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Als erstmals die Kinder Lesen und Schreiben lernten, wurden Gebetbücher für die Gottesdienste in größerer Zahl gedruckt.

Die Anfangsseite eines Mini-Gebetsbuches (11 x 7 cm) aus dem Hauses Steinbrener in Winterberg
Die Anfangsseite eines Mini-Gebetsbuches (11 x 7 cm) aus dem Hauses Steinbrener in Winterberg

Bisher waren die Gläubigen verpflichtet, beim Gottesdienst um ihre gefalteten Hände den Rosenkranz zu wickeln. Nun aber lasen Gebetbuchbesitzer stolz Seite um Seite aus ihren neuen Büchlein. Männer hingegen und vor allem junge Burschen fanden diesen neuen Brauch unter ihrer Ehre und blieben beim Rosenkranz. Frauen und Mädchen legten großen Wert darauf, bei diesem neuen Kirchenbrauch mitzubeten. Die Mädchen wohlhabender Eltern bekamen bereits bei ihrer Firmung ein Gebetbuch, Frauen gewöhnlich bei ihrer Hochzeit.

Gebetbücher als Schmuck

Die schönsten Gebetbücher wurden gar als zusätzlicher Schmuck zum Sonntagskleid getragen. Die im Böhmerwald gedruckten waren zierlich klein und außen mit Silber-, Elfenbein oder gar Goldschmuck gestaltet. Solche Prachtexemplare waren nicht billig und wurden nur in der Druckerei Steinbrener zu Winterberg an der böhmischen Grenze erzeugt. Diese Druckerei stellte sie in allen Sprachen der Monarchie her, sowie auch in Englisch, Französisch und Russisch. Die Besitzer der Druckerei haben den neuen Trend rechtzeitig erkannt, sich darauf eingestellt und einen hohen Umsatz erreicht. Diese Druckerei stieg zur größten und umsatzstärksten der Alten Welt auf.

Kaum noch in Erinnerung

Ein weiterer Erfolgsartikel Steinbreners war der Volkskalender, der ebenfalls in allen Sprachen der Monarchie dort erschien und jedes Jahr neu aufgelegt werden musste. Fragt man heute jemand nach dem Namen Steinbrener und den Gebetbüchern, sind es enttäuschend wenig, die ein Gebetbuch oder gar einen Volkskalender noch in Verwahrung haben. Die Familie Steinbrener erlitt das Schicksal aller Böhmer- und Sudetenländler, denn sie wurden auch als deutschstämmig vertrieben.

Aber wohin sind vor allem ihre berühmten Druckwerke, die Gebetbücher gekommen? Versierte Sammler haben den großen Wert dieser Gebetbücher aus dem Böhmerwald zu schätzen gewusst und viele verwahren die Schätze bis heute. Aber viele Gebetbücher wurden mit dem Nachlass verstorbener alter Frauen wie vieles an Wertvollem aus Unverstand entsorgt.

Verfasser: Fritz Winkler


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