Mit dem Motorrad erlebte ein Taufkirchner die Faszination Marokkos
TAUFKIRCHEN/MAROKKO. Für 34 Tage tauchte Ewald Ratzenböck in eine völlig andere Welt ein. Mit dem Motorrad wagte er gemeinsam mit einem Freund das Abenteuer Marokko. Über eine Gesamtstrecke von 9400 Kilometern, über Passstraßen auf einer Höhe bis zu 2921 Metern durchquerten sie Wüstenlandschaften, abgelegene Dörfer und lernten die Menschen und ihre Kultur kennen. Am 26. November spricht der Taufkirchner bei einem Bilder-Vortrag über seine Erfahrungen und Eindrücke. Tips hat Ewald Ratzenböck vorab zu einem Interview gebeten.

Tips: Was bewog Sie dazu mit dem Motorrad nach Marokko zu reisen?
Ewald Ratzenböck: Nach fünf Monaten intensiver Vorbereitung starteten wir am 24. April in Taufkirchen. Eines meiner schönsten Hobbies ist Reisen. Ich reise am liebsten mit dem Motorrad, denn da ist man frei von Zwängen. Und mit einer richtigen Enduro kommt man fast überall hin. Afrika ist schon seit vielen Jahren eines meiner Traumziele. Meiner Meinung nach erlaubt es die gegenwärtige Sicherheitslage in Nordafrika nur nach Marokko zu reisen, aber dieses Land wäre auch ohne diese Einschränkung mein erklärtes Ziel gewesen.
Tips: Ihre schönsten Erfahrungen?
Ratzenböck: Das Eintauchen in eine völlig andere Kultur in den Dörfern und Kleinstädten, die Begegnungen mit vielen freundlichen und hilfsbereiten Menschen, natürlich auch die atemberaubend schönen Landschaften. Oft hatten wir am Vormittag noch ein völlig anderes Landschaftsbild als dann am Nachmittag oder Abend. Es sind „Erfahrungen“ im wahrsten Sinne des Wortes, die so auch nur mit dem Motorrad möglich sind.
Tips: Gab es auf der Tour auch Probleme?
Ratzenböck: Das einzig nennenswerte Problem war die Darminfektion meines Partners. Er hat fünf Tage ziemlich an der „Rache Montezumas“ gelitten. Ursache war wohl der köstliche, frisch gepresste Orangensaft beziehungsweise die mangelhaft gereinigten Gläser auf einem Marktstand. Ich hatte offensichtlich die besseren Abwehrkräfte. Die Sicherheit war nie ein Problem, die Polizei zeigt eine hohe Präsenz auf den Straßen, wir wurden aber nie angehalten sondern immer freundlich durchgewunken.
Tips: Welche Orten haben Sie besonders beeindruckt?
Ratzenböck: Ich kann die Orte nicht alle aufzählen. Zu Beginn die Traumstraße an der Mittelmeerküste, dann die blaue Stadt im Rif-Gebirge, Chefchaouen, natürlich Fes, die erste der vier Königsstädte mit der verwinkelten Medina. Beeindruckt hat auch Volubilis, die Stadt der Römer, der einzigartige Wald von Atlas-Zedern bei Azrou und die einsame Strecke zum Cirque de Jaffar sowie die unendlich lange Flussoase am Qued Ziz, die Dünen des Erg Chebbi, das größte Dünengebiet Marokkos. Toll war die Fahrt über den ausgetrockneten See zu den Felszeichnungen von Taouz, die Todra-Schlucht im Hohen Atlas mit anschließender Fahrt auf einer Naturpiste über eine Wasserscheide auf 2921 Meter und hinab in die Schlucht des Dades. Agdz mit dem schönen Tighremt, einer dreigeschossigen, fensterlosen Wohnung, wie alle Häuser in Stampflehmbauweise errichtet und Foum Zguid und das unerwartete Treffen mit Landsleuten in der Sahara waren ebenso Höhepunkte. Die Filmkulssien von Ouarzazate und die weltbekannte Berbersiedlung Ait Benhaddou ebenso. Natürlich war auch Marrakesch, die zweite Königsstadt, mit dem berühmten Djemaa el-Fna, dem Platz der Gehängten und der Koutubia-Moschee einen Besuch wert. Die einzigartige Moschee von Tinmal am Tizi n'Test Pass, die Speicherburgen im Anti-Atlas-Gebirge, die dramtisch-schöne Steilküste am Atlantik bei Legzira/Sidni Ifni mit den beiden Naturbrücken in den Klippen, die immer noch „portugiesisch“ angehauchte Hafenstadt Essaouria und die ebenfalls befestigte Altstadt von El-Jadida mit der einmaligen Citerne Portugese haben wir auch besucht. Ebenfalls schauten wir uns die unglaublich große, 1993 eingeweihte Moschee Hassan II in Casablanca, der dritten Königsstadt an. Dazu gehört auch in der vierten Königsstadt der Tour Hassan in Rabat. Er steht vor einem Wald von Säulen, einer riesigen, unvollendeten Moschee. Schön waren auch die prächtigen Tore in der Mauer von Meknes. Das runde Minarett von Moulay Idriss, dem heiligsten Wallfahrtort in Marokkko waren ebenso beeindruckend. Es waren auch die vielen ungeahnten, bitterarmen Dörfer, die weit weg von den großen Städten, in einer völlig lebensfeindlichen Landschaft liegen und deren Menschen sicht nur von der Wanderweidenwirtschaft ernähren können.
Tips: Welche Kulturunterschiede waren besonders auffallend?
Ratzenböck: Natürlich fielen die Unterschiede zwischen unserer christlich geprägten und der islamischen Kultur auf. Zumindest nach außen hin haben die Frauen wohl noch keinen gleichberechtigten Status. Oft ist uns aufgefallen, dass auf den Feldern die Frauen arbeiten und die Kaffee-Stuben in den Dörfern von Männern besetzt sind. Auf dem Land sind die Menschen noch streng gläubig. Alle werfen sich fünfmal am Tag zum Gebet nieder. Mein Eindruck ist, dass die Menschen auch aus dem strengen Glauben ihre Kraft schöpfen und so in dieser fast lebensfeindlichen Gegend überleben können. Auch in der Kleidung und Ernährung habe ich wesentliche Unterschiede gesehen. So gibt es im Süden keinen Alkohol, während in den Großstädten für die Touristen schon Ausnahmen gelten. Die Bekleidung der Frauen hat natürlich mit den klimatischen Bedingungen zu tun. Wenn man auf Märkten den direkten Vergleich von muslimischen Frauen in der bunten Djellaba und manchen Touristinne vor Augen hat, ist es keine Frage wer hier ästhetischer und „gesünder“ daherkommt. Almosen geben (Zakat) ist eine der fünf Säulen des Islam, die im Leben des Gläubigen Moslem eine wichtige Rolle spielen, auch wir haben uns daran gehalten und den Bedürftigen Geld gegeben. Das Äußere der Häuser ist immer sehr bescheiden und nach unseren Begriffen „heruntergekommen“. Aber im Inneren sieht es ganz anders aus. Der Hausbesitzer will sich nicht mit einer Fassade über andere stellen und keinen Neid erwecken. Der Vorbeigehende soll einfach nicht den Eindruck haben, hier wohne einer der in der Gesellschaft höher gestellt sei. Neid, die versteckte Gier auf den Besitz des anderen, wird mit „Der böse Blick“ umschrieben. Die blaue Farbe in den Gassen soll vor diesem schützen.
Tips: Welche Erfahrungen machten Sie mit den Menschen in Marokko?
Ratzenböck: Wir können eigentlich nur Positives berichten. Quer durch alle Berufsgruppen sind wir immer freundlichen und hilfsbereiten Menschen begegnet. Aufgefallen ist mir, dass auch tief im Süden viele Menschen drei Sprachen sprechen. Die Berber sprechen natürlich ihre Muttersprache Tamazight, die offizielle Staatsprache arabisch und daneben noch französisch. Die Araber und Berber sind sehr geschickte Händler und beherrschen alle Tricks, um das Interesse an ihrem Angebot zu wecken. Er geht dabei so geschickt vor, dass wir in kurzer Zeit richtig in seine „Gasse“ kommen. Ihr Wissen über die Waren und Produkte, deren Herkunft, Behandlung und Wirkungsweisen sind beeindruckend. Ja und dann kauft man halt. Glücklicherweise hatten wir nicht sehr viel Platz an Bord. Weniger angenehm haben wir in den Touristenzentren das oft aggressive Verkaufsverhalten der Souvenierhändler erlebt. Wenn gar nichts geht, wird dann oft noch die Mitleidsmasche ausgepackt. In vielen Reiseführern wird von Geschenken an Kinder abgeraten, aber wenn ich dann in einem weit abseits gelegenen Dorf vor einer Schar Kinder stand, in deren traurige Augen sah, konnte ich nicht anders, als ihnen wenigstens mit ein paar Bonbons Freude zu bereiten. Und: Reisen tötet Vorurteile. Diesen Satz möchte ich vielen meiner Zeitgenossen ins Stammbuch schreiben.
Tips: Wie viele Kilometer haben Sie zurückgeleg?
Ratzenböck: Von Taufkirchen nach Genua waren es 850 Kilometer. In Marokko waren wir 4463 Kilometer unterwegs undvon Andalusien nach Portugal über Nordspanien, Frankreich und Deutschland waren es 4087 Kilometer. Wir legten eine Gesamtstrecke mit dem Motorrad von 9400 Kilometer zurück. Dazu kommt noch die Überfahrt mit der Fahr von Genua nach Tanger MED in 49 Stunden und 1600 Kilometer. Wir waren auf unzähligen Pässen, darunter fünf in der Höhe zwischen 2100 und 2921 Meter. Es gab keine Verletzungen und in 34 Tagen mussten wir kein einziges Mal zur Regendress greifen.
Tips: Wird es in Zukunft weitere Touren in andere Länder geben?
Ratzenböck: Ja natürlich, wir waren ja inzwischen schon im Grenzgebiet von Ligurien/Piemont zu Frankreich und sind dort auf den, in der Zeit von 18800 bis 1900 kühn angelegten Militärstraßen in Höhen von 2000 bis 2400 Meter gefahren. Aber das eine ganz andere Geschichte. Für 2016 gibt es noch kein kronkretes Ziel, vielleicht Sizilien - Kalabrien?
Vortrag und Bilder zur Motorrad-Reise
Donnerstag, 26. November, 20 Uhr, Schulzentrum Taufkirchen
Eintritt: Erwachsene acht Euro
Schüler vier Euro Veranstalter: Museum in der Schule
Der Reinerlös geht an eine Sozialeinrichtung in Taufkirchen


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