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ST.JOHANN/ENGSTETTEN. Hermann Ritt betreibt den „Lebensmittelpunkt“ als neuartige Form der Vermarktung von Produkten aus der Region. Über die erweiterte Form des Bauernladens konnte Tips-Redakteur Reinhard Leeb mit Hermann Ritt sprechen.

Hermann Ritt Foto: Hermann Ritt
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Tips: Hermann, Du betreibst den „Lebensmittelpunkt“. Kannst Du das Projekt kurz beschreiben?

Hermann: Beim Bauernladen „Lebensmittelpunkt“ geht es darum, die hochwertigen Produkte der Bauern aus der Region auf möglichst einfache Weise für die Konsumenten verfügbar zu machen. Das erfolgt über ein Selbstbedienungskonzept, wo der ehrliche Kunde die entnommenen Produkte selbst bezahlt. Die Nachteile vom Ab-Hof -Verkauf werden oft unterschätzt: Gibt es einen eigene Ab-Hof Laden, so ist viel zu investieren und für den Verkauf sind zusätzliche Zeiten einzuplanen.

Wird der Ab-Hof Verkauf zeitlich nicht geregelt, wird der Landwirt bei jedem Verkauf aufgehalten. Um das zu vermeiden, wurde ein Punkt geschaffen, wo die Lebensmittel der Direktvermarkter zusammenkommen. Eben ein „Lebensmittelpunkt“, wo mit technischer Unterstützung die eigenen Produkte der Landwirte zum Verkauf angeboten werden können. Jeder Produzent verkauft dabei eigenständig im Rahmen seiner Verkaufsfläche.

Tips: Wie bist Du auf die Idee dafür gekommen?

Hermann: Vor einigen Jahren als ich angefangen habe, selbst in die Direktvermarktung einzusteigen, habe ich bemerkt, wie aufwändig das ist. So geht es sicher auch anderen Produzenten, dachte ich mir. Aus Sicht des Konsumenten deckt zudem jeder Landwirt normal nur ein ganz spezifisches Produktspektrum ab. Damit muss der Konsument, wenn er direkt vom Bauern kaufen möchte, oft einen Hof nach den anderen abklappern. Somit entstand die Idee das zusammenzufassen.

Tips: Ist Deine Idee neu oder war es notwendig diese Idee für das Mostviertel anzupassen?

Hermann: Als ich mit dem Projekt 2016 startete, erschien mir die Idee noch als sehr neu und innovativ, aber im Grunde gibt es derartige Selbstbedienungsläden in unterschiedlichster Größe schon lange in der Gegend. Der Unterschied ist hier aber dass eine Marke mit Wiedererkennungswert entstehen soll und es nicht beim Lebensmittelpunkt in St. Johann bleibt.Das Konzept sollte überall dort funktionieren, wo es Produzenten und Konsumenten in einer Region gibt, was für das Mostviertel definitiv zutrifft. Das Konzept sollte somit auch außerhalb des Mostviertels funktionieren.

Tips: Warum war Dir dieses Projekt wichtig?

Hermann: Weil es viele gute Dinge abdeckt: So bleibt die Wertschöpfung wirklich in der Region und wird nicht über den übermächtigen Einzelhandel abgezogen. Für Produzenten ist es eine zusätzliche, einfach zu nutzende und risikoarme Möglichkeit der Direktvermarktung. Wichtig ist mir als Landwirt auch jeden Produzenten persönlich zu kennen und wirklich zu wissen wo“s her kommt.

Tips: Was bekommt man zur Zeit bei Dir im Geschäft?

Hermann: Von den Grundnahrungsmittel angefangen bis zu Speziellerem. Derzeit sind über 100 unterschiedliche Produkte von etwa 15 Produzenten vorhanden. Milchprodukte, Schafkäse - die Saison für heuer ist bereits vorbei, Brot, Gebäck, Eier, Teigwaren, Essige und Öle, Dinkelreis und Sonnenblumen, Fruchtaufstriche und Sirupe, natürlich Möste, Säfte und Obstprodukte aus der Region. Aber auch Schweinefleisch und Rindfleischprodukte, wobei mir hier die Tierhaltung sehr wichtig ist. Es gibt aber auch gesunde Fertiggerichte und zeitweise Räucherforellen. Die meisten der Produkte sind in Bio-Qualität.

