Ein Waidhofner Kulturträger feiert 90er

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Karin Novak Karin Novak, Tips Redaktion, 23.04.2020 07:59 Uhr

WAIDHOFEN/YBBS. Oberschulrat Johann Kindslehner begeht heute, 23. April 2020, seinen 90. Geburtstag. Unzählige Kupfertreibarbeiten aus seiner Hand zieren die Region (Gedenk- und Grabtafeln, Räucherpfannen, sakrale Gegenstände et cetera), weshalb der Kulturträger aus dem hiesigen Kunsthandwerk der vergangenen 70 Jahre nicht wegzudenken ist.

Warum „Kulturträger“? Kultur leitet sich vom lateinischen Verbum colere ab, in seiner dreifachen Bedeutung: (be)bauen, pflegen und verehren.

50-jährige Schaffenszeit

„Gebaut“ hat Johann Kindslehner in seiner Schaffenszeit von rund 50 Jahren neben seiner Unterrichtstätigkeit an der HTL Waidhofen rund 20.000 Räucherpfannen, für die er selber die Stanzwerkzeuge hergestellt hat. In seiner eigenen kleinen Werkstatt in der Hintergasse trug er so zur Förderung des vor allem weihnachtlichen Brauchtums des Räucherns bei. Für von ihm geschätzte Waidhofner Persönlichkeiten stellte er 30 handgetriebene, kunstvolle Räucherpfannen her, jede ein Unikat – mit Motiven, wie zum Beispiel die Madonna vom Hochaltar der Waidhofner Pfarrkirche, mit Krippendarstellungen vom Kefermarkter Altar und vom Flügelaltar in Maria Gail in Kärnten, um nur ein paar zu nennen.

Kupferne Treibarbeiten

„Gebaut“, das heißt, geschaffen hat er auch zahlreiche Gedenktafeln in mühsamer Treibarbeit in Kupfer für die seine Heimatstadt: zum Gedenken an Hugo Wolf (bei der RAIBA), die Tafel beim Klosterkindergarten, beide Tafeln im Schillerpark mit historischen Daten, die Don-Bosco-Tafel auf dem Kinoparkplatz, die Brunnentafel für den Bergmannsbrunnen in der Durstgasse, die Brückentafeln auf dem Geländer der Weitmann- und Raifbergerbrücke, und als schwierigste Arbeit die große Gedenktafel im Eingangsbereich des Kolpingheimes.

Spitzname „Kupfer-King“

Dazu kamen die vielen privaten Grabtafeln auf den beiden Waidhofner Friedhöfen und auch in den Friedhöfen der umliegenden Dörfer. Jede Tafel ist ein kunsthandwerkliches Einzelstück. Auch die Kupferbuchstaben über dem Tor zum Bezirksgericht und über dem Eingang zum Bürgerbüro (Seniorenheim) stammen aus seiner Hand. Ebenso schuf er die Gedenktafel beim Eingang zum Gasthaus Ettel in St. Leonhard. Als Abschiedsgeschenk an die HTL anlässlich seiner Pensionierung nach 40-jähriger Tätigkeit als Werkstättenlehrer schuf er fünf handgetriebene Spruchtafeln mit Sinnsprüchen, einer davon lautet: „Um die Vortrefflichkeit brandet ein Meer von Schweiß.“ Passend nannten ihn seine Schüler immer den „Kupfer-King“.

Fachgerechte Pflege

„Gepflegt“ hat Johann Kindslehner die Pfannen und Tafeln immer wieder, das heißt gereinigt, Kratzer und Beulen ausgebessert, restauriert, neu lackiert, aber auch Grabkreuze verschiedenster Art. Sein Wunsch ist es auch, dass die Gedenktafeln im Stadtbereich weiterhin fachmännisch gepflegt werden mögen. 

Renovierung von Sakralem

Was den dritten Aspekt von „Kultur“, das „Verehren“ betrifft, so darf erwähnt werden, dass Johann Kindslehner stets einen Blick für renovierungsbedürftige sakrale Gegenstände hatte, wie etwa die ehemalige neugotische Laterne am Holzkreuz außen an der Pfarrkirche, deren kleine Türmchen (Fialen) er vor Jahren in mühseliger Kleinstarbeit restauriert hatte und die 2010 in der Nacht zum Palmsonntag bei einem Vandalenakt heruntergetreten wurde. Sogar eine Orgelpfeife aus der Klosterkirche, die ihm Organist Fritz Putzer mit einem gebrochenen Labium brachte, konnte er wieder auf den ursprünglichen Ton a reparieren. Für die renovierte Marienkapelle in der Pfarrkirche trieb er in die Messingumrahmung für die Nische mit den Taufutensilien den lateinischen Spruch, ebenso verzierte er das Messingtürchen mit kunstvoller Treibarbeit, rechtzeitig zum Heiligen Abend. Bei der Gelegenheit darf auch erwähnt werden, dass das kostbare Rauchfass mit den Schellen, welches nur an hohen Festtagen verwendet wird, eigens aus Griechenland eingeflogen und mit Rosenweihrauch vom Berg Athos versehen, ein Geschenk von Johann Kindslehner an die Waidhofner Pfarrkirche ist.

Erste Hilfe und oft letzte Hoffnung im Alltag

Und wer einmal einen Schlüssel verlegt oder abgebrochen hatte, sodass er vor einer verschlossenen Haustür stand, der fand in Johann Kindslehner einen zuverlässigen Helfer. Auch für viele andere kleinere Reparaturen war der gelernte Schlossermeister und Werkzeugmacher mit viel praktischem Können und Kunstsinn oft die letzte Hoffnung und erste Hilfe.

Letzter Entwurf mit 75 Jahren

Zu seinen letzten kunstvollen Arbeiten zählen die Bronze-Abgüsse von dreien seiner handgetriebenen Räucherpfannen: mit den Türmen von Waidhofen, der Madonna vom Hochaltar der Pfarrkirche und der Krippendarstellung von Maria Gail, die er als gedrechselte Büchsen, Briefbeschwerer oder Wandbilder verarbeitet hat. Seine letzte Künstlerarbeit waren die kleinen vergoldeten Messingdöschen, die innen mit Klosterarbeit oder mit Bildern versehen wurden. Mit 75 Jahren hat er sie noch entworfen und hergestellt und an Freunde verschenkt, so wie er viele seiner Arbeiten um Gotteslohn verrichtet hat.

Perfektionist

Pfusch bei der Arbeit war ihm immer unerträglich; hatte eine Räucherpfanne auch nur den geringsten Schönheitsfehler, den ein Laie nie bemerkt hätte, so wurde sie schon als „Ausschusspfanne“ billiger abgegeben oder verschenkt. Nun ist Johann Kindslehner mit seinen 90 Jahren aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr in der Lage, Neues zu schaffen, so gerne er es täte. Sein Wunsch wäre, dass das weihnachtliche Räuchern weiterhin gepflegt werde, wofür er einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, und dass das Kunsthandwerk in unserem kreativen Ybbstal wieder mehr Beachtung fände, wofür es ja bereits beachtenswerte Initiativen gibt.

Sinnspruch als Lebensmotto 

Abschließend sei noch ein Sinnspruch seiner Kupfertreibarbeit-Tafeln für die HTL erwähnt, er stammt von Hugo Scherbaum, dem ersten Direktor der damaligen Eisen-Fachschule (1906-1934): „Schaffen und Streben ist Gottes Gebot. Arbeit ist Leben, Nichtstun ist Tod.“ Johann Kindslehner hatte sich diesen Spruch zum Lebensmotto gewählt.

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