Spezialeinheit Tauchdienst: "Wir retten nicht, sondern wir bergen"
BEZIRK ZWETTL. Sie wird als die härteste und anspruchsvollste Ausbildung im Feuerwehrwesen beschrieben - jene des Tauchdienstes. Ob bei Minusgraden, verschmutzten Gewässern, bei Tag oder Nacht, bei Wind und Wetter oder gefährlichen Strömungen, ein Einsatztaucher muss sprichwörtlich ins kalte Wasser springen. Tips hat mit einem der Einsatzleiter der Tauchgruppe Nord, Stefan Grudl, gesprochen.

Tips: Was war deine Motivation, Feuerwehrtaucher zu werden?
Stefan Grudl: Ich habe als Mitglied der Feuerwehr das Tauchen für mich entdeckt, dabei habe ich das vorher noch nie probiert. Aber jetzt bin ich schon seit acht Jahren dabei. Aktuell absolviere ich gerade die Ausbildung zum Tauchlehrer. Zum einen fasziniert mich das Tauchen selbst und zum anderen das familienähnliche Gefüge und die stimmige Einheit, die wir bilden.
Tips: Kannst du dich noch an deinen ersten Einsatz erinnern?
Grudl: Ja, das war eine Personensuche auf der Donau. Das Problem in dem Gewässer: die Fließgeschwindigkeit ist dort gegen uns. So kann man nur vermuten, wo die Leiche ist. Natürlich fährt man da mit einem mulmigen Gefühl hin.
Tips:Was zählt zu den Aufgaben eines Feuerwehrtauchers?
Grudl: Unsere Aufgaben sind sehr vielfältig. Neben der Personenbergung zählt das Bergen von diversen Objekten dazu. Also alles, was ein Boot verlieren kann. Auch technische Hilfeleistungen im und unter Wasser, wie zum Beispiel Schiffsabdichtungen haben wir schon übernommen. Wir rücken stets zu fünft aus. Da gibt es den Leinenmann, welcher Kontakt zum Taucher durch ein Seil hält, den Schreiber, der notiert, wann wer mit wem wie lange taucht, den Taucher sowie den Sicherheitstaucher und den Übungs- beziehungsweise Einsatzleiter, der die Koordination sowie die gesamte Aufsicht innehat.
Tips:Die Ausbildung zum Einsatztaucher gilt als die härteste im Feuerwehrwesen...
Grudl: Ja, das stimmt. Die Ausbildung ist sehr kräftezehrend, von Beginn an wird man Stresssituationen ausgesetzt. Die eigenen psychischen und physischen Grenzen werden ausgelotet. Der Tag beginnt um fünf Uhr morgens und endet gegen 22 Uhr. Wenn wir aus dem Hallenbad kommen, geht es in der regulären Feuerwehrschule erst los. Mein erster Tauchgang war in Ottenstein auf fünf Metern, das war natürlich ein Härtetest. Da unten ist es nach einem Meter stockfinster, da hilft auch eine Lampe nichts. Der Ottensteiner Stausee ist unter uns Tauchern sowieso bekannt, er ist bis zu 72 Meter tief und sehr, sehr schlammig. Da kommen einem auch viele Dinge wie Steine oder womöglich eine Eisenstange entgegen. Neben dem Tauchen ist das Training der einzelnen Fertigkeiten entscheidend, das muss man aus dem Effeff beherrschen. Das Zusammenspiel im Team ist das Um und Auf. Man muss sich im Ernstfall hundertprozentig auf den anderen verlassen können. Und es muss jedem klar sein: wir retten zumeist nichts mehr, wir bergen „nur“ noch. Und man macht keinen Tauchschein, man macht die Ausbildung, die in der Regel zwischen drei und vier Jahren dauert und modular aufgebaut ist.
Tips: Wie ist es um den Nachwuchs beim Tauchdienst bestellt?
Grudl: Die Ausfallsquote der zuerst sehr interessierten Tauchanwärter ist leider sehr hoch. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass von rund 70 Anwärtern nur zirka zehn die Ausbildung zu Ende machen. Hier spielt sicherlich auch der Zeitfaktor eine Rolle. Ein Einsatztaucher muss nicht nur die mehrjährige Ausbildung abschließen, auch die Absolvierung der 14-tägigen Tauchübungen sind Pflicht, um in punkto Ausrüstung und Fertigkeit stets fit zu bleiben. Der Eistauchlehrgang zählt beispielsweise zu den Weiterbildungsmaßnahmen. Nicht zuletzt sollte man auch in das Gefüge der jeweiligen „Tauchfamilie“ passen, das ist ganz entscheidend. Die Harmonie muss stimmen, denn Teamwork ist absolut entscheidend. Wir haben im Tauchdienst Mitglieder von 20 bis zu 65 Jahren, danach ist von Gesetzes wegen Schluss. Und gerade Leute mit Erfahrung sind Gold wert, die bringen die notwendige Ruhe mit, nehmen Emotionen raus und halten das Ganze in Schach.
Tips:Wie viele Einsatztaucher gibt es aktuell im Zwettler Bezirk?
Grudl: Wir sind im Zwettler Bezirk aktuell drei Einsatztaucher.
Tips:Wie oft seid ihr im Einsatz und um welche Einsätze handelt es sich dabei vorwiegend?
Grudl: Wir verzeichnen rund 25 Einsätze im Jahr. In letzter Zeit sind es leider vermehrt Badeunfälle mit Personenbergung.
Tips:Wie geht man mit dem psychischen Stress um?
Grudl: Im Zuge der Ausbildung wird einem oft gesagt: Schaue der Wasserleiche nicht in die Augen, um die Distanz zumindest ein wenig zu wahren. Aber im Grunde reagiert jeder anders, das lässt sich auch im Vorhinein schwer feststellen und sieht man erst im Ernstfall. Als Einsatzleiter ist es wichtig, einen Überblick über das Team zu haben, wer für welche Situationen am besten geeignet ist. Jeder Einsatztaucher hat bestimmte individuelle Stärken und diese werden bei den Einsätzen ganz bewusst eingesetzt.
TAUCHDIENST NÖ
Sonderdienst des NÖ Landesfeuerwehrverbandes, organisiert in vier Tauchgruppen:
- Nord: Einsatzgebiet Waldviertel (stationiert in Weißenkirchen)
- Ost Einsatzgebiet Weinviertel (Korneuburg)
- West: Mostviertel (Purgstall)
- Süd: Industrieviertel (Mödling)
EInsatztaucher: 86 Personen sind hier niederösterreichweit aktiv, davon 22 Feuerwehrkameraden in der Tauchgruppe Nord


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden