Today: Ausstellung der Kulturkirche St. Marien
Amstetten. Helga Steinacher berichte von der Ausstellung „Today“ in der Kulturkirche St. Marien.

Betritt man über den barrierefreien Vorraum die, Mitte der 1970er Jahre erbaute, Kirche St. Marienin Allersdorf und lenkt seine Schritte zum Zugang in den sakralen Bereich, erahnt man kaum, was sich dem Besucher gleich eröffnen wird: Staunend betritt man einen weiten, hellen undarchitektonisch äußerst formschönen Raum. Augenblicklich stellt sich ein Gefühl der Vertrautheit unddes Wohlbefindens ein. Eine vermutlich eher rare emotionale Gemengelage, vermitteln Kirchen dochmitunter mehr Ehrfurchtgebietendes und Distanzwahrendes.
Die Kirche St. Marien ist ein Raum derGegenwart, auch wenn sie vor mehr als 40 Jahren vom Architekten Johann Kräftner sen. geplant underbaut wurde.
Die Ausstellung TODAY, die herausragende Bronzeskulpturen von Edith Edlinger zeigt, wird diesem Gegenwärtigen des Kirchenraums mehr als gerecht. Unmittelbar wird man von der Künstlerin mit derbewegenden Skulptur Menschliches Strandgut in den aktuellen Diskurs übers Meer flüchtenderMenschen gestoßen. Heute keine Schlagzeile mehr, was zählt ein Mensch, steht da zu lesen. Somit istman mittendrin in der Gegenwart, im Heute. TODAY ist eine Ausstellung der Emotionen und starkerGefühle. Sie rüttelt und hämmert an die Wände unserer Komfortzonen, in denen wir es unsbehaglich eingerichtet haben. Vordergründig mögen die Skulpturen zart und feingliedrig, fast verletzlich wirken. Doch Edith Edlinger treibt den Betrachter hinein in den Diskurs mit sich und seiner Umwelt. Dies gelingt ihr durch starke Formsetzung und eindringliche Körperhaltungen, die sie ihren Figuren gibt. Bei längerem Verweilen davor, wie kontemplativer Betrachtung, entfalten sie eineungemeine Wirkung, der man sich kaum zu entziehen vermag. Besondere Bedeutung haben jene Themen, die das Zwischenmenschliche wie auch die Bezogenheit aufeinander darstellen. Hier zeigensich ihre in Bronze gegossenen, feingliedrigen Figuren in ungemeiner Anmut, jedoch nie in einemoberflächlichen Liebreiz, der Betrachter zum „romantischen Glotzen“ (B. Brecht) verleiten könnte.
Sinnlich zupackend, kraftvoll haltend, ziehend, wild tanzend, heraus stoßend und greifend werden von Edith Edlinger machtvoll alle Emotionen freigelegt. Nichts wird verdeckt oder schamvoll verhüllt. Wozu auch? Direkt hat das Gegenwärtige und Unmittelbare auf uns zu wirken und in unseinzudringen. Darin liegt das Geheimnis ihrer figuralen Wahl. Alles Fremdbestimmte wird eliminiert: Übrig bleibt das nackte Ich, die Empfindung, der Sinn.
Das Beziehungsband zwischen dem Raum und den darin präsentierten Skulpturen, hervorragendkuratiert von dem Initiator der Ausstellung, Fritz Kriener, wird noch um eine Facette reicher. Zu Raum und Kunst gesellt sich der Klang. Die fantastische Klanginstallation von Georg Edlinger verweist aufzweierlei Beziehungsebenen: Als Sohn der Künstlerin, ist er bestens mit dem Werk seiner Muttervertraut. Nun setzt er seine musikalischen Formen künstlerischen Ausdrucks in Beziehung zurdarstellenden Kunst Edith Edlingers. Dazu hat er eine Auswahl von neun Tracks seiner zahlreichen vielbeachteten Kompositionen völlig neu arrangiert. Auch hier wird bewusst mit emotionalen Wirkungen gearbeitet. Dieses machtvolle Klang-Kunst-Beziehungsgeflecht zieht sich an, umkreist sich, prallt aufeinander, stößt sich ab und vereint sich zu einem ungemein starken Hör- und Seherlebnis. Wie ein magischer Sog wird man auf- und mitgenommen und imaginiert sich in eine Welt von Farben,Formen und Emotionen. Ist der letzte Ton verklungen, erwachen wir in einem Raum voller Farben,Formen und Emotionen – in der Gegenwart, im Heute.
Text: Helga Steinacher


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