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Gemeindereporter Franz Michael Zagler, 08.10.2026 06:38

GUNSKIRCHEN. Mitten im Wald entstand am Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Gunskirchen ein neuer Gedenkort. Unter den Gästen waren der KZ-Überlebende Avigdor Neumann, der Zweite Nationalratspräsident Peter Haubner, Vizekanzler Andreas Babler und Charlotte Herman, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz. Babler ließ mit einem Zitat von Elfriede Jelinek aufhorchen, die sagte: „Ich höre ein Ungeheuer atmen.“

  1 / 5   Rund 250 Besucher erlebten die Eröffnung des neuen Gedenkortes in GunskirchenFoto FMZ (Bildrechte: Franz Michael Zagler)

Rund 250 Besucher waren am Dienstag, 6. Oktober, bei spätsommerlichen Temperaturen gekommen, um einen besonderen Festakt zu erleben, der von Willi Mernyi, Versitzender des Mauthausen-Komitee Österreichs, mit den Worten eröffnet wurde: „Mit dem Gedenkort Gunskirchen holen wir ein verdrängtes Kapitel der Geschichte ins öffentliche Bewusstsein zurück.“

„Hölle auf Erden“

Das KZ-Außenlager Gunskirchen galt als eines der grausamsten Lager im System Mauthausen. Ab März 1945 wurden vor allem jüdische Häftlinge, viele von ihnen aus Ungarn, nach Todesmärschen in das Lager gebracht. Ohne ausreichende Versorgung, medizinische Betreuung oder Perspektive waren sie dort dem Sterben ausgesetzt. Von Zeitzeugen wurde Gunskirchen als „Hölle auf Erden“ beschrieben. Trotz dieser historischen Bedeutung blieb der Ort über Jahrzehnte unsichtbar.

Sichtbar machen, was lange unsichtbar war

Willi Mernyi wies darauf hin, dass es zwar einzelne Gedenksteine und Tafeln gab, die an das Geschehen erinnerten, aber ein umfassender Gedenkort bislang fehlte. Jetzt mache dieser Ort die Geschichte des KZ-Außenlagers, die Spuren am historischen Ort und die Stimmen der Überlebenden sichtbar und verbinde klassisches Gedenken mit digitalen und interaktiven Elementen, so Mernyi sichtlich stolz. Ermöglicht wurde das zentrale Erinnerungsprojekt unter anderem durch das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport, das Land Oberösterreich, die KZ-Gedenkstätte Mauthausen, den Zukunftsfonds und den Nationalfonds der Republik Österreich sowie zahlreiche Spenden und Sponsoringbeiträge. Daher gelte allen Spendern ein großes Danke, so Mernyi, der ein kleines „Bitte“ nachlegt – denn 19.000 Euro müssten noch beglichen werden.  

Mitten im Wald

Für den Gedenkort erwarb das Mauthausenkomitee Österreich (MKÖ) einen 4.000 Quadratmeter großen, abgetrennten Teil des denkmalgeschützten ehemaligen Lagergeländes. Sechs dezent in das Waldstück eingebundene Glasstelen vermitteln Basisinformationen und behandeln fünf Themenbereiche: den Weg nach Gunskirchen, das Lager, die „Hölle im Wald“, die Befreiung und die Entwicklungen nach 1945. Über QR-Codes gelangen Besucher zum virtuellen Gedenkort mit vertiefenden Texten, Bildern, Videos und Audiodateien. Zum Start umfasst das digitale Angebot mehr als 40 Videobeiträge von Zeitzeugen und Überlebenden sowie Biografien und von prominenten Persönlichkeiten gelesene Texte von Überlebenden des KZ Gunskirchen. Die Inhalte sollen laufend erweitert und mehrsprachig angeboten werden.

„Ich höre ein Ungeheuer atmen.“

Vizekanzler Andreas Babler appellierte an die rund 250 Besucher, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die Gräueltaten des Faschismus und des Nationalsozialismus nicht zu vergessen. „Die Täter“, so Babler sinngemäß, „waren wir, Leute wie du und ich.“ Babler weiter: „Wir dürfen nicht denken, die Gefahr sei vorüber.“ Er schloss unter zustimmendem Applaus mit den Worten der Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek: „Ich höre ein Ungeheuer atmen.“ Mit diesem Statement ließ Jelinek am 26. Januar 2024 aufhorchen, als in Wien eine Großkundgebung vor dem Parlament stattfand. Sie sei tief beunruhigt über die gesellschaftliche Entwicklung und fürchte ein Umkippen. Um zu verdeutlichen, wie nahe die Gesellschaft dem Umkipppunkt ist, würde sie schon ein Ungeheuer atmen hören und hoffen, wie sie sagte, dass es noch nicht zu spät ist.

