Das Frauenhaus ist nötiger denn je
VÖCKLABRUCK. 30 Jahre Frauenhaus Vöcklabruck sind durchaus ein Grund zum Feiern: Gefeiert werden alle Frauen, denen mit Hilfe der Mitarbeiterinnen im Frauenhaus der Absprung aus einer Gewaltbeziehung und damit der Start in ein besseres Leben gelungen ist.

Mit großem Engagement gelang es einer Reihe von Idealistinnen mit unterschiedlichstem gesellschaftlichem und politischem Background, 1994 in Vöcklabruck einen geschützten Ort für Frauen zu schaffen. Von Anfang an mit viel Einsatz dabei waren die Franziskanerinnen. In den drei Jahrzehnten fanden 920 Frauen und 1018 Kinder Schutz, Beratung und Betreuung. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Beratungsgespräche, die telefonisch und persönlich geführt wurden, ohne dass die Betroffenen ins Frauenhaus einzogen.
Vieles hat sich seit 1994 geändert. Ein positiver Meilenstein war die Einführung des Gewaltschutzgesetzes am 1. Mai 1997. Damit wurden rechtliche Voraussetzungen für einen raschen und effizienten Schutz von Opfern häuslicher Gewalt geschaffen. Das Gesetz wurde 1999, 2002 und 2004 in Teilbereichen geändert und nachgebessert. Am 1. Juni 2009 trat das sogenannte Zweite Gewaltschutzgesetz in Kraft, das den Schutz der Opfer und ihre Unterstützung in weiten Teilen nochmals verbessert hat. Freilich dauerte es, bis das Gesetz „griff“. Die letzte Novelle trat im Herbst 2013 in Kraft und setzte Maßnahmen zur Ausweitung des Schutzes von Gewalt betroffener Kinder. 2024 wurde endlich von der Justizministerin offiziell in einem Leitfaden festgehalten, dass Kinder, die häusliche Gewalt mitansehen müssen, genauso Opfer sind.
Zudem profitieren die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses von der langjährigen Vernetzung mit anderen sozialen Einrichtungen der Bezirke Vöcklabruck und Gmunden, von der Kooperation mit Gerichten, Polizei, Ämtern, Schulen und Kindergärten, um von Gewalt betroffene Frauen und Kinder bestmöglich unterstützen zu können.
Opferschutzgruppe im Krankenhaus
Im Salzkammergutklinikum Vöcklabruck gibt es seit fast elf Jahren eine interdisziplinäre Opferschutzgruppe, bestehend aus Pflegekräften, Ärztinnen, Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen. Denn Krankenhäuser sind oftmals die erste Anlaufstelle für Opfer häuslicher Gewalt. Allerdings werden Verletzungen häufig heruntergespielt oder mit dem berühmten „Sturz über die Stiege“ begründet. Viele Frauen schämen sich, weil sie nie damit gerechnet hatten, dass gerade ihnen Gewalt angetan werden könnte. Eine große Rolle spielen eine finanzielle Abhängigkeit oder die Angst vor dem Verlust der Kinder. Im ländlichen Raum, wo oftmals jeder jeden kennt, ist es vielen Frauen wichtig, dass die Nachbarn nicht mitbekommen, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt. Die Opferschutzgruppe ist einerseits Ansprechpartner für diese Patientinnen, andererseits auch zuständig für die Schulung und Sensibilisierung des Spitalspersonals.
Neue Herausforderungen
Zu den Aufgaben der Anfänge in der Frauenhausarbeit sind noch viele hinzugekommen. Die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus stellen auch psychosoziale und juristische Prozessbegleitung zur Verfügung. Kinderbetreuung, Arbeits- und Wohnungssuche nach dem Ausstieg aus einer von Gewalt geprägten Beziehung sind herausfordernd: „Am Markt gibt es kaum noch leistbare Wohnungen und für Migrantinnen ist der Zugang zum Wohnungsmarkt besonders schwierig“, sagt die Leiterin des Hauses, Michaela Hirsch. Die finanzielle Situation ist für viele Frauen prekär. Mit einem Vorurteil möchte Hirsch unbedingt aufräumen: „Gewalt ist nicht nur ein Thema bei Migrantinnen und einkommensschwachen Familien, sie kommt in allen Einkommens- und gesellschaftlichen Schichten vor.“ Und zwar mehr denn je: „Es gibt viel mehr massive Gewalt und viel mehr Gerichtsverfahren bei den betreuten Klientinnen.“ Warum? Weil auch noch nach 30 Jahren Frauen von Männern als Besitztum gesehen werden. Patriarchale Denkmuster und Strukturen sind der Nährboden für Gewalt. Weil Gewalt nicht erst mit Prügeln beginnt, sondern schon sehr viel früher – mit verbalen Verletzungen, Entzug finanzieller Mittel, Abschirmung von Freunden und Familie, Kontrolle.
Dass Österreich bei Femiziden im Spitzenfeld liegt, müsste sowohl der Gesellschaft als auch den Verantwortlichen in der Politik zu denken geben und endlich zum Handeln bewegen. Erst recht, wenn Medien Morde an Frauen nach wie vor als „Beziehungsstreit“ oder „Familientragödie“ verharmlosen.


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