Leserbrief: Alleinstellungsmerkmale für den Bezirk Kirchdorf
BEZIRK KIRCHDORF. Früher war man mit Besonderheit, Einzigartigkeit zufrieden, heute muss es ein ASM, ein Alleinstellungsmerkmal sein, um auszudrücken, was den Bezirk auszeichnet. Durch meine langjährige Tätigkeit als Heimatforscher bin ich überzeugt, dass die Entwicklung unserer Landschaft während der Eiszeiten wirklich ein ASM ist.

Drei unterschiedliche Täler kennzeichnen unseren Bezirk und drei Flüsse kann man ihnen zuordnen: die Krems, die Steyr und die Teichl. Dieser Umstand hat vor allem in der Entwicklung zum Ende der letzten, der Würm-Eiszeit, seine Ursache. Die drei vorausgegangenen größeren Eiszeiten hatten von den Alpen aus einen geschlossenen Eisschild aufgebaut, dessen Endmoränen im Alpenvorland liegen. Die Steinbrüche von Kremsmünster und eine markante Seitenmoräne, die sich von dort bis zum Magdalenaberg zieht, sind gute Beispiele dafür.
Jetzt kommt das Besondere. Der Würmgletscher, über den Pyhrnpass kommend, blieb im Becken von Windischgarsten stecken und ließ dort schon seine Endmoränen liegen. Beim Abschmelzen füllten die Gletscherbäche die Täler mit Schotter aus, aber nur entlang der Teichl und der Steyr. Das Kremstal blieb davon verschont, weil der Hungersbichl bei Klaus der Steyr den Weg verlegte und sie nicht ins Kremstal ließ.
Ich kenne keine Gegend in Österreich, wo zwei so unterschiedliche Täler nebeneinander entstanden sind. Da der tief eingrabende Fluss mit den Konglomeratschluchten – dort der breite, früher versumpfte Talboden; da die wilde, aggressive Steyr – dort die ruhige, gemächliche Krems mit flachen Ufern.
Wieder ganz anders ist die dritte Tallandschaft, das Garstnertal. Die Teichl hat einen so extravaganten (Lebens-)Lauf, dass ich ihr den Titel „Diva“ gegeben habe. Der Ursprung ist eigentlich ein Tümpel, der aber den stolzen Namen Brunnsteinersee trägt. Schon nach einer kurzen Strecke verschwindet die Teichl zum erstenmal und taucht dann im Kessel der Wurzeralm auf. Die Teichl schlängelt sich durch ein Hoch- und ein Niedermoor, um dann ganz zu verschwinden. Nur ein Teil des Teichlwassers tritt 700 Meter tiefer im Tal beim Teichlursprung wieder aus. In Spital am Pyhrn verlegen ihr Moränen den Weg und zwingen sie in die Gleinkerau, wo sie das Windischgarstner Becken erreicht. Von der Stillen – was ihr slawischer Name besagt – wird sie, gestärkt durch den Dambach, zum rauschenden Gebirgsbach.
Bis zu ihrer Mündung gräbt sich die Teichl über 40 Meter in die Niederterrasse ein und schafft damit die Teichlschlucht. Diese sollte, genauso wie die Steyrschlucht, unter Schutz gestellt werden, denn schnell ist unwiederbringlich zerstört, was in Jahrtausenden entstand.
Drei Täler, drei Flüsse, drei Landschaften – diese einzigartige Dreimaligkeit müsste als Alleinstellungsmerkmal für den Bezirk Kirchdorf genügen.
von Rudolf Stanzel
Rosenau am Hengstpass


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