Mit 3D und moderner Technik zurück nach Langhalsen
NEUFELDEN. Das vor gut 100 Jahren verschwundene Dorf Langhalsen taucht heute zumindest virtuell wieder auf: Am Tag des Denkmals, am 27. September, feiert „Langhalsen RELIVE“ Premiere. Direkt am ursprünglichen Standort werden Schloss und Kirche mittels QR-Code und Smartphone wieder erlebbar.

Langhalsen musste 1924 im Zuge des Kraftwerksbaus weichen. Die Häuser wurden abgerissen und das Dorf überflutet. Der Niederwaldkirchner 3D-Experte Klaus Stöttner hat mit seinem Team die beiden imposantesten Gebäude nun digital zu neuem Leben erweckt. Gemeinsam wurden unzählige historische Bilder, Postkarten, Pläne und Zeitzeugen-Wissen zu einem digitalen Modell zusammengefügt. So ist eine virtuelle Rekonstruktion entstanden, die am Tag des Denkmals erstmals präsentiert wird.Stöttner beschäftigt sich mit seinem Unternehmen pool3 mit Sitz in Herzogsdorf seit rund 25 Jahren mit 3D-Visualisierung und technischen Animationen. Dass ihn dieses Mal seine Arbeit weit zurück in die Vergangenheit und direkt vor die eigene Haustür führte, freut den geschichtsinteressierten Mühlviertler besonders. Über den Kontakt zu Wolfgang Spickermann vom Verein zur Erhaltung der Burg Pürnstein und des kulturellen Erbes in Neufelden kam der Auftrag für das Leaderprojekt zustande.
Lebendiger Ort
Am liebsten hätte er ja das ganze Dorf wieder auferstehen lassen, zum Auftakt beschränkt man sich aber auf Schloss und Kirche. „Es war eigentlich ein großer, sehr lebendiger Ort mit Häusern und Höfen, Gewerbebetrieben, einer Brauerei und natürlich dem Schloss mit einer schönen Parkanlage und der Kirche“, beschreibt Klaus Stöttner das Ergebnis seiner intensiven Spurensuche. „Einzig das Haus Nr. 2 ist noch erhalten. Das war für uns eine wichtige Referenz für die Nachbildung.“Die eigentliche Herausforderung lag dort, wo es keine Bilder gab. Denn die meisten Postkarten und Aufnahmen wurden von Neufelden aus mit Blick auf das Schloss gemacht. „Wir mussten die grauen Flecken ausfindig machen – jene Bereiche, die wir heute nicht mehr sehen können, und haben versucht, diese zu rekonstruieren“, erklärt Stöttner. Wie verlief das Dach? Wo befand sich eine Tür? Wie groß waren die Gebäude? Wo historische Quellen fehlten, suchte das Team nach Vergleichsobjekten, wie etwa dem Pfarrhof in Niederwaldkirchen, der ungefähr zur gleichen Zeit erbaut wurde und ähnliche Materialien aufweist.Alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen wurden hochskaliert und genau analysiert. Aus Graustufen, historischen Beschreibungen und Vergleichsmaterial entstanden Annäherungen an die ursprüngliche Farbgebung. Das Schloss taucht nun mit einem rötlich-braunen Farbton wieder auf, die Kirche dürfte einen mattgelben Anstrich gehabt haben.Gleichzeitig wurde mithilfe einer Drohne ein digitales Geländemodell erstellt und mit hochskalierten Postkartenansichten verbunden. „So konnten wir Anhaltspunkte finden, um die Gebäude nicht nur nachzubauen, sondern sie auch möglichst genau an ihren ursprünglichen Standorten zu platzieren.“
Keine hundertprozentige Wahrheit
Stöttner ist klar, dass es keine hundertprozentig korrekte Darstellung geben kann: „Wir können nur nach bestem Wissen und mit den vorhandenen Materialien rekonstruieren.“ Wo die Quellenlage nicht ausreicht, bleibt die Darstellung bewusst zurückhaltend. So wird etwa kein Blick in den Schloss-Innenhof geworfen, weil es dazu keine Aufnahmen gibt. Der 3D-Spezialist würde sich deshalb freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen mit Erinnerungen zu Langhalsen melden (klaus.stoettner@pool3.at, Tel. 0664 88728051).
Schloss und Kirche in voller Größe
Nach gut einem halben Jahr Arbeit ist jedenfalls „Langhalsen RELIVE“ fertig: eine Augmented-Reality-Anwendung, mit der die digitalen Gebäude direkt am historischen Standort betrachtet werden können. Mit Smartphone und QR-Code kann man die vor rund 100 Jahren verschwundenen Gebäude in voller Größe und anschaulich am Originalschauplatz aufrufen und virtuell rund um sie herumgehen. Beim Tag des Denkmals am 27. September wird die Anwendung erstmals öffentlich präsentiert.
Ausstellung im Reiterhaus
Außerdem ist eine Ausstellung im Atelier Reiterhaus im Ortszentrum zu sehen: In „Langhalsen – Die Ausstellung“ holt die Neufeldner Fotografin und Gestalterin Ingrid Hagelmüller den versunkenen Ort für kurze Zeit zurück. Vom 27. September bis 11. Oktober führt eine raumfüllende Bodeninstallation die Besucher durch das Wasser und durch verschiedene Zeiten der Ortsgeschichte. Historische Fotografien und Dokumente treffen auf neu geschaffene Bildwelten, Collagen und mit künstlicher Intelligenz entwickelte Szenen. Figuren, Fundstücke und erzählerisch gestaltete Stationen lassen Menschen und Begebenheiten aus Langhalsen wieder aufleben.Die Ausstellung will besonders auch Schulen und Familien ansprechen: Junge Besucher können als „Bilddetektive“ auf Entdeckungsreise gehen, genau hinschauen und den Spuren des versunkenen Ortes spielerisch folgen. Der Burgverein Pürnstein lädt zudem zu einem Tagesprogramm mit Fachvortrag mit Prof. Spickermann, einem geführten Spaziergang nach Langhalsen und Grillerei im Hof des Heimathauses. Start ist um 10.30 Uhr bzw. um 14 Uhr im Pfarrsaal Neufelden (Dauer ca. zwei Stunden).








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