Amstettner Bestatterin im Interview: „Wo Leben endet, beginnt Neues“

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Michaela Aichinger Michaela Aichinger, Tips Redaktion, 25.10.2020 19:57 Uhr

AMSTETTEN. Das katholische Fest Allerseelen wird jedes Jahr am 2. November gefeiert und gedenkt aller Verstorbenen. Aus diesem Anlass sprach Tips mit Elisabeth Kranzl, der neuen Betriebsleiterin der Bestattung Tempora.

Tips: Sterben und Tod sind ein gesellschaftliches Tabu. Wie ist es für Sie, tagtäglich mit diesen Themen konfrontiert zu sein?

Elisabeth Kranzl: Auch wenn der Begriff „Tod“ von der Gesellschaft zumeist verdrängt wird, ist er Realität in unserem Leben. Wir können ihn nicht „wegschieben“. Wir alle werden letztendlich mit dem Thema konfrontiert sein, sei es durch einen nahen Angehörigen der Familie oder durch einen guten Freund. Der Tod ist ein Kreislauf der Natur. Wo Leben endet, beginnt Neues.

Tips: Warum haben Sie sich für den Beruf der Bestatterin entschieden?

Kranzl: Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, wie wichtig es ist, Angehörige eines Verstorbenen pietätvoll zu begleiten und zu führen, um ein würdiges Abschiednehmen zu ermöglichen. Ich habe mit diesem Beruf eine wertvolle Aufgabe gefunden, Menschen in einer der wichtigsten Stationen ihres Lebens zu helfen. Für mich ist diese Materie sehr sinngebend und persönlich erfüllend.

Tips: Woher nehmen Sie die Kraft für Ihren Beruf?

Kranzl: Meine Freizeit verbringe ich gerne mit und in der Natur sowie am elterlichen Hof und gestalte meinen Lebensalltag sehr abwechslungsreich. Dadurch tanke ich neue Energie für meinen beruflichen Alltag.

Tips: Gibt es auch Momente, wo Sie sagen: „Das schaffe ich nicht?“

Kranzl: Der Tod ist ein Mysterium, das sprachlos macht. Natürlich gibt es Situationen, in denen die Psyche stark gefordert wird. Es wäre unmenschlich zu sagen, dass man alles unbedacht wegstecken kann. Eine gesunde Stabilität ist in diesem Beruf sehr wichtig und hilft mir, auch schwierige Lebenslagen gut zu meistern. Auf die Unterstützung meines Teams kann ich jederzeit zählen und vertrauen.

Tips: Leben Sie durch Ihre Arbeit bewusster?

Kranzl: Der Tod ist nie gerecht – vor allem dann nicht, wenn ein junger Mensch von dieser Welt abberufen wird. Ich habe großen Respekt davor und bin tagtäglich dankbar für jeden Tag, der mir geschenkt wird.

Tips: Früher starben Menschen hauptsächlich zu Hause – heute ist das Sterben im Familienverband eine Seltenheit geworden. Hat sich der Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft gewandelt?

Kranzl: Eine Veränderung zu damals ist erkennbar. Mitunter liegen die Gründe in der fortgeschrittenen Medizin und bei der Gesellschaft. Die Lebenserwartung ist gestiegen und es stehen den Familien viel mehr Möglichkeiten für eine Sterbebegleitung zur Verfügung – etwa in Palliativstationen. Nichtsdestotrotz wird das familiäre Zusammenleben sehr hochgehalten. Es ist Tatsache, dass viele Menschen ihre Angehörigen noch zu Hause pflegen. Daher ist es ihnen möglich, im Kreise ihrer Lieben zu sterben.

Tips: Was erfüllt Sie an Ihrer Arbeit als Trauerbegleiterin?

Kranzl: Menschen in einer der wichtigsten Stationen ihres Lebens zu helfen, ist für mich eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Für mich persönlich ist dieser Beruf sehr sinngebend, besonders wenn ich die Dankbarkeit der Angehörigen spüre, denen ich eine Stütze in dieser Lebensphase sein konnte.

Tips: Lang andauernde Trauer um einen geliebten verstorbenen Menschen wird oft als Schwäche gesehen. Wie lange „darf“ Trauer dauern?

Kranzl: Trauer zeigt eine natürliche Gefühlslage nach dem Tod eines lieben Menschen. Sie durchläuft einige Phasen und kann je nach Schwere des Trauerfalles verschieden lange dauern. Trotzdem ist es wichtig, nach einer gewissen Zeit wieder in den Lebensalltag zurückzufinden.

Tips: Zum Thema Bestattungsvorsorge: Nimmt die Zahl jener Menschen, die sich schon zu Lebzeiten um ihre Bestattung kümmern, zu?

Kranzl: Ja. Es ist ein völlig legitimer Gedanke, wenn sich Menschen zu Lebzeiten mit dieser Materie auseinandersetzen. Eine Bestattungsvorsorge kann einerseits organisatorisch, andererseits auch finanziell erfolgen. Die Beweggründe sind ganz unterschiedlich. Für Familien oder Menschen ohne Nachkommen kann eine Vorsorge sehr hilfreich und entlastend sein. Die Entscheidung zur Vorsorge ist individuell und somit jeder Person selbst überlassen.

Tips: Es gibt mittlerweile viele alternative Bestattungsformen. Nimmt ihre Anzahl zu und wenn ja, welche Form wird derzeit am meisten gewählt?

Kranzl: Tendenziell lässt sich sagen, dass Feuerbestattungen zunehmen. Da das Angebot an alternativen Bestattungsformen immer größer geworden ist, sind auch das Interesse und die Nachfrage der Bevölkerung gestiegen. Zum Beispiel besteht die Möglichkeit einer Baum- oder Donaubestattung bereits auch in unserer Nähe.

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