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Gedenkjahr 1938: Johannes Kammerstätter zu den Umständen in der Region in dieser Zeit

Leserartikel Rosemarie Schauer-Wolkenstein, 12.03.2018 11:34

BEZIRK. Am heutigen Tag, den 12. März 2018 liegt es 80 Jahre zurück, dass Österreich von Wehrmacht-, SS- und Polizeieinheiten Nazi-Deutschlands okkupiert worden ist. Johannes Kammerstätter aus Wieselburg-Land hat in jahrelanger Arbeit die Umstände in der Region um dieses Ereignis erforscht und zahlreiche Schicksale vor allem jüdischer Mitbürger aus der Region dokumentiert.

Johannes Kammerstätter bei einem Vortrag in den Fachschulen Amstetten Foto: Fachschulen Amstetten
Johannes Kammerstätter bei einem Vortrag in den Fachschulen Amstetten Foto: Fachschulen Amstetten

Ihm sei es vor allem wichtig, die Umstände rund um das Ereignis und Einzelschicksale aufzuzeigen, so Kammerstätter, der noch im Kriegsjahr 1943 in Waidhofen/Ybbs geboren wurde. Seine Familie und auch Onkeln und Tanten waren politisch und religiös sehr interessiert und engagiert und alle Männer waren Gewerkschaftsmitglieder.

Im Hause Kammerstätter gab es rege Diskussionen und Streitgespräche rund um gesellschaftspolitische Thematiken. Kammerstätter erinnert sich auch, dass es zuhause in der Schublade Fotos gab, wo er schon damals gemerkt hat, dass sich rund um diese Fotos „Geschichten“ ranken und Schicksale verbergen. Er weiß von drei Lehrern des Gymnasiums Seitenstetten, wo er zur Schule gegangen ist, dass diese von den Nazis verfolgt wurden und von einer seiner Tanten, die als Säuglingsschwester bei jüdischen Familien tätig war, dass viele dieser Familien die „Shoah“, die Massenvernichtung der Juden durch das Nazi-Regime, nicht überlebt haben.

Forschergeist wurde früh geweckt

Das Interesse war schon früh geweckt, hier genauer nachzuforschen, Kammerstätter studierte später Theologie, Musik, Psychologie und Psychotherapie und wirkte als Lehrer für Religion, politische Bildung, Musik und in der Erwachsenenbildung in einem Linzer Gymnasium und viele Jahre im Wieselburger Francisco Josephinum. Im Jahr 1988 entstand ein Musikprogramm mit jüdischen Liedern, das zehn Musiker begleiteten und mit einer Klasse des Josephinums betreute Kammerstätter in einem Schulprojekt den jüdischen Friedhof in Ybbs/Göttsbach.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war der Funke des Forschergeistes endgültig entfacht und es begannen ausgedehnte Recherchen. Zu jedem Grab sollte ein Nachfahre gefunden werden. Diese Arbeit spann sich weiter und weiter und es entstand das dreibändige Geschichtswerk „Tragbares Vaterland“ mit insgesamt etwa 1200 Seiten, zahlreichen Fotos und Schriftdokumenten. In den Büchern „Heimat trotz alledem“, „Heimat zum Mitnehmen“ und „Tragbares Vaterland“ sind sowohl geschichtliche und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen und Ereignisse als auch viele Einzelschicksale dokumentiert. Bei diesen Einzelschicksalen sei auffällig, so Kammerstätter, dass viele sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte schwer tun, viele hätten auch Schuldgefühle, weil sie überlebt haben und andere umgebracht wurden, viele wissen nicht, wie sie mit der politischen Situation in Österreich umgehen sollen.

Mannerschnitten als österreichisches Symbol

Die Jüdischen Familien hätten sich damals als sehr „österreichisch“ empfunden – das sei zum Beispiel daran zu sehen, wenn ins Ausland Geschenke wie „Manner Schnitten“ geschickt werden, oder ein Freund, der schon in Israel geboren wurde, Waldviertler Dialekt spricht. Die jüdischen Menschen, deren Familien durch das Nazi-Regime Gräueltaten angetan wurden, seien nicht der Meinung, dass die „Nachgeborenen“ der Täter und Mitläufer schuld an diesen Taten sind, sie würden sich aber ein „Kümmern“ erwarten, was sich zum Beispiel an offiziellen Empfängen bei Besuchen durch den Bürgermeister festmache und insgesamt daran, dass die Ereignisse immer wieder ins Gedächtnis gerufen und nicht todgeschwiegen werden sollten.

„Lebensfähigkeit“ Österreichs: ein kontroverser Punkt dieser Zeit

Kammerstätter ist es besonders wichtig, auch den „Vorlauf“ der Ereignisse des März 1938 und die Jahre danach aufzuzeigen - wie die Gewaltereignisse des Jahres 1934, durch die jüdische Wähler und Sympathisanten der Sozialdemokratie ihre politische Heimat verloren hätten. Jahre und Jahrzehnte vor den Gewaltereignissen der Jahre 1934 und 1938 gab es heftige Kontroversen rund um die Lebensfähigkeit Österreichs, die die einen verteidigten - womit auch die Rechtssicherheit jüdischer Mitbürger gesichert wäre, die anderen bestritten diese Lebensfähigkeit, untergruben oder ruinierten sie. Die Gegner eines unabhängigen Österreichs benutzten dafür auch den so genannten  „Judenpunkt“, wo die jüdische Minderheit entweder als Verursacher oder Nutznießer dieser Lebensunfähigkeit Österreichs gezeigt wurde oder diese Minderheit erschien den Angreifern als der schwächste Gegner. In beiden Fällen sei dieser taktische Antisemitismus eine mehr oder weniger getarnte Attacke auf Österreichs Bestand gewesen, führt Kammerstätter im ersten Band „Heimat trotz alledem“ seiner Geschichtstrilogie aus. Ob den jüdischen Landsleuten in Österreich weiterhin ihre Bürger- und Menschenrechte erhalten bleiben würden, würde davon abhängen, ob das Land weiterhin unabhängig bestehen bleiben konnte und wie die inneren und äußeren Gegner dieser Unabhängigkeit zumindest in Schach gehalten werden konnten.   

Erste Verhaftungswellen, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen in der Region

Die erste nationalsozialistische Verhaftungswelle begann im Mostviertel unmittelbar nach der Okkupation gegen Kommunisten, die zweite richtete sich gegen kommunistische Jugendfunktionäre wenige Tage nach Kriegsbeginn. Eine Woche nach der Okkupation begannen in der Region Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmen und Sicherstellungen in jüdischen Firmen. Direkte Pogromhandlungen (Übergriffe, Verwüstungen,…) gegen jüdische Mitbürger seien im Mostviertel nicht bekannt, so Kammerstätter. Edith Kosak, die Enkelin der Oberndorfer Geger-Familie, erzählt im Buch von Begebenheiten, die sie in Wien erlebte:

Geschichte von Edith Kosak aus einer Oberndorfer Familie

Vom Fenster aus hat sie gesehen, wie Juden gezwungen wurden die Straße zu reinigen. Anmerkung: diese Reinigung hatte nicht nur den Zweck der Demütigung, sondern die Juden mussten die Spuren der Werbung für eine Pro-Österreich Abstimmung, die aus Mangel an Plakaten einfach auf die Straßen geschrieben wurden, wegputzen, so Kammerstätter. Und so wurden sie quasi gezwungen auf der Symbolebene Österreich auszulöschen, das ihnen vorher Schutz gegeben hatte. Edith Kosak hatte Angst, dass die Nazis auch sie zum Straßenputzen abholen würden und sie kamen auch in das Haus herein, aber nicht zu ihrer Wohnung im vierten Stock. Wie es an der Wohnungstür läutet, wurde diese Angst auf die Spitze getrieben – es ist aber eine jüdische Mutter aus dem Haus, deren Tochter zum Straßenreinigen gezwungen wurde, die sich darüber beklagte, dass ihre Tochter geholt wurde und Edith nicht.

Geschichte Wieselburger Kaufleute und von George Wozasek, Amstetten/Waidhofen - Buchauszug 1. Band, Seiten 344-345

In welcher beklemmenden Lage sich jüdische Familien auf dem Land befanden, lässt sich aus Hausdurchsuchungen erschließen, die am 18. März 1938 ab 6 Uhr morgens gleichzeitig bei allen fünf jüdischen Kaufleuten von Wieselburg vorgenommen wurden. Dabei wurden nicht nur Bargeldbeträge, Schuldenstände, Außenstände, Wertpapiere und Bankeinlagen festgestellt. An Ort und Stelle wurden ein Motorrad, ein Personenauto und samt Fahrzeugpapieren, Schreibmaschinen, Reisepässe und Führerscheine beschlagnahmt, weiters ein Trommelrevolver samt Munition. Sogar das Sparbuch eines Kleinkindes mit der Einlage von 10 S 81 g wurde überprüft. In zwei Fällen wurden Geldbeträge von 1.500 bzw. 1.000 S Bargeld beschlagnahmt. Alle Sparkassenbücher wurden bei den entsprechenden Banken hinterlegt und die Konten gesperrt. Eine Woche nach dem Beginn der Okkupation waren damit auch die jüdischen Familien auf dem Land der Pogromangst ausgesetzt.

GEORGE WOZASEK war zu diesem Zeitpunkt knapp 13 Jahre alt. Er erinnert sich:

Unser Haus stand an der Hauptstraße (…) Der illegale Amstettner Parteigenosse MITTERDORFER, der Besitzer der Apotheke am Hauptplatz war, wurde sofort zum Bürgermeister gewählt. Die NS Schergen nahmen Rache an ehemaligen vaterländischen Frontfunktionären. Zum Beispiel verprügelten sie meinen Violinlehrer. Von einem Moment zum anderen wollte mich niemand mehr kennen. Jeder Junge ist in die HJ eingetreten, und die haben gesagt, verkehrt nicht mit mir Juden usw., und die haben das befolgt. Es gab nicht einen meiner Freunde, der sich anders verhalten hat. Die Juden wurden von einem zum anderen Moment vollkommen ausgegrenzt. Von Seiten der Bevölkerung gab es keinen Widerstand. (…) Circa drei Tage nach dem Einmarsch der Deutschen meinten meine Eltern, dass ich wieder in die Schule nach Waidhofen gehen solle. Ich bemerkte schon im Zug, dass keiner meiner Freunde mit mir sprach – nicht am Schulweg und nicht in der Klasse. Ich war komplett ausgegrenzt. Meine Eltern nahmen mich aus der Schule. (…) Wir konnten nicht mehr ins Schwimmbad gehen, kein Kino besuchen, kein Gasthaus, kein Kaffeehaus. Das war furchtbar!   


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