Brexit: "Es ist wohl an der Zeit, sich nach einer anderen Heimat umzusehen."
SCHWERTBERG/WILHERING. Silvia Fischer aus Schwertberg und Christian Topf aus Wilhering leben seit 2003 in London. Tips-Redakteur Norbert Mottas bat die beiden um ein Interview zum Thema Brexit.

Tips: Hat euch 2016 das Abstimmungsergebnis überrascht?
Christian Topf: Das Ergebnis hat uns natürlich überrascht. Als ich in der Früh das Ergebnis auf meinem Handy gesehen habe, dachte ich, ich brauche eine Brille.
Silvia Fischer: Das Ergebnis war eine totale Überraschung – alle meine Freunde und Bekannten waren ja zu 100 Prozent für den Verbleib in der EU.
Tips: Was waren eure ersten Gedanken, als das Abstimmungsergebnis 2016 veröffentlicht wurde?
Christian Topf: Solche Deppen. Und alles nur weil der Cameron unbedingt Premier Minister werden wollte.
Silvia Fischer: Unglaublich, dass so viele Leute auf die Propagandisten reingefallenen sind und ganz klare Lügen – wie 445 Millionen Euro zahlt GB wöchentlich an Brüssel – geglaubt haben.
Tips: Haben Leute in eurem Bekanntenkreis für den Brexit gestimmt?
Christian Topf: Im engeren Kreis gab“s niemand, der dafür gestimmt hat. Allerdings gab“s in der Firma, in der ich arbeite, zumindest einen Befürworter. Aber mit dem hab ich das gar nicht erst diskutiert. Allerdings gab“s EU-Bürger im weiteren Umfeld, die umgehend aufgefordert worden sind, ihre Koffer zu packen. Extremer war die Situation außerhalb Londons, speziell in Gebieten die nur aufgrund von EU-Förderungen überleben.
Silvia Fischer: Also, ich kenn keine Brexit-Befürworter. Und es gab ja dann nach der Veröffentlichung des Wahlergebnisses ganz skurrile Situationen. So hat sich etwa eine Nachbarin bei mir für das Ergebnis entschuldigt.
Tips: Wie ist die Stimmung in eurem Bekanntenkreis seit gewiss ist, dass der Brexit-Deal mit der EU abgelehnt worden ist?
Christian Topf: Das hat nach den chaotischen – und sehr unterhaltsamen – Diskussionen der Politiker niemand überrascht. Die meisten schütteln nur mehr den Kopf und machen Scherze. Briten und Nicht-Briten gleichermaßen.
Silvia Fischer: Die Stimmung hat sich nicht verändert – „shocking“ war das nicht mehr. Die meisten haben ihre Entscheidungen ja schon vor einiger Zeit getroffen. Einige haben um die britische Staatsbürgerschaft angesucht, oder haben ihre britischen Partner geheiratet.
Tips: Wie ist allgemein die Stimmung in London.
Christian Topf: Allgemein gut, nur hat jeder das Thema satt.
Silvia Fischer: Ich würde sagen, dass die meisten Leute sich mit der Situation abgefunden haben und drauf hoffen, dass alles nicht so schlimm wird. Einige meiner Freunde und Bekannten engagieren sich aber für die „People's Vote“-Kampagne, die sich für eine zweite Brexit-Abstimmung einsetzt.
Tips: Gibt es unter eure Bekannten Nichtbriten, die dem Land schon den Rücken gekehrt haben oder das in näherer Zukunft vorhaben?
Christian Topf: Ja, einige sind entweder schon weg – nach Frankreich, Spanien oder Italien – oder denken darüber nach. Und die meisten, auch Briten, denken darüber nach.
Silvia Fischer: Einige sind bereits gegangen oder planen das in den nächsten Monaten – nicht immer ganz freiwillig. Ich habe zum Beispiel Freunde, die für die Europäische Arzneimittel-Agentur arbeiten. Und die verlegt ihren Sitz spätestens Ende März nach Amsterdam. Auswandern ist ein Thema, das uns im Moment alle beschäftigt.
Tips: Was wird sich für euch persönlich durch den vermutlich ungeregelten Brexit verändern?
Christian Topf: Ich vermute mal, der Wechselkurs zum Euro wird sich weiter verschlechtern, die Wartezeiten auf den eh schon chaotischen Londoner Flughäfen, werden länger, und der Immobilienmarkt wird weiter sinken. Und es wird schwer werden, gut ausgebildete Fachkräfte zu finden.
Silvia Fischer: Brexit ist ja schon schlimm genug. Ich arbeite als Lektorin an einer Universität und es machen sich alle Sorgen, wie sich Brexit auf die internationale Zusammenarbeit – Austauschprogramme oder länderübergreifende Forschungsprojekte – auswirken wird. Ein ungeregelter Brexit wird die Situation sicher nicht verbessern.
Tips: Ihr seid ja große Großbritannien-Fans. Hat sich eure Zuneigung zu dem Land seit dem Abstimmungsergebnis abgekühlt?
Christian Topf: Definitiv: Als 2016 Leute zu mir sagen, sie sind sich sicher, dass ich eh bleiben darf, sagte ich, es geht nicht darum, ob ich bleiben darf (nanonaned), sondern ob ich bleiben will.
Tips: Und werdet ihr in Großbritannien bleiben?
Christian Topf: Wie der Österreicher zu sagen pflegt: Schau ma mal. Aber eher nicht. Man kann zwar noch nicht von Plänen reden, aber wir überlegen, wo's danach hingeht. Das steht etwa Lissabon ziemlich weit oben auf der Liste.
Silvia Fischer: Es gibt so viele Dinge, die ich hier liebe und die ich vermissen werde – aber es ist wohl an der Zeit, sich nach einer anderen Heimat umzusehen.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden