Aufarbeitung des Antisemitismus in Waidhofen zur NS-Zeit
WAIDHOFEN/YBBS. Über 160 Besucher aus Nah und Fern füllten das haus.konradsheim bis auf den letzten Platz und folgten gespannt den umfassenden und detailreichen Informationen von Walter Zambal über die NS-Zeit in Waidhofen. Mit vielen exemplarischen Dokumenten machte der versierte Stadthistoriker die turbulenten Umwälzungen vor genau 80 Jahren gut nachvollziehbar.

So wurde in Waidhofen, das vor dem Anschluss 271 illegale Nazis aufzuweisen hatte, schon die Abdankung Schuschniggs am 11. März 1938 von den Nazis mit einem großen Fackelzug gefeiert. Der Obere Stadtplatz wurde zum Adolf Hitler Platz, im Pfarrhof zog die SS ein, schon am 12. März wurde mit Josef Haider ein nationalsozialistischer Bürgermeister eingesetzt.
Vorauseilender Gehorsam
Ausführlich widmete sich der Referent den Maßnahmen gegen die jüdischen Mitbürger in Waidhofen. Noch im März waren ihre Geschäfte als jüdische gekennzeichnet worden und schon im April waren die Rothschildbesitzungen enteignet und arisiert. Am Einzelbeispiel vom Zeller Pelzhändler Holubovsky, der auf eine Vermutung hin, er sei Jude, von der Waidhofner SA misshandelt und eingesperrt wurde, zeigte Zambal auf, wie stark der Antisemitismus in der Stadt wirksam war. Jüdische Menschen bekamen auch die Reichspogromnacht im November 1938 bitter zu spüren. So wurde das Geschäft Braun am Hohen Markt 22 in den Morgenstunden von SS und HJ komplett verwüstet, ebenso die Wohnung von Frau Hiebler und der Claryhof der Familie Kunizer. Besonders berührend schilderte Zambal das Schicksal von Frau Ida Weissberger, die bis ins Jahr 1942 als letzte Jüdin Waidhofens bei einer Familie am Pfarrerboden wohnte und deren Lebenssituation in der Stadt durch einen aufgefundenen Brief an ihre Verwandten in Amerika gut einsehbar ist. Sie beschloss, der nach den öffentlichen Hetzattacken im Boten von der Ybbs unausweichlichen Deportation durch Selbstmord zu entgehen. Das Schicksal von Familie Kunizer war den Anwesenden teilweise bekannt, weil sich die versuchte Gefangennahme des Ehepaares Kunizer durch die SS in den letzten Kriegstagen mit letztlich fünf Toten in der Nachbargemeinde St. Georgen zugetragen hat. Zambal informierte über die Massaker an ungarischen Juden im Lager Göstling und in der Schliefau im April 1945, wo durch die SS 76 beziehungsweise an die hundert Juden bestialisch ermordet wurden.
Windhager Sandhof SS-“Erholungsheim“
Mit vielen Detailinformationen ging der Referent auf das Lager Sandhof in Windhag ein. Gemäß einer kurzfristig wirksamen Idee der Nazis, Juden für Sklavendienste auf Madagaskar vorzubereiten, wurde es 1939 als Umschulungslager eingerichtet und ab 1941 vom SS-Unterscharführer Robert Walcher, einem aus Eichmanns Stab, mit vielen Brutalitäten gegen die jüdischen Häftlinge geführt. Bald sei von der ursprünglichen Idee einer Umschulung nichts mehr übrig geblieben und der Sandhof galt bis 1943 mehr als Erholungsheim für SS-Angehörige, in dem die Juden die Arbeit machen mussten und schikaniert wurden. Viele von ihnen wurden nachweislich deportiert und kamen in KZs ums Leben.
Referent Zambal zeigte Fotos von den Schäden nach den Bombenabwürfen vom 24. Mai und 28. Dezember des Jahres 1944 und wies auf den offenen Widerstand von drei Mitgliedern der Zeugen Jehovas hin, die schon bei der April-Abstimmung die Stimmzettel zerrissen hatten. Nachdem dem Ehepaar Piringer die Kinder weggenommen wurden und sie diese zurückforderten, kamen sie nach einem Zuchthausaufenthalt ins KZ. Stefan starb schon 1942 im KZ Dachau, seine Frau 1944 im KZ Ravensbrück. Judith Hochegger, die sich weigerte, in der Böhlerwerker Rüstungsindustrie zu arbeiten, überlebte die KZs Ravensbrück und Sachsenhausen.
Die turbulenten letzten Kriegstage mit Tausenden nach Oberösterreich durchziehenden Flüchtenden und Wehrmachtseinheiten, die kampflose Übergabe der Stadt an die Besatzer und Informationen über das Entnazifizierungslager Blamau bildeten das Ende von Zambals beeindruckendem Vortrag, nach dem es noch viele Anfragen und zusätzliche Information aus dem Publikum gab.


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