Tips: Wie wird die Geschäftsidee angenommen?

Hermann: Die Idee wird von Vielen sehr gut angenommen, wobei es eine Lernphase brauchte, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. Derzeit sind wir 15 Produzenten, die am Standort St. Johann in Engstetten dieses System nutzen.

Tips: Was wurde bisher kritisiert? Was sind die Nachteile und Risiken Deines Systems?

Hermann: Anfangs gab es keine klaren Aufnahmekriterien, sodass unklar blieb, wer das System nutzen darf und wer nicht. Besonders wichtig ist mir eine artgerechte Tierhaltung, damit billiges Fleisch aus nicht artgerechter Tierhaltung nicht akzeptiert wird, auch wenn es dafür Kritik gibt. Da es ein Selbstbedienungsverkauf ist, besteht das Risiko, dass nicht ganz ehrlich bezahlt wird. Das hält sich zum Glück in Grenzen. Das ich mit den Konzept in ländliche Ortschaften gehe, wo sich der Einzelhandel schon zurückgezogen hat, besteht natürlich immer das Risiko dass ein Standort nicht funktioniert weil zu wenig Umsatz gemacht wird. Der Standort St. Johann ist bereits 1½ Jahre in Betrieb. Der Umsatz müsste passen. Spannender wird es dann schon mit dem Versuchsbetrieb in St. Georgen in der Klaus der bald starten sollte. Dort werden übrigens noch Produzenten für Brot und Gebäck, Fruchtaufstriche, Öle, Fisch, Säfte und Möste, Fleisch und Mehlspeisen gesucht.

Tips: Was sind die Vorteile deines Systems? Wofür hast Du Lob bekommen?

Hermann: Ein Vorteil ist sicher, dass niemand im Verkaufsladen anwesend sein muss und somit die Personalkosten gering sind. Obwohl schon mehr Aufwand nötig ist als ursprünglich gedacht, aber es macht auch Spaß. Sowohl für Kunden als auch für Produzenten besteht der Vorteil, dass sie das System rund um die Uhr nutzen können. Ein weiterer Vorteil aus Sicht des Produzenten ist, dass er seine Preise selbst bestimmen kann. Lob gibt es immer wieder für die Möglichkeit jederzeit einkaufen gehen zu können und für die herrlichen Produkte.

Tips: Was bedeutet für Dich regional? Fällt beispielsweise Fütterung mit Soja aus Südamerika auch noch unter regional, wenn die Tiere im Mostviertel stehen?

Hermann: Was als regional angesehen werden kann und was nicht, hängt oft auch vom Produkt ab, da es manches wie Essige nicht oft direkt vom Produzenten gibt. Während Eier, Brot und Säfte am Land meist sehr nahe bezogen werden können, kommen z.B. Essige oder Öle nicht so oft vor. Was direkt aus der Gemeinde oder aus den Nachbargemeinden stammt, würde ich definitiv als regional bezeichnen. Wenn Mostviertler Tiere faktisch auf ehemaligen südamerikanischen Regenwäldern grasen, hat dies nicht nur die Vernichtung der so wichtigen Regenwälder, sondern auch Transportabgase zur Folge. Somit ist die regionale Futterquelle genauso wichtig, wie der Ort, wo die Tiere leben. Fütterung mit südamerikanischem Soja kann meiner Meinung definitiv nicht als regional angesehen werden.

Tips: Ist regional besser als bio?

Hermann: Beide Begriffe betreffen unterschiedliche Aspekte der Lebensmittelproduktion. Regionale Massentierhaltung ist abzulehnen, industrielles Bio von weit her auch, wenn es lokale Lieferanten gibt, die gute Qualität anbieten. Das Schöne am „Lebensmittelpunkt“ ist, dass man jedern Produzenten persönlich kennt.

Tips: Wie sehen Deine Pläne für die kommenden fünf Jahre aus?

Hermann: Lernen und Umsetzen. Mein Plan ist es, weitere Standorte für dieses Konzept zu finden und die Marke „Lebensmittelpunkt“ bekannt zu machen. Spannend wäre es auch, dieses oder ein ähnliches Konzept in einer Stadt zu probieren.


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