Vom Fensterln und Stöbeln: raue Sitten in den Mühlviertler Dörfern
BEZIRK ROHRBACH. Die Partnersuche gestaltete sich noch vor einigen Jahrzehnten nicht so einfach und bequem wie heute in Zeiten von Dating-Apps. Ignaz Märzinger aus Kollerschlag widmet dem „Fensterln“ und „Stöbeln“, wie es früher bei jungen Leuten üblich war, ein ganzes Kapitel im jüngsten Heft 32 des Bezirks-Heimatvereins.

Wenn zu Maria Lichtmess die Dienstboten ihren Platz wechselten, gab es nicht nur in den Bauernstuben neue Gesichter, sondern auch für die Dorfbewohner. Schnell redete es sich um, wenn eine fesche Dirn (Magd) eingestanden war (den Dienst angetreten hat). Die jungen Männer in der Nachbarschaft und im Dorf erkundeten alsbald das Fenster der Kammer, in der die Magd schlief. Das war für jeden ein Geheimnis, denn welcher Bursch, der ein Auge auf die Neue warf, wollte schon, dass andere das ebenfalls wissen. Das dachten sich auch andere Bauernburschen und Knechte. Selbst in den Nachbardörfern sprach sich das mit der Neuen herum.
Gut bewacht
Das Frühjahr kam und somit auch die Jahreszeit für das „Fensterln“. Der Besuch einer Magd in ihrer Kammer war natürlich Burschen und Männern untersagt. Das überwachten Bauer und Bäuerin mit strengem Auge. Ein Fensterkreuz schützte die Magd zusätzlich vor Besuchern. Und dennoch passierte es, dass so manche Dirn in andere Umstände kam.
Die Burschen im Dorf passten akribisch auf, dass keine Eindringlinge aus anderen Dörfern zu den „Menscherfenstern“ kamen. Wagte sich aber einer, zum Fenster einer dieser Dorfschönheiten zu kommen, war das für ihn höchst gefährlich. Ohne Handy und WhatsApp verständigten sich die Dorfburschen und es kam zu einer Auseinandersetzung. Die Einheimischen bewaffneten sich mit „Stöbeln“ (Brennholz, das zum Trocknen im Freien aufgestapelt war). Ließ sich der Eindringling nicht durch Zurufe vom Fenster vertreiben, wurde „gestöbelt“. Jeder der einheimischen Burschen bewaffnete sich mit einem Arm voll „Stöbeln“ und die Schlacht begann. Ob der Angriff im Interesse der besuchten Magd lag, war sekundär. War der Eindringling nicht bereit, das Feld zu räumen oder ging er zum Gegenangriff über, kam es zur Rauferei.
Mit einem blauen Auge ...
Am nächsten Morgen fluchten die Besitzer der „Stöbelstöße“, denn das mühsam aufgestapelte Brennholz lag verstreut in der Umgebung. So mancher, ob nun Verteidiger oder „Fensterlgeher“, musste, wenn er in den Spiegel schaute, feststellen, dass er ein blaues Auge davontrug. Es galt der Spruch: „Mit einem blauen Auge davongekommen!“ So weit es ging, blieben die Kampfhähne in der Anonymität.
Manchmal ist es bei derartigen Auseinandersetzungen auch zu schwereren Verletzungen gekommen. Wenn es nicht allzu weit fehlte, war Stillschweigen angesagt. Es war schließlich eine Blamage, weil der Verletzte auch als Verlierer hingestellt wurde.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden