Online-Suchplattform Trace the Face vereinte zerrissene Familie
AMSTETTEN. Seit 2013 gibt es beim Internationalen Roten Kreuz die Online-Suchplattform „Trace the Face“. Menschen, die aufgrund bewaffneter Konflikte, Katastrophen, Flucht, Vertreibung oder Migration den Kontakt zu den Familienangehörigen verloren haben, können mit Fotos online nach den Angehörigen suchen.

Die Familie Ghazizada stammt aus Afghanistan und wohnt seit einigen Jahren in Amstetten. Vater Sayed hatte eine Zahntechnik-Praxis in der Nähe der Hauptstadt Kabul. Weil die Taliban von ihm verlangten, einen Patienten zu töten, entschloss er sich mit seiner Frau und seinen fünf Kindern zur Flucht. Bei der Überquerung der iranisch-türkischen Grenze im Oktober 2015 ging die älteste Tochter – die damals 17-jährige Madina – plötzlich verloren. Die Familie musste ohne sie weiter und landete schließlich in Amstetten.
Tochter wiedergefunden
2017 hörte Sayed Ghazizada von Trace the Face und meldete sich beim Roten Kreuz. Im August 2018 kam die erfreuliche Nachricht: Madina hatte das Foto ihres Vaters auf der Online-Suchplattform entdeckt und konnte endlich wieder Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen. Madina war nach der Trennung nach Afghanistan zurückgekehrt, hatte dort geheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn heute in Indonesien.
Suche ist schwierig
„Die Suche nach Personen ist eine der Kernaufgaben des Roten Kreuzes“, sagt Claire Schocher-Döring vom Roten Kreuz Österreich. Pro Woche gibt es über Trace the Face weltweit ein bis zwei Treffer. 2018 konnten 58 Familien durch Trace the Face wiedervereint werden. Die Suche nach Vermissten entpuppt sich jedoch meist als sehr schwierig. In Österreich führt nur ungefähr jeder zehnte Fall zum Erfolg.
Eingefrorene Zeit
Ein Drittel aller Fälle betrifft länger zurückliegende Konflikte bis hin zum 2. Weltkrieg. Eine über 60-jährige Frau suchte über Trace the Face nach ihrem Vater, einem ehemaligen Besatzungssoldaten aus den USA. Dieser war mittlerweile verstorben, doch seine Frau und die Halbgeschwister waren noch am Leben. „Für Menschen, die auf der Suche nach vermissten Familienangehörigen sind, ist die Zeit eingefroren. Selbst wenn sich herausstellt, dass die Angehörigen tot sind, können sie doch endlich abschließen und den Verlust verarbeiten“, erklärt Schocher-Döring.


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