Historisches Mostviertel: Mutige Worte in verheerenden Zeiten

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Bischof Michael Memelauer (1874 – 1961) bei einem Besuch in der Pfarre Scheibbs im September 1940 (Foto: DASP, Bