Teamanalysen nach dem Spiel. Dazu kommen Teamanalysen zur Vorbereitung auf den Gegner. Wenn es noch Dinge gibt, die wir neu dazunehmen, dann gibt es dafür eine zusätzliche Analyse. Ich glaube, der Fokus der Spieler liegt meistens bei 15 bis 20 Minuten, und ich versuche, mich daran zu halten. Es sollen keine sehr langen Einheiten werden. Danach wird es für die Spieler schwieriger, konzentriert zu bleiben. Aber es ist individuell. Manche Spieler wollen noch mehr Analysen haben, mit denen machen wir mehr. Andere sagen: Mir ist schon alles klar, du musst nicht alles wiederholen. Dann reden wir mit ihnen über andere Dinge, etwa über ihre Aktionen aus dem letzten Spiel.

Tips:Was sagen Sie zu den neuen Regeln? Die Rieder haben zeitweise doch ein bisschen Zeit herausgeholt, etwa bei Einwürfen, Freistößen und so weiter. Oder wenn man diese Hydration Breaks nimmt: Ist das für Sie eher eine neue taktische Möglichkeit oder unterbricht das den Rhythmus?

Despotovic: Man kann beides sagen. Als Trainer kannst du dann noch ein paar taktische Inputs geben, das finde ich gut. Auf der anderen Seite: Wenn du gerade in einem Flow bist und in diesem Moment gut spielst, dann hat der Gegner vielleicht die Möglichkeit, taktisch etwas mitzugeben. Man kann das immer von beiden Seiten sehen. Ich passe mich an die Regeln an. Wir werden versuchen, das für uns positiv zu nutzen. Wir haben noch die Schiedsrichterschulung bei uns im Verein. Die werden uns genau erklären, wie viele Sekunden man hat und wie das funktioniert. Wir werden spezifische Fragen dazu haben und dann das Bestmögliche machen, um uns anzupassen, damit wir die höchsten Erfolgschancen haben.

Tips:Sie haben lange in Ägypten gearbeitet. Was haben Sie dort sportlich, kulturell und menschlich für Ihre Trainerkarriere mitgenommen?

Despotovic: Ich glaube, du kannst in jeder Kultur etwas mitnehmen, wenn du offen bist. Es hat mir sehr im Zwischenmenschlichen geholfen, weil die Leute dort emotionaler sind. Jedes Wort, das du sagst, kann auf die Goldwaage gelegt werden. Man muss also schon aufpassen, wie man mit jemandem redet. Es gibt auch eine klare Hierarchie im Verein, und du musst dich an diese Dinge anpassen. Die Fanwelt ist sehr emotional, die Leute lieben Fußball. Das war für mich sehr wichtig. Du kannst auch sehr viel aus der Sicht eines Sportdirektors lernen: Wie sieht das in einer fremden Kultur mit Beratern, Ligen und Verträgen aus? Gleichzeitig gibt es viele Dinge, die dem europäischen Fußballmarkt ähnlich sind. Wenn du siehst, dass TransferRoom Sportdirektoren aus der ganzen Welt verbindet, dann merkst du: Im Grunde wollen alle gute Spieler holen – und zwar so günstig wie möglich.

Tips:Wie ist denn das Niveau in der Liga dort?

Despotovic: Die Liga ist sehr unterschiedlich. Du hast Vereine wie Al Ahly, die auch bei der Klub-Weltmeisterschaft dabei waren und dort gute Spiele gemacht haben. Auch die ägyptische Nationalmannschaft hat eigentlich eine gute WM gespielt. Ich würde sagen, es gibt drei oder vier Vereine, die drüberstehen. Die besseren Vereine könnten in der Bundesliga in Österreich bestehen. Die Mittelfeldmannschaften würden hier eher gegen den Abstieg kämpfen.

Tips:Wie war in Ägypten der Umgang mit den Medien oder mit den Fans?

Despotovic: Social Media ist in Ägypten sehr, sehr wichtig. Die Spieler investieren dort sehr viel Zeit in Social Media. Auch Mode ist in den sozialen Medien sehr wichtig. Jeder Verein hat Fotografen, das wird auf einem sehr hohen Niveau gemacht. Da wird sehr viel preisgegeben. Die Berichterstattung – das ist mein Eindruck – ist sehr positiv. Die Leute gehen sehr positiv mit den Dingen um. Du musst natürlich immer mit einem Übersetzer dabei sein, wenn du mit den Medien sprichst oder im Fernsehen bist. Ich fand es manchmal schwierig, weil du nie ganz genau weißt, was übersetzt wurde. Dann ist es auch schwierig, Emotionen rüberzubringen und Dinge genau zu erklären. Aber generell war es eine gute Erfahrung.

Tips:Wird Ihre Familie in Ried wohnen?

Despotovic: Meine Verlobte war jetzt zwei Tage hier, um mit mir umzuziehen. Ihr Vater und ihre Mutter sind mitgekommen. Jetzt ist sie wieder zurück in Kroatien und bleibt den Sommer über dort. Im Moment haben wir hier viel zu tun. Da müsste sie den ganzen Tag auf mich warten. Deshalb ist es besser, wenn ich aktuell alleine hier bin und mich auf die Mannschaft und die Dinge fokussieren kann, die wir erledigen müssen. Wenn alles besser eingespielt ist, hoffe ich, dass sie so früh wie möglich kommt. Es ist schon einfacher, wenn du jemanden hier hast und auch über andere Dinge redest – nicht den ganzen Tag nur über Fußball.


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