Reden wir über psychosoziale Nöte: Voi Lebm bricht mit Tabuthema
BEZIRK ROHRBACH. Etwa zwei Jahre ist es her, seit der Lembacher Josef Habringer seine Vision genannt hat: Er möchte 2040 sagen können, dass es in den letzten Jahren keinen Suizid in der Region mehr gegeben hat. Damit hat er ein Tabuthema aufgegriffen, über das viel zu oft geschwiegen wird. Und das war zugleich Anstoß für eine kleine Arbeitsgruppe innerhalb des Leaderprojekts Voi Lebm, sich Gedanken darüber zu machen, wie man Hilfe zu den Leuten bringt, die diese nötig haben.

Größte Herausforderung sei es, die Menschen zu stärken, „gerade in unserer schnellebigen Zeit“, sagt Josef Habringer, der als Lehrer in der Neuen Mittelschule Lembach – so wie sehr viele Lehrer – seine Schüler stark machen und dafür sorgen will, dass sie sich was zutrauen. „Ich bin einmalig – auch du darfst anders sein: Das muss unser Leitsatz sein. Denn wenn jemand so akzeptiert wird, wie er ist, dann macht das stark. Unsere Gesellschaft braucht Toleranz und Solidarität. Und wir müssen auf den Einzelnen schauen“, ist Habringer überzeugt.
Als er seine Vision von einer suizidfreien Region geäußert hat, haben ihn gerade drei Selbstmorde innerhalb seines Bekanntenkreises beschäftigt. Tatsache ist, dass es mehr Suizide als Verkehrstote gibt. Es wird aber nicht darüber geredet, genauso wenig wie über psychosoziale Probleme. „Wir haben hier ein Kommunikationsproblem. Dabei muss es völlig normal sein, dass man auch über psychische Erkrankungen reden kann, ohne abgestempelt zu werden.“
Krankheit, die man behandeln kann
Schulpsychologin Birgitta Klammer-Barabasch kann dem nur zustimmen. „Wenn mein Kind schlecht sieht, ist es selbstverständlich, dass es eine Brille bekommt. Emotionale, psychische Erkrankungen hingegen werden tabuisiert. Wesentlicher Punkt zur Prävention ist deshalb, darüber zu sprechen. Und es muss einem nicht peinlich sein, sich Hilfe zu holen“, betont sie. Depression etwa bei Jugendlichen sei keine Fehlerziehung oder jemandes Schuld, „das ist eine Krankheit, die man behandeln kann.“
Webseite für soziale Hilfe
Wie findet man aber nun jene Hilfe und Unterstützung, die man braucht, genau zum richtigen Zeitpunkt? Hier will das Leaderprojekt Voi Lebm ansetzen: Regelmäßig wird vom Sozialhilfeverband ein Verzeichnis der Beratungs- und Sozialeinrichtungen im Bezirk aufgelegt. Dieses soll aufbereitet, ergänzt, adaptiert und vor allem Smartphone-tauglich gemacht werden. „Wir planen eine digitale Plattform zur Selbsthilfe, Beratung und über psychosoziale Dienste. Hier sollen Professionisten, Organisationen, Notfalldienste aber auch Ehrenamtliche, die in diesem Bereich tätig sind, vernetzt sein. Information soll auf sehr niederschwelligem Zugang jederzeit abrufbar sein“, erklärt Jutta Müller, Leiterin des Frauennetzwerk Rohrbach, näher. „Wir müssen es schaffen, dass man Menschen, die in einer Krise sind, wahrnimmt und unterstützt, sodass sie keinen Freitod wählen müssen“, bringt sie es auf den Punkt.
Workshops und Fachtagung
Jedes Jahr soll außerdem in einer anderen Gemeinde eine Veranstaltung zur psychosozialen Gesundheit stattfinden. Auch das 30-jährige Jubiläum des Frauennetzwerkes im Juni 2019 wird unter diesem Thema stehen.
Für Jugendliche wird es von Oktober bis Mai insgesamt 25 Workshops geben, die stark machen und Selbstbewusstsein geben: Das Angebot reicht vom Kampfsport, Theater, Skaten über Naturkosmetik oder Fotografie bis hin zur Rhetorik und Zivilcourage.
Hinschauen und Zuhören, damit sich keine depressive Stimmung manifestiert
Depressionen entwickeln sich oft im jugendlichen Alter. Diese müsse man rechtzeitig abfangen, bevor sie im Erwachsenenalter die Lebensfreude nehmen, sagt Birgitta Klammer-Barabasch, die seit sechs Jahren im Bezirk als Schulpsychologin im Einsatz ist. „Jugendliche in der Pubertät sind sowieso in einem Extremzustand. Das Gehirn ist im Umbau und deshalb reagieren Jugendliche sehr emotional – in jede Richtung. Manche fallen aber in ein Loch und finden keinen Ausweg. Dann besteht die Gefahr, dass sich eine depressive Stimmung manifestiert“, erklärt sie. Wichtig für die Eltern ist, dass sie hinschauen, sich Zeit für die Kinder nehmen und in Kontakt mit ihnen bleiben, auch wenn“s schwierig ist. „Jugendliche wollen nicht gleich nur viele Lösungsvorschläge und Belehrungen, sondern ernst genommen, gehört, getröstet werden“, ergänzt sie. Auch selbstverletztendes Verhalten komme sehr häufig vor, „das muss man immer ernst nehmen, denn da steckt emotionale Not dahinter“, sagt Klammer-Barabasch.
Zivilcourage zeigen
Sie appelliert auch an Bezugspersonen außerhalb der Familie, Zivilcourage zu zeigen, wenn sie sich Sorgen um einen Jugendlichen machen. „Man darf sich nicht scheuen, Hilfe zu suchen und zu geben. Und wer begleitet wird von Freunden, hält harte Phasen leichter durch.“


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