„Wir müssen leider stören, um gesellschaftlichen Druck auszuüben“
ALTENFELDEN/WIEN. Es braucht zivilen Widerstand, „die Zeit ist dringlicher als je zuvor“, sagt Mirjam Griebler, die Teil der Klimaprotestbewegung „Letzte Generation“ ist und somit dem drohenden Kollaps unserer Lebensgrundlagen vehement entgegentritt. Mit Aktionen, die sie regelmäßig ins Gefängnis bringen.

An die 20 Mal war die 21-jährige Altenfeldnerin schon im Protest, 15 Mal wurde sie für diese Klebeaktionen in den Frosch (den Gefangenentransporter) gesteckt und ins Polizeianhaltezentrum gebracht. Meist müssen die Klimaaktivisten dort bis zum Abend in Gewahrsam bleiben. „Das ist die bittere Pille, die wir schlucken müssen. Ebenso wie der Unmut der Autofahrer und der Frust der Menschen. Aber wir sehen keinen anderen Weg“, erklärt Mirjam Griebler, warum sie und ihre Mitstreiter im Morgenverkehr mit Warnwesten auf die Straßen gehen, die Banner ausrollen, sich festkleben, wenn die Polizei anrückt und damit friedlich, gewaltfrei und respektvoll den Alltag stören. „Wir müssen leider stören – nur so bekommen wir mediale Aufmerksamkeit und können Druck ausüben.“ Denn die gängigen Mittel seien ausgeschöpft und haben nicht ausgereicht.
Frust und Verzweiflung
Wenn Mirjam von ihrem Kampf für mehr Klimagerechtigkeit erzählt, wie sie es gerade im Pfarrsaal Neufelden getan hat, spricht Verzweiflung aus ihr. „Die Wissenschaft weiß, dass wir 1,5 Grad Erderwärmung 2030, vermutlich noch früher, erreichen. Und Österreich will bis 2040 klimaneutral sein – also zehn Jahre zu spät und ohnehin ohne Plan, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Wenn wir diesen Kurs beibehalten, rasen wir in unseren Tod“, verdeutlicht die Studentin für Umwelt- und Ressourcenmanagement. „Genau darum geht’s: um die Zukunft der Menschheit und der Welt, wie wir sie kennen. Wir konfrontieren die Gesellschaft mit der Frage: Wollen wir überleben?“
Simple Forderungen
Dabei hätte die Letzte Generation nur zwei konkrete, ihrer Meinung nach leicht umsetzbare Forderungen an die Regierung: Tempo 100 auf den Autobahnen und keine neuen Öl- und Gasbohrungen. Dazu der Appell, endlich auf den Klimarat zu hören. „Dass wir bei Eiseskälte oder im Regen vor hupenden Autos auf dem Boden kleben müssen, ist absurd. Aber auch absurd ist, dass die Regierung ihren Job nicht macht und die einfachsten Gegenmaßnahmen nicht einleitet“, ärgert sich die junge Mühlviertlerin.
Zeit für zivilen Widerstand
Deshalb sei es Zeit für zivilen Widerstand: „Es braucht genügend Menschen, die aufstehen, sich einsetzen und gemeinsam handeln, wobei auch Hilfe und Unterstützung im Hintergrund oder Spenden sehr wertvoll sind. Wir wissen, dass das der richtige Weg ist und haben auch Erfolge“, sagt Mirjam Griebler: Es werde debattiert, politische Treffen sind geplant und vor allem solidarisieren sich immer mehr Menschen mit den Klimaaktivisten. So waren im Jänner 30 Menschen in österreichischen Städten auf den Straßen, im Februar 55 und im Mai schon mehr als 100. „Der Zuspruch steigt. Und wir machen so lange weiter, bis der gesellschaftliche Druck nicht mehr ignoriert werden kann.“


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