Beim Feierabend-Seidl plauderte der ehemalige Vizekanzler mit Unternehmerkollegen
ROHRBACH-BERG. Resozialisieren hätte er sich nach der langen Zeit in der Politik wieder müssen, meinte der ehemalige Bundesminister und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner gestern Abend, als er beim Feierabend-Seidl des Wirtschaftsbundes über sein Leben nach der Politik erzählte. Mitterlehner hat eine Firma zur Projektentwicklung und Strategieberatung gegründet und ist somit frisch gebackener Jungunternehmer.

Eigentlich hätte er lockere Gespräche bei einem „Seidl after work“ erwartet. Dass Reinhold Mitterlehner zuerst aber auf der Bühne im voll besetzten Saal der Raiffeisenbank Rohrbach stand und einen Impuls-Vortrag hielt, hat ihn zwar überrascht, aber nicht aus der Bahn geworfen. Schließlich zählt Vortragstätigkeit für Fachverbände, bei Wirtschaftsforen oder Firmenveranstaltungen zu einer der drei Säulen seiner neuen Firma - zumindest solange sein Marktwert noch hoch sei, wie er meinte.
Kontakte helfen anderen weiter
Zudem beschäftigt sich der Politiker außer Dienst mit Lobbying-Tätigkeit und mit Projektentwicklung. „Das ist der schwierigste, aber auch der interessanteste Bereich“, sagte Mitterlehner. Viele würden mit ihren Ideen zu ihm kommen, die er dann mit seinen Kontakten und dem aufgebauten Netzwerk unterstützt. „Vor allem im mittleren Osten und im asiatischen Bereich ist man mit einem bekannten Namen erfolgreicher.“
„Kann nicht den ganzen Tag tarockieren und Rad fahren“
Jetzt wäre es eigentlich verlockend, Politiker zu sein, sagte Mitterlehner, der neun Jahre als Wirtschaftsminister, später auch Wissenschaftsminister und Vizekanzler tätig war. Denn „für einen Politiker ist es immer gut, wenn die Konjunktur aufwärts geht und der Arbeitsmarkt funktioniert.“ Seiner neuen Herausforderung als Unternehmer hat er sich gestellt, weil es ihm zu ruhig geworden ist. „Wenn man etwas nach langer Zeit loslässt, fühlt man sich befreit. Diese erste Phase der Euphorie ist aber schnell vorbei. Und ich kann ja nicht den ganzen Tag Urlaub machen, Radfahren oder Tarock spielen. Das liegt mir nicht.“
Strukturierter Tagesablauf fehlt
Ihm fehlt vor allem der strukturierte Tagesablauf. „Als Politiker ist alles ganz genau eingetaktet, der Ablauf der Woche klipp und klar festgehalten. Und man ist praktisch nie alleine. Diese vollkommene Freiheit ist ungewohnt“, meinte Reinhold Mitterlehner. Eigentlich habe er sich resozialisieren müssen, „ähnlich wie wenn man aus dem Gefängnis kommt.“
Geringes Risiko
Das Unternehmertum ist komplettes Neuland für der Ahorner, der jetzt auch keine Referenten mehr hat, die ihm etwa bei der Büroarbeit zur Seite stehen. „Aber man lernt relativ schnell im Zuge der Resozialisierung. Für mich ist es eine ganz neue, spannende Herausforderung, der ich ganz ohne Druck und mit geringem Risiko nachgehen kann.“ Mit seinen 62 Jahren ist Reinhold Mitterlehner kein untypischer Jungunternehmer: Ein Viertel der Firmengründer sind über 50 Jahre alt.
Lockerer Ausklang
Nach seinem Vortrag konnte Mitterlehner das machen, wozu er eigentlich nach Rohrbach-Berg gekommen ist: nämlich gemütlich ein Seidl trinken und mit Unternehmerkollegen und alten Bekannten plaudern. Zum zweiten Mal lud der Wirtschaftsbund Region Rohrbach mit Obmann Vizebgm. Manfred Stallinger zu dieser Veranstaltung, mehr als hundert Gäste trafen dabei zum gemütlichen Gespräch bei regionalen Schmankerln zusammen.
Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom Quartett „League of Voices“.


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