Häusliche Gewalt: 89 Fälle im Bezirk

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Martina Ebner Martina Ebner, Tips Redaktion, 25.02.2020 19:05 Uhr

BEZIRK VÖCKLABRUCK. Tips sprach mit Präventionsbeamtem Michael Eichinger vom Bezirkspolizeikommando über das Thema häusliche Gewalt.

Tips: Wann genau spricht man von häuslicher Gewalt?

Eichinger: Das ist jener Bezugspunkt, wo es über Streitigkeiten hinaus zu Handgreiflichkeiten aber auch zu psychischer Gewalt innerhalb vom Familienkreis kommt. Das Thema wurde im Jahr 1997 in das Sicherheitspolizeigesetz aufgenommen. Schwierigkeiten gab es am Anfang, da die Polizei immer genau darstellen musste, warum ein Betretungsverbot ausgesprochen wurde. Mittlerweile ist die Ex-ante-Betrachtung zulässig, die besagt, dass zu jenem Zeitpunkt, wo der Beamte einschreiten muss, die Voraussetzungen für eine Anzeige vorliegen.

Tips: Nehmen die Fälle zu?

Eichinger: Ich glaube objektiv nicht, obwohl wir im Bezirk einen Anstieg haben. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass unsere Beamten entsprechend ausgebildet sind und sich eher trauen, eine Entscheidung zu treffen. Im Jahr 2019 gab es 89 Fälle, im Jahr davor waren es 78.

Betretungsverbot gilt 14 Tage

Tips: Wann darf ein Betretungsverbot ausgesprochen werden?

Eichinger: Wenn aufgrund bestimmter Tatsachen ein gefährlicher Angriff, der sich auf Leben, Gesundheit oder Freiheit der gefährdeten Person bezieht, mit einiger Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist.

Tips: Was genau ist ein Betretungsverbot?

Eichinger: Der sogenannte Gefährder darf sich nicht mehr in die Wohnung begeben, wo das Opfer wohnt und sich neuerdings auch nicht mehr auf 100 Meter dem Opfer nähern, somit wandert der Schutzkreis mit. Es gilt 14 Tage. Nach Ausspruch muss die Behörde innerhalb von 72 Stunden überprüfen, ob das Verbot rechtmäßig ist. Innerhalb dieser 14 Tage hat das Opfer, das dann aktiv von den Gewaltschutzzentren angesprochen wird, die Möglichkeit, eine einstweilige Verfügung zu erwirken. 92 Prozent der Betretungsverbote wurden übrigens gegen Männer ausgesprochen.

Tips: Beschreiben Sie einen typischen Fall!

Eichinger: Klassisch ist der Anruf eines Nachbarn wegen Lärm und Schreien, selten beim ersten Vorfall. Manchmal melden sich auch nicht direkt beteiligte Personen aus dem Familienkreis, wie ein Onkel, die Eltern, aber auch die Kinder. Die rufen während eines Vorfalls an. Dann geht es bei der Einschreitung um die Gefahrenerforschung und die Erste Hilfe.

Gewalt in einem Kreislauf

Tips: Wie läuft ein Gewaltkreislauf in einer Beziehung ab?

Eichinger: Das läuft in Zyklen ab. Nach der Tat tritt erst einmal Stille ein und beide – Täter und Opfer – sind fassungslos. Daraufhin folgt die Reue (wobei aber jeder Gewaltausbruch eine Willensentscheidung ist) und die Annäherung. Oft wird dabei das Problem einfach ignoriert. Das Opfer gibt sich auch oft selbst die Schuld, in diesem Moment kann der Täter die Verantwortung abtreten. Dann tritt die Konsolidierungsphase ein und die alten Muster von früher und Spannungen treten wieder auf. Und der Kreis schließt sich mit einer erneuten Tat.

Tips: Warum wird ein Partner gewalttätig?

Eichinger: Auslöser sind beispielsweise verschmähte Liebe, die Trennung vom Partner oder Arbeitslosigkeit verbunden mit Perspektivlosigkeit. Der Gewaltausbruch ist meist ein Zeichen der Hilflosigkeit des Täters. Alkohol spielt auch eine Rolle, ist aber nicht der Grund, sondern nur der Auslöser.

Tips: Wann interveniert man am besten beim Gefährder?

Eichinger: In der Reuephase. In den Gewaltpräventionszentren kann man den Täter in die Verantwortung nehmen. Bei der präventiven Rechtsaufklärung gab es acht von zehn Tätern, die danach etwas ändern wollten. Da man aber monatelang auf eine Therapie wartet, erreicht man die Täter leider oft dann nicht mehr bewusst.  

Grundvertrauen, dass sich etwas ändert

Tips: Warum gehen so viele Opfer zu ihren Gefährdern zurück bzw. beenden die Beziehung nicht früher?

Eichinger: Das ist eine ähnliche Frage wie, warum sich Frauen Männer suchen, die schlagen. Ein Großteil der Studien sagt, dass solche Frauen keine andere Struktur kennen, somit selbst aus gewaltbelasteten Familien kommen und das Vertraute ihnen Sicherheit gibt. Oft gibt es auch eine finanzielle Abhängigkeit bzw. sind auch Kinder der Grund, warum die Frauen bleiben, oder ein Grundvertrauen, dass sich etwas ändert.

Tips: Wie kann die Prävention helfen?

Eichinger: Mit einer sehr guten Vernetzung mit jenen Institutionen, die Hilfe anbieten können, wie das Frauenhaus, das Kinderschutzzentrum oder die Gewaltprävention. Neu ist, dass bei sicherheitspolizeilichen Fallkonferenzen untereinander Fälle besprochen werden dürfen, die Hochrisiko-belastet sind, und zwar, ohne dass der Datenschutz ein Hindernis darstellt. Wichtig wäre es jetzt noch, ein vereinheitlichtes Instrument zur Beurteilung des Risikos zu bekommen, etwa einen forensischen Gutachter zurate ziehen zu können. Zu diesem Zweck bin ich derzeit in einer internationalen Studie mit acht EU-Ländern.

Tips: Erzählen Sie bitte von einem Hochrisiko-Fall.

Eichinger: Von Hochrisiko erfahren wir meist erst über die Schutzzentren. In einem Fall verfolgte ein Täter sein Opfer durch verschiedene Frauenhäuser in ganz Österreich. Weil die Frau immer in anderen Krankenhäusern behandelt wurde, konnte man schwer eine Verbindung herstellen. Erst in Vöcklabruck konnte er gefasst werden.

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