„Bis zum Ende der Wahlperiode wartet noch viel Arbeit“
RIED. In der vergangenen Woche gab der Rieder Bürgermeister Albert Ortig bekannt, dass er zur Bürgermeisterwahl im Herbst nicht mehr antreten werden. Tips bat ihn daraufhin zum Gespräch.

Tips: Die Bekanntgabe, dass Sie nicht mehr antreten, kam etwas überraschend. Viele haben vermutet, dass Sie noch einmal antreten und dann nach einiger Zeit das Amt übergeben. Warum fiel der Entschluß gerade jetzt?
Ortig: Ich habe mir diesen Schritt gut überlegt. Hätte ich ihn schon im Vorjahr bekanntgegeben, wäre ab diesem Moment der Wahlkampf eröffnet gewesen. Auf diese Weise war es möglich, die gute Zusammenarbeit aller Rathausparteien bis heute fortzusetzen und den Wahlkampfmodus auf wenige Monate zu beschränken. Ich glaube, dass die Riederinnen und Rieder dafür Verständnis haben.
Tips: War der Zeitpunkt frei gewählt? Gab es Einflüsterungen oder Druck von der Stadt- oder Landespartei?
Ortig: Selbstverständlich war das meine persönliche Entscheidung. Es hätte wohl auch niemand angenommen, mich in dieser Sache unter Druck setzen zu können.
Tips: Sie hatten bei der letzten Wahl 13 und vorher sogar einmal fast 20 Prozent mehr Stimmen als Ihre Partei und galten auch für den Herbst als Favorit. Bernhard Zwielehner hingegen ist in der Öffentlichkeit noch kaum bekannt. Wie schwer wird es mit dem neuen Kandidaten für die ÖVP, weiterhin den Bürgermeister zu stellen?
Ortig: Bei jeder Wahl werden die Karten neu gemischt. Durch seine berufliche Tätigkeit und sein ehrenamtliches Engagement bringt Bernhard Zwielehner wichtige wirtschaftliche und soziale Kompetenzen für das Bürgermeisteramt mit. Er wird sicher alles daransetzen, um die Riederinnen und Rieder in den kommenden Wochen davon zu überzeugen.
Tips: Bernhard Zwielehner wurde von der Stadtpartei sehr schnell nominiert. Gab es im Vorfeld noch andere Kandidaten oder war es klar, dass der Bürgermeister-Kandidat wieder vom Wirtschaftsbund kommt?
Ortig: Es gab eine Reihe von geeigneten Personen aus verschiedenen Bünden und Teilorganisationen, die als Kandidaten in Frage kamen. Es ist zu respektieren, dass sie diese bedeutsame persönliche Entscheidung vorerst ohne öffentliche Diskussion treffen wollten. Zum gegebenen Zeitpunkt ist die Festlegung auf Bernhard Zwielehner dann rasch und einstimmig erfolgt.
Tips: In der Rieder ÖVP dürfte es jetzt einen Generationswechsel geben – bis jetzt haben auch Vizebürgermeisterin Gabriele Luschner und Stadtrat Thomas Brückl angekündigt, im Herbst nicht mehr anzutreten. Glauben Sie, dass es in der Politik oder im Stil größere Änderungen geben wird?
Ortig: Jede Generation steht vor neuen Herausforderungen und hat eigene Sicht- und Herangehensweisen. Das sprichwörtliche Rieder Klima ist seit Jahrzehnten geprägt von gegenseitiger Achtung und dem Willen, Herausforderungen im Sinne der Stadt gemeinsam zu lösen. Ich sehe keinen Grund, warum dieses erfolgreiche Modell nach der nächsten Wahl nicht fortgesetzt werden sollte.
Tips: Was war für Sie die größte Herausforderung während Ihrer Amtszeit?
Ortig: Als größte Herausforderung habe ich in all den Jahren eines betrachtet: Als Bürgermeister immer so ausgleichend zu handeln, dass es bei Entscheidungen so weit wie möglich nicht Gewinner und Verlierer gibt, sondern die bestmögliche Lösung für die Stadt Ried und die Menschen, die hier leben.
Tips: Was würden Sie rückblickend als Ihren größten Erfolg bezeichnen?
Ortig: Dass das in den allermeisten Fällen gelungen ist und die Stadt Ried samt ihren Betrieben heute sehr, sehr gut aufgestellt ist.
Tips: Und was als Ihren größten Misserfolg? Ist einmal etwas wirklich schief gegangen?
Ortig: Das mögen andere beurteilen.
Tips: Es hieß oft: „Der Ortig hat in der eigenen Partei mehr Probleme als mit den anderen Parteien im Stadt- und Gemeinderat.“ Können Sie das bestätigen?
Ortig: Es ist umgekehrt: Ich bin dankbar, dass nicht nur die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der ÖVP-Fraktion ausgezeichnet ist, sondern auch mit den Mandatarinnen und Mandataren aller anderen Parteien in Stadt- und Gemeinderat. Dadurch konnte in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Zukunftsprojekten für Ried auf den Weg gebracht und erfolgreich umgesetzt werden.
Tips: Wie hat sich die Kommunalpolitik im letzten Vierteljahrhundert verändert?
Ortig: Bei manchen Themen hat sich die Gewichtung geändert, viele Herausforderungen sind gleichgeblieben – Stadtentwicklung, Wirtschaftskraft, Lebensqualität, Sicherheit, Verkehr sind immer noch zentrale Handlungsfelder, um nur einige zu nennen. Sorge bereitet mir aber das steigende Konflikt- und Aggressionspotenzial und die zunehmende Gewaltbereitschaft bei manchen Bürgerinnen und Bürgern, mit der nicht nur wir Mandatare, sondern auch die Mitarbeiter der Stadtgemeinde konfrontiert sind. Das ist leider keine gute Entwicklung.
Tips: Fällt Ihnen der Abschied vom Amt jetzt schon schwer oder wird das erst in etwas einem halben Jahr nach der Wahl kommen?
Ortig: Für Abschiedsgedanken ist es noch zu früh, denn bis zum Ende der Wahlperiode wartet noch viel Arbeit, die wir in den Gremien gemeinsam zu erledigen haben: Generalsanierung von Volksschule 1 / Mittelschule 2, Fertigstellung des Kindergartens St. Elisabeth, Straßensanierungen, weitere Zukunftsmaßnahmen für die Innenstadt mit ihren vielen Handels-, Dienstleistungs- und Gastronomiebetriebe und vieles mehr.
Tips: Nach 27 Jahren in der Öffentlichkeit kommt der Rückzug ins Private. Haben Sie schon Pläne für die „Zeit danach“?
Ortig: Nein, dazu bin ich noch nicht gekommen. Mit 71 ist es das Allerwichtigste, gesund zu bleiben. Alles andere ergibt sich dann.
Tips: Haben Sie sich schon einmal Gedanken über Ihr „Erbe“ oder politisches Vermächtnis gemacht?
Ortig: Nein, das klingt mir viel zu sehr nach Nachruf. Ich freue mich darauf, dass nun die nächste Generation Verantwortung übernimmt und dass sie dabei auf guten Voraussetzungen aufbauen kann.
Tips: Sie waren fast 27 Jahre lang Bürgermeister – das macht man nicht, wenn man diese Arbeit nicht gerne macht. Was ist das Besondere am Amt des Bürgermeisters?
Ortig: Ich bin jeden Tag gerne Bürgermeister, heute genauso wie vor 27 Jahren. Es ist ein Privileg, Verantwortung für seine Heimatstadt zu tragen und für ihre Zukunft zu arbeiten. Der tägliche Kontakt mit den Menschen und die Genugtuung, gerade auch den Schwächeren in der Gesellschaft in manchen schwierigen Situationen helfen zu können, machen dieses Amt so besonders.
Tips: Können oder wollen Sie Ihrem Nachfolger – egal, wer es wird – einen Rat mit auf den Weg geben?
Ortig: Wer immer mein Nachfolger wird, braucht keinen Rat von mir. Alle fünf Kandidaten sind Persönlichkeiten, die ihren eigenen Weg gehen.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden