Wie die Kienleuchte in alten Zeiten Licht in die Stuben brachte
ROHRBACH-BERG. Ein begehrter Licht- und Wärmespender war einst die Kienleuchte, die allerdings nur in Teilen des Bezirkes Freistadt in Verwendung war. Der ehemalige Bundesrat, Landtagsabgeordnete und Bauernbundsekretär Engelbert Lengauer, ein gebürtiger Kefermarkter, erinnert sich noch gut an die mobile Blech-Lampe, die Licht in die bäuerlichen Stuben, ehe der elektrische Strom Einzug gehalten hat.

Sie war eine mobile, ganz einfache, aus starkem, doppelwandigem Blech gefertigte, handgehämmerte alte Raumbeleuchtungsanlage. Diese wurde nur in einem regional begrenzten Gebiet - in bäuerlichen Haushalten - des Unteren Mühlviertels, vornehmlich im Bezirk Freistadt als begehrter Licht- und Wärmespender verwendet. Im Oberen Mühlviertel, zum Beispiel im Bezirk Rohrbach, war die Kienleuchte völlig fremd und unbekannt.
Wie ich feststellte, sind in der gegenwärtigen Zeit aus dem bäuerlichen Berufsstand kaum noch bzw. nur vereinzelt Menschen am Leben, die sich an die zitierte alte Beleuchtungsform erinnern. Aus diesem Grunde habe ich mich entschlossen, dieses alte konservative, einmalig in seiner Beschaffenheit erzeugte, vom menschlichen Geist erdachte und von menschlicher Hand geformte und geprägte Kulturgut der endgültigen Vergessenheit zu entreißen. Umso mehr, als diese uralte Raumbeleuchtung auch teilweise die Wohnräume meines Elternhauses erhellten, vor allem die Küche, in der wir uns in der kalten Jahreszeit überwiegend aufhielten. Die Wohnküche bot vor allem, durch das Vorhandensein der erforderlichen Abzugsrohre, die einzige Möglichkeit für das Aufhängen; in der Stube selbst fehlten solche Rohre zur Gänze.
Mehr Licht für die Schulbuben
Diese urtümliche und gleichzeitig überaus geschätzte Lichtquelle bedeutete für uns Brüder in den Wochen und Monaten der langen, dunklen, finsteren Abenden bei der Verrichtung der Schulhausaufgaben eine äußerst wertvolle Hilfe. Beim sogenannten „Lichtglasl“ konnten wir kaum die tägliche Schulaufgabe fehlerfrei oder formschön erledigen. Der karge, äußerst dürftige Schein machte unsere großen Bemühungen und Anstrengungen zunichte. Die Folgen waren oftmals tagelang anhaltende Augenschmerzen. Die Kienleuchte erwies sich für uns Schulbuben als großer Nothelfer. Bis zum heutigen Tage erinnere ich mich - als Greis mit beinahe 90 Jahren - dankbar zurück an die Zeit der Kienleuchte mit ihrem so romantisch auflodernden Feuer, das uns Brüdern und der ganzen Familie viele angenehme und erholsame Stunden gebracht hatte.
Wurzelstöcke lieferten Brennmaterial
Der Betrieb der Kienleuchte erfolgte mit Kien, der aus den Wurzelstöcken der Kiefer gewonnen worden ist. Die so vom Erdboden mühsam ausgegrabenen Wurzelstöcke sind anschließend etwa zwei bis drei Jahre an einem sonnigen, luftigen Platz, teilweise in der neben dem Wohn- und Wirtschaftsgebäude alleinstehenen, nur auf drei Seiten verschlossenen Holzhütte, gelagert worden. Da eine Seite offen bzw. nicht zugebrettert war, ging auch hier die Trocknung des Kienholzes rasch. Zu gegebener Zeit begann dann die Zerlegung und Zerkleinerung zu brauchbaren und richtigen Kienholzgrößen. Die Kienbrocken sind dann in einer Länge von etwa 10 cm und in gut Daumenstärke zugeschnitten worden. In dieser Form und Größe war der Kien für die Verbrennung auf der Kienleuchte am besten geeignet.
Zum Trocknen ins Backrohr
Was geschah anschließend mit den vorbereiteten Kienbrocken, bis das Brenngut seiner endgültigen Aufgabe gerecht worden ist? Nachdem anfangs mein Vater und später meine Brüder mit schweren Handwerkzeugen, einer massigen langstieligen Kloibhacke, einer kurzstieligen Handhacke sowie einer Hand- und Zugsäge, den plumpen, harten und weit ausgestreckten Wurzelstöcken zu Leibe gerückt waren, erfolgte erst die erwähnte Zerkleinerung. Die kleinen Holzstücke, nun Kien genannt, landeten zur weiteren intensiven Trocknung je nach Bedarf im Backrohr des Kochherdes in der Wohnküche.
Harz verbreitete Duft
Nach weiteren zwei Tagen trat Harz aus dem Kienholz aus. Der Kien hatte nun die Brennreife erreicht. Das Harz (auch Pech bezeichnet) verbreitete während der gesamten Zeit der Verwendung der Kienleuchte im ganzen Wohnbereich einen überaus wohlriechenden Duft - vor allem in der Wohnküche. Die brennfertigen Kienbrocken kamen vorerst in einen großen Korb. Am Abend, sobald die Kienleuchten an- bzw. entzündet worden war, wurden die Kienstücke je nach Bedarf und Notwendigkeit in kleinere Holzkörbe zur Entnahme bei der Kienleuchte bereit gestellt. Schon bei der Zubereitung des Kienholzes musste auf entsprechenden Vorrat Bedacht genommen werden. Denn der Verbrauch an Kien war sehr hoch. Überraschend schnell verbrannten die gänzlich durchtrockneten harzigen Holzstücke.
Die Herkunft des Wortbegriffes Kien erklärt die Fachliteratur so: „...es handle sich um ein harzdurchdrängtes Kieferholz, was besonders nach Verletzungen des lebenden Baumes gebildet wird...“
Begegnung unter der Kienleuchte
Der Standort einer Kienleuchte war während der arbeitsschwächeren Zeit des Spätherbstes und Winters ein begehrter, beliebter und attraktiver Treffpunkt für Menschen von Jung bis alt. Hier fanden sich an Abenden zum gemütlichen Zusammensein die Jugend, die Nachbarn, auch ältere Leute der Umgebung ein. Vielfach begleiteten solch frohe Zusammenkünfte reger Gedankenaustausch oder geselliges Kartenspiel mit Witz und Spaß. Bei der Jugend waren es lustige, einfallsreiche Spiele, sowie anstrengendes und ehrgeiziges Kräftemessen. Allmählich begann man - nach der langen Pause während des Krieges - mit dem Tanz, vor allem Walzer und Volkstanz. Diese Begegnungen der Menschen in der Gemeinschaft unter der Kienleuchte förderten und festigten das nachbarliche Verhältnis und das Miteinander. So ist eine Atmosphäre der Zufriedenheit, ein besseres Miteinander in den Familien und in der Nachbarschaft fallweise eingetreten. Der Pflege des alten bäuerlichen Brauchtums und der Sitten ist besonderes Augenmerk zugewendet worden.
Kriegsgeschehen wurde diskutiert
Natürlich kamen bei diesen abendlichen Zusammenkünften der offene, ungeschminkte Meinungsaustausch über die Tagesereignisse, Vorkommnisse aus der engeren und weiteren Umgebung, vom Pfarr- und Gemeindebereich nicht zu kurz. Da in jener Zeit noch die russischen Besatzungssoldaten das Mühlviertel besetzt und fest im Griff hatten, gab es darüber viel Gesprächsstoff. Da wir Brüder, Ludwig und ich, gerade die Tage, Wochen und Monate bei und nach dem Einmarsch der vielfach verwilderten, feindseligen russischen Kampftruppen ab Mai 1945 miterlebt und in schrecklicher Erinnerung hatten, gab es für uns junge Burschen viel Diskussionsstoff. Unser Bruder Josef kehrte erst 1947 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. Die russischen Kampftruppen verübten in jener Zeit, besonders bis Juli 1945, in den Gemeinden Kefermarkt und Neumarkt im Mühlkreis, furchtbare Gewaltverbrechen, ebenso in anderen Gemeinden des Bezirkes Freistadt. Es gab brutale, grausame Übergriffe, wie Raub, Mord, Vergewaltigungen von Frauen, allenthalben herrschte Bedrohung an Leib und Leben. Diese aufgezeigten Geschehnisse und Gräueltaten erweckten jedesmal bei den Besuchern größtes Entsetzen und Schaudern, zumal alle Anwesenden, auch meine Eltern, meine Brüder und ich, die schreckliche Zeit hautnah erleben mussten. Mein jüngster Bruder Franz war damals noch ein Kind von acht Jahren und daher mit einem noch geringeren Erinnerungsvermögen ausgestattet.
„Mundfunk“ statt Fernsehen
Die aufgezeigten Berichte über die Umsturzzeit nach dem Zweiten Weltkrieg erzeugten bei den Besuchern stets Missachtung und gleichzeitig Aufmerksamkeit, denn beinahe jeder Besucher war mit der russischen „Soldateska“ irgendwie einmal unfreiwillig in Konflikt geraten .Wir Brüder und die anderen Anwesenden lauschten dann immer tief beeindruckt, gespannt und aufmerksam den Gesprächen, den oft laut und heftig aufgezeigten Argumenten in der lebhaften Diskussion. Wir konnten uns von solchen Gesprächsrunden nur schwer trennen. Erst die fortgeschrittene nächtliche Stunde mahnte meistens zur Nachtruhe. In den Jahren nach dem Weltkrieg existierten noch keine Medien, wie Fernsehen, es gab nur in wenigen Häusern ein Radio, kaum Zeitungen oder sonstiges Nachrichtenmaterial. Wie erwähnt war ein Fernseher damals ein völlig fremdes Gerät, das man überhaupt nicht kannte. Der „Mundfunk“ übernahm die wertvolle Tätigkeit der Übermittlung von Nachrichten. Die Kienleuchte bildete bzw. war somit Anziehungspunkt für das gemeinsame Treffen der abendlichen Besucher und für die Nachrichtenübermittlung. Alle saßen an vielen Abenden in unserer Wohnküche und um den relativ großen Esstisch unterhalb bzw. neben der nostalgischen Beleuchtung, lauschten den Gesprächen und ließen die wohltuende Wärme, das angenehme, beruhigende Knistern des flackernden hellen Lichtes, die angenehme und die geradezu glückhafte Atmosphäre auf sich wirken.
Anstrengende Arbeit
Wie bereits hingewiesen, entstammt das Kienholz den Wurzelstöcken geschlägerter, meist überdurchschnittlich starker, großer Kieferbäumen (im Volksmund auch Föhren genannt). Die nach der Schlägerung der Kieferbäume im Erdboden verbliebenen wuchtig ausladenden, weitverzweigten mächtigen Wurzelstöcke sind erst nach etwa zwei bis drei Jahren ausgegraben und dann allmählich ihrer eigentlichen Verwendung und Bestimmung zugeführt worden - bis zum brennfertigen Kien. Der Aushub eines solchen, wie mit Beton befestigten Kieferwurzelstocks war größte körperliche Anstrengung und erforderte viel Kraft. In oft tagelangen Mühen gelang es meinem Vater mit Hilfe meiner Brüder oder sonst eines Helfers, das angestrebte Ziel zu erreichen. Damals standen für diese Arbeit nur einfache Handwerkzeuge, wie Holzriegel, Eisenstange, Haue, Schaufel, etc. zur Verfügung. Die überdurchschnittlich lange Lagerung und Trocknung der Wurzelstöcke und deren Aufarbeitung zu Kienholz sicherte nach alter bäuerlicher Überlieferung und Erfahrung einen besseren und höheren Brennvorgang und Brennwert des Kien.
Mit dem Liachtglasl in den Stall
Die Kienleuchte gelangte seinerzeit täglich von Allerheiligen/Allerseelen bis zirka Ostern des darauffolgenden Jahres zu Ehren. Für diese Zeitspanne ist jährlich die Petroleumlampe bzw. das Liachtglasl vorübergehend in den zeitlichen Ruhestand versetzt worden. Die beiden äußerst bescheidenen und dürftigen Lichtbringer mussten weiterhin durchgehend bei der abendlichen und morgendlichen Stallarbeit und Viehfütterung mangels anderer Möglichkeiten eingesetzt und verwendet werden. Nicht selten stolperten wir Buben bei der eingemahnten Mithilfe im Viehstall über die an den Wänden abgestellten Werkzeuge - mangels notwendiger Sicht. Die etwas lichtstärkere Petroleumlampe ist aus Spargründen kaum angezündet worden.
Wie sah eine Kienleuche aus?
Die Kienleuchte bestand aus drei beweglichen, losen Einzelteilen, die einfach konstruiert, aber genau aufeinander abgestimmt waren und ausgezeichnet funktionierten. Bei Inbetriebnahme der Anlage entstand kein Rauchrückstau. Der entstehende Rauch konnte problemlos über den Rauchfang ins Freie entweichen. Das garantierte die gut durchdachte Zusammensetzung der einzelnen Bestandteile.
Der Sturz
Den größten Teil bildete der Sturz: Dieser war aus besonders starkem Eisenblech hergestellt und wies eine eigenartige runde, sich nach oben verjüngende und geknickte form auf. Dadurch konnte der Sturz mühelos in das Rauchabzugsrohr eingeführt bzw. gestülpt werden. Diese Rohre mündeten wiederum direkt in den Rauchfang. Der Rauchfang selbst reichte in meinem Elternhaus unmittelbar in das Innere der Wohnküche bis zum Fußboden.
Schüssel oder Teller
Den zweite Bestandteil der Kienleuchte nannte man Schüssel oder Teller: Dieser etwas kreisförmige, ebenfalls aus Eisen angefertigte Teller wies einen Durchmesser von 60 bis 65 cm auf. Daran waren in gleichen Abständen drei dünne, aber starke, etwa 70 cm lange Eisenstäbe befestigt. Bei Inbetriebnahme der Kienleuchte wurde die Schüssel oder Teller an einer Aufhängevorrichtung des Sturzes angebracht und darauf die Kienbrocken gelegt und angezündet. Die Schüssel bildete die eigentliche und wirkliche Brennfläche und war damit ein frei schwebender Brennplatz.
Das Schragl
Auf die Schüssel wurde das sogenannte Schragl gestellt. Ohne diesen losen kleinen, runden Eisenteil mit einem Durchmesser von ca 10 cm wäre ein klagloser Verbrennungsablauf nicht möglich gewesen. Nur mit Zuhilfenahme des Schragl und der dadurch gesicherten besseren und effektiveren Luft- und Sauerstoffzufuhr war auch der anhaltende und zügige Brennvorgang auf der Kienleuchte garantiert. Das Schragl verhinderte aber auch das Versprühen von gefährlichen Glutresten und Asche von der Kieneleuchte auf den Fußboden und die Sitzbank. Die Kienleuchte war eine freischwebende offene Feuerstelle mit großem Gefahrenmoment, die auch eine stets vorsichtige ständige Überwachung erforderlich machte.
Die Bedienung der entzündeten Kienleuchte, die laufende Versorgung mit dem Kienholz (das Auflegen) erfolgte meist von uns Brüdern. Abwechselnd halfen unsere Eltern aus, besonders wenn sich an Abenden Besucher einfanden. Die ununterbrochene Anwesenheit einer Person während der entzündeten Lichtquelle war stets ein Gebot der Stunde. Die Anlage selbst ist jeden Morgen, bei Tagesanbruch, abgetragen und im neben dem Vorhaus befindlichen ebenerdigen Keller mit Lehmboden bis zum Abend zur Wiederinbetriebnahme abgestellt worden.
Elektrifizierung machte Kienleuchte überflüssig
Seit meiner Kindheit bis nach dem Zweiten Weltkrieg, also bis etwa in die Mitte der 50er-Jahre, half ich gemeinsam mit meinen Brüdern und Eltern bei der Bedienung der Kienleuchte. Mit dem Abzug der russischen Besatzungstruppen im Jahr 1955 erfolgte in Oberösterreich ein rascher Ausbau der allgemeinen Stromversorgung. Damit hielt das elektrische Licht seinen Einzug, auch in meinem Elternhaus in Pernau. Ebenso gelangten alle anderen Häuser und Bauerngehöfte in den Genuss dieser neuen Entwicklung. Das technische Zeitalter hatte allmählich überall in der Landwirtschaft begonnen und seinen Einzug gehalten. Die Kienleuchte hatte damit ausgedient. Der von uns allen so lieb gewordene Licht- und Wärmebringer war und ist nicht mehr.
Wenn auch die täglichen Scherereien um und mit dem Haushaltsgerät uns Brüdern manchesmal Ärger bereitete, nahmen wir letztlich doch mit schwerem Herzen Abschied. In Pernau Nr. 11 rostet die alte bewährte Lichtbringerin dem endgültigen Verfall am Dachboden entgegen.
Verfasser: Engelbert Lengauer


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