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Bewerbung St. Pöltens zur Kulturhauptstadt 2024 braucht eine Übereinstimmung auf höchster politischer Ebene

Thomas Lettner, 12.07.2017 12:00

ST. PÖLTEN. Das Ende der Bewerbungsfrist für die Kulturhauptstadt 2024 rückt immer näher. Tips sprach beim mittlerweile sechsten Jour Fixe der zivilgesellschaftlichen Plattform „KulturhauptSTART St. Pölten im Cinema Paradiso mit Mitinitiator Jakob Redl sowie mit Klemens Pilsl von der Kulturplattform Oberösterreich und einem der Projektleiter bei Linz „09.

  1 / 2   (v.l.) Jakob Redl von der Plattform KulturhauptSTART und Klemens Pilsl von der Kulturplattform Oberösterreich Fotos: Thomas Lettner

Tips:Herr Pilsl, was hat Linz „09 der Stadt Linz rückblickend gebracht?

Pilsl: Die Kulturhauptstadt ist so ein gewaltiger Prozess, dass man ihn nicht in schwarz und weiß unterteilen kann. Ich persönlich erinnere mich gern daran zurück, weil es eine kulturpolitische Positionierung der Stadt gegeben hat. Die Kunstinstitutionen, die Stadtpolitik und die Kunstschaffenden waren gezwungen, sich mit dem Thema Kulturhauptstadt auseinanderzusetzen. Nachhaltig profitiert hat in Linz vor allem der Tourismus und die Außenwirkung, also das Citybranding von Linz. Die Stadt Linz hat die Veränderung ganz stark nach außen kommunizieren können und sich selbst auf die europäische Karte gespielt.

Welche Image-Veränderungen hat Linz erlebt?

Linz war früher ganz stark als stinkende Industriestadt assoziiert. Die Stadtpolitik hatte spätestens seit den 90ern das Bedürfnis, sich ein neues Image zu geben. Die Kulturhauptstadt war ein Werkzeug, das voranzutreiben. Es war aber nicht alles Gold was glänzt in der Kulturhauptstadt, man kann vieles kritisch sehen. Die Kulturhauptstadt ist ein Riesenprozess, den man nicht als nur gut oder als nur schlecht definieren kann. Es ist ein unglaublich vielschichtiges Phänomen.

Wie sind die Vorbereitungen in Linz gelaufen? War es schwer, die Politik zu überzeugen und die Bevölkerung zur Mitarbeit zu motivieren?

In Linz waren verschiedenste Interessensgruppierungen dabei, manche von Anfang an, manche mussten sich reinreklamieren. Einige davon sind in ihrem eigenen Saft geschwommen. Wenn es um eine Positionierung in Europa geht, ist eine „Mia san mia-Mentalität“ aber eine Peinlichkeit.

Hat es in Linz wirklich eine „Mia san mia-Mentalität“ gegeben?

Teilweise bestimmt. In der Bevölkerung ist das auch sehr unterschiedlich wahrgenommen worden. Im Großen und Ganzen glaube ich, dass Linz positiv mit der Kulturhauptstadt umgegangen ist. Wie immer bei so einem großen Projekt gab es viele Neider und Schreier, die sagten, „rausgeschmissenes Geld“, „schon wieder Brüssel“ – das kennt man ja.

Welche Stadt oder Region hat derzeit Ihrer Meinung nach die besten Chancen auf die Kulturhauptstadt 2024?

Das Rheintal ist im Bewerbungsprozess sicherlich am weitesten fortgeschritten. Sie haben auch am frühesten begonnen. Ich glaube aber, dass die Entscheidung noch offen ist. Alle, die jetzt reinbeißen und sich im Jahr 2017 noch klar positionieren und sagen „Ich will Kulturhauptstadt werden, ich habe die Ressourcen dafür, ich investiere Geld, ich stelle Leute an“, die haben jetzt noch eine Chance. Wer bis nächstes Jahr im Sommer wartet, hat verloren. Eine Kulturhauptstadt-Bewerbung braucht Ressourcen, braucht Geld und braucht Mut.

Herr Redl, von welchen Seiten wünschen Sie sich noch mehr Zusammenarbeit?

Redl: Die Entwicklungen im Moment sind relativ hoffnungsvoll. Wir empfangen vonseiten der Stadt als auch vom Land sehr positive Signale. Es gibt von beiden Seiten Überlegungen, braucht aber eine klare politische Entscheidung und eine Übereinstimmung auf höchster Ebene, also von der Landeshauptfrau und vom Bürgermeister. Man soll sich aber auch nicht darauf verlassen, dass eine Einigung zwischen ihnen alles klärt. Erst wenn die beiden wollen, dass St. Pölten mit der Region diesen Prozess startet, wirft das viele andere Fragen auf, beispielsweise wie das Projektteam aussehen soll, wie die Kooperation, die Einbindung der Bevölkerung oder die Rolle der Plattform KulturhauptSTART. Das alles ist noch offen.

Warum sollte St. Pölten Ihrer Meinung nach Kulturhauptstadt werden? Es hat sicherlich finanzielle Vorteile?

Ulrich Fuchs (Mitglied der europäischen Jury zur Auswahl, Begleitung und Evaluierung aktueller und künftiger europäischer Kulturhauptstädte Anm. d. Red.) hat einmal gesagt, Kulturhauptstadt ist wie ein Stipendium, das man selbst bezahlt. Die EU zahlt relativ wenig dazu. Der Riesenvorteil darin ist einfach, dass man Prozesse startet, die für die Zukunft einer Stadt und einer Region unglaublich nützlich sind. Das betrifft sowohl Fragen der Kunst- und Kulturszene, aber es betrifft auch Fragen der Stadtplanung, der Architektur, der regionalen Kooperation, des Tourismus“ und der Wirtschaft. Alle müssen gemeinsam an einem Strang ziehen. Man kann - und das zeigen schon andere Beispiele in Europa und auch in Österreich - so einen Prozess nur schwer künstlich inszenieren. Die Kulturhauptstadt ist eine Vision, für die man in so vielen Bereichen in der Gesellschaft arbeiten kann, sodass die Stadt und die Region auf jeden Fall ungemein davon profitieren. Diese Chance haben wir jetzt. Man profitiert nicht nur in den Bereichen Kunst und Kultur, sondern auch in den Punkten Mobilität, Technologie, Innovation, Verkehr, Architektur – alles ist damit verknüpft, und man hat quasi gemeinsame Perspektiven, und für diese kann man mit allen Teilgruppen und der Bevölkerung arbeiten. Das Magische daran ist, dass die verschiedensten Menschen zusammenkommen, ihre Freizeit opfern und überlegen, was man für die Zukunft St. Pöltens machen kann. Das hat eine unglaubliche Kraft.

Ist es für Sie auch wichtig, dass St. Pölten eine Image-Veränderung erlebt wie es bei Linz der Fall war? St. Pölten hat ja immer noch wie früher Linz den Ruf der stinkenden Industriestadt?

Die Kulturhauptstadt birgt auf jeden Fall eine große Chance, sich vom Image her neu aufzustellen. Mit welchen Slogans und Inhalten genau, ist eine andere Frage, aber es ist wichtig darzustellen, dass St. Pölten eine Stadt ist, die wächst, die pulsiert, in der neue Dinge entstehen und die überrascht. Das hat sicher Langzeitwirkungen, die schwer zu berechnen sind, aber die auf jeden Fall da sind.

Was sind jetzt die nächsten Schritte der Plattform KulturhauptSTART?

Wir werden unsere Ziele weiterhin transportieren, damit St. Pölten mit einer guten Bewerbung ins Rennen geht. Wir werden aber gleichzeitig über den Sommer an unserem Magazin arbeiten, in dem wir das Jahr, das wir nun schon für die Bewerbung investiert haben, dokumentieren. Wir wollen programmatisch auf gewisse Grundlinien hinweisen, die aus unserer Sicht in einem solchen Bewerbungsprozess enthalten sein sollten.


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Marty Bauer
Marty Bauer
13.07.2017 16:14

Titel Kulturhauptstadt hilft weiter

Vielen Dank für dieses sehr interessante Interview! Ich finde, dass der Titel der Kulturhauptstadt für Linz im Jahr 2009 in der oberösterreichischen Landeshauptstadt sehr weitergebracht hat. Man denke auch die Auszeichnung der UNESCO City of Media Arts, die einige Jahre danach gefolgt ist. Das kommt alles nicht einfach so, da braucht man auch viel Verdienst.