Avigdor Neumann: „Ich sehe heute nur gute Leute.“

Der KZ-Überlebende Avigdor Neumann begann seine Ansprache mit den Worten: „Ich bin sehr aufgeregt, zum ersten Mal wieder hier zu sein. Als ich 1945 hierherkam, nahm ich als 14-Jähriger nur die SS und ihre Misshandlungen wahr. Heute sehe ich nur gute Leute.“

Neumann wurde 1931 in der damaligen Tschechoslowakei geboren und war das vierte von sieben Kindern einer wohlhabenden, jüdischen Geschäftsfamilie. Die nichtjüdischen Mitbürger kauften gerne bei Juden. Seine Eltern handelten mit Baumaterialien und waren sehr religiös. 1938 kam infolge des Ersten Wiener Schiedsspruchs ihre Heimatstadt unter ungarische Herrschaft und wurde Nagyszöllös genannt. Als Ungarn 1939 die Regierung übernahm, begannen auch die Feindseligkeiten gegenüber Juden. Als dann die Deutschen 1944 in Ungarn einmarschierten, verschlechterte sich die Lage zusehends.

Zwei Jahre jünger und Todesmarsch nach Gunskirchen

Die Biografie von Neumann hat es in sich und nimmt am 22. Mai 1944 eine dramatische Wende. An diesem Tag wurden alle Ghettobewohner in Viehwaggons verladen und nach Auschwitz deportiert. An der Rampe forderte der Vater Avigdor auf, bei der Mutter zu bleiben. Ein jüdischer Kapo wusste, was ihm dann passieren würde, und schickte Avigdor auf die Männerseite. Bei der Selektion gab er an, 15 Jahre zu sein (nicht 13) und dass er sich bei Maschinen auskenne. Acht Monate überlebte er so das Vernichtungslager Auschwitz, bis ein dreitägiger Todesmarsch nach Mauthausen folgte. Er erlebte große Kälte, schrecklichen Hunger und brutale Gewalt vonseiten der SS, bis ein weiterer Todesmarsch nach Gunskirchen folgte. Die letzten Wochen bedeuteten für den jetzt 14-Jährigen in Gunskirchen unbeschreibliches Leid, bis er am 5. Mai 1945 von den Amerikanern befreit wurde.

KZ-Außenlager Wels I und fünf Stolpersteine

Der Lageraufbau im sogenannten „Forst Hochholz“ begann im Dezember 1944 durch KZ-Häftlinge aus dem KZ-Außenlager Wels I. Mit dem 28. März 1945 wurde Gunskirchen dann ein eigenständiges Außenlager. In Wels pflegt man die Erinnerungskultur schon länger. 2008 wurden die ersten Stolpersteine verlegt. Die letzten vier Stolpersteine wurden im September dieses Jahres gesetzt – für einen Juden, für zwei Widerstandskämpfer und für einen 13-jährigen behinderten Buben. Davor wurden in Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde Wels im Sommer bereits fünf Erinnerungssteine für die Opfergruppe der Zeugen Jehovas verlegt. Sie trugen einen „lila Winkel“ und waren damals als Bibelforscher bekannt.

Erinnerungsveranstaltung in der Stadthalle Wels

Am Montag, dem 30. November 2026, findet in der Stadthalle Wels um 18 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung statt. Besucher dürfen sich auf die einleitende Rede von Stadtrat Stefan Ganzert freuen, der das Projekt Stolpersteinverlegung engagiert und mit viel Arrangement vorantrieb. Ein weiterer Höhepunkt ist die Stimme der Jugend. Zwei junge Menschen beschäftigten sich mit der Geschichte der fünf Opfer und erzählen, wie die Haltung und die Gesinnung dieser Menschen ihre Sicht verändert haben.

Mit Spannung wird die Rede von Renata Schmidtkunz erwartet, die den Begriff „Widerstand“ in ihrer Festrede aufgreift. Schmidtkunz ist bekannt durch ihre 35-jährige Tätigkeit als Redakteurin, Filmemacherin und Moderatorin beim ORF in Wien. Die Journalistin und evangelische Theologin wird erklären, wie es dazu kam, dass der Widerstand der Zeugen Jehovas oftmals den Tod zur Folge hatte.

„Nie wieder!“ und Fazit

Peter Haubner, Zweiter Nationalratspräsident, mahnte, dass der Ausruf „Nie wieder!“ keine Platitüde werden dürfe.

Und Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen-Komitees Österreich, rief zur Tat auf und meinte: „Es hat in der Vergangenheit viele Sonntagsreden, aber wenig Montagshandlungen gegeben.“

Daher sei er dankbar, dass der Gedenkort Gunskirchen ab sofort das sichtbar mache, was lange kaum sichtbar war – die Geschichte eines der grausamsten Außenlager im KZ-System Mauthausen. Sechs Glasstelen im Wald, QR-Codes, ein virtueller Rundgang, Zeitzeugenvideos, Audios prominenter Sprecher sowie historische und aktuelle Materialien verbinden reales Gedenken vor Ort mit weltweiter digitaler Vermittlung, so Mernyi abschließend.

 Tag der Veranstaltung: Montag, 30. November 2026, um 18 Uhr;  Ort der Veranstaltung: Stadthalle Wels, 4600 Wels, Pollheimerstraße 1; Einlass: 17 Uhr

Voraussichtliches Ende: 19:30 Uhr

Der Eintritt ist frei.

Parken: Parkhaus „Gerstl-Haus“ (Pollheimerstraße 7) od. Parkplatz Festwiese (hinter der Stadthalle)


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