Wie der „Stallschimmel“ in die Stiftsbibliothek kommt
STIFT ZWETTL. Tagtäglich hat er im Rahmen seiner Arbeit mit jahrtausendalten Dokumenten und spannenden Aufzeichnungen zu tun, ebenso aber auch mit Staub, Schimmel oder Tintenfraß. Seit 2013 ist Andreas Gamerith Stiftsarchivar und Bibliothekar und als solcher sind viele Schätze unter seiner Obhut.

Gerade kämpft Andreas Gamerith im Zuge einer Archivumlagerung (rund 1700 Schachteln) gegen den Tintenfraß, die so manch barocke Bestände angreifen. Denn die damals verwendete eisenvitriolhaltiger Schreibflüssigkeit (Eisengallustinte) droht vor allem bei schlechter Umgebung und Lagerung das Papier zu zersetzen. Ein Problem, dass viele Archivalien betrifft.
Von großer Wichtigkeit ist hier das Klima, „ideal wären 50 Prozent Luftfeuchtigkeit“, meint Gamerith. Nach der vorsichtigen Reinigung der oftmals fragilen Dokumente werden diese in speziellen Archivboxen gelagert. „Man hantiert hier mit jahrtausendealten Dokumenten, je besser sie gelagert sind, umso eher kann ich das Weiterbestehen garantieren.“
Oft entdeckt man Aufzeichnungen, mit denen man nicht rechnet, die viel über die vergangene Lebenswelten preisgeben, ist Gamerith fasziniert. Etwa Kritzeleien, die auf einer handschriftlichen Rechnung zu finden sind und unseren heutigen Telefonnotizen gleichen oder Aufzeichnungen rund um die Turmuhr, die von Streitigkeiten mit der Uhrmacherwitwe zeugen.
Abertausende Dokumente
Die rund 420 mittelalterlichen Handschriften sind vollständig katalogisiert und werden mit den 377 Inkubabeln (Wiegedrucke) in einem neu eingerichteten Depotraum gelagert. Der zweigeschossige Raum der prunkvollen Stiftsbibliothek beherbergt etwa 28.000 Bücher, vorwiegend aus dem 16. bis 18. Jahrhundert.
Der neuere Bestand erfasst rund 37.000 Bücher, diese werden in einem neuen Depot mit einer Regallänge von rund zwei Kilometern unter dem barocken Saal aufbewahrt und sind bereits elektronisch erfasst. Dazu kommen noch das Archiv sowie Sammlungen mit unzähligen Handschriften, Originalurkunden, Aktenmaterial, Plänen oder ein umfassendes Notenmaterial für Kirchenmusik.
„Im Haus gibt es seit Anbeginn eine Tradition des Bewahrens, das ich von anderen Häusern nicht so konsequent kenne“, meint Gamerith.
Seit 1880 nicht aufgewaschen
„Hier oben in der Galerie der Stiftsbibliothek kann ich nachweisen, dass seit 1880 nicht aufgewaschen wurde“, lacht Gamerith. Zu diesem Zeitpunkt wurden Regale eingeschoben, „da war darunter nicht aufgewischt“. Das, oder auch schwarze Fingerabdrücke in den Büchern zeugen wohl von einem anderen Ordnungsbegriff damals.
Jetzt achte man natürlich auf Sauberkeit, denn gerade Staub sei Nährboden für den Schimmel. Letzterer betrifft gewisse Stellen in der Bibliothek und wurde interessanterweise als „Stallschimmel“ analysiert: In der Umgebung wurde seit Jahrhunderten Mist ausgebracht und die Sporen setzten sich augescheinlich an den Büchern fest.
„Der Schimmel fungiert wie ein Indikator, durch ihn haben wir über die Zeit wahnsinnig viel darüber erfahren, wie der Raum hier eigentlich funktioniert“, so Gamerith. So verändern eingeschobene Regale oder abgedichtete Fenster die Luftzirkulation oder der jeweilige Sonnenstand die klimatischen Verhältnisse.
Nach und nach werden die Bücher nun mit Pinsel, Schwämmchen oder Küchenrolle gereinigt. „Am 28.12.2015 habe ich den Rücken abgesaugt, nur vereinzelte Schimmelpunkte“ ist etwa auf einem Zetterl in einem Buch am Kasten H zu lesen - auch das wird dokumentiert.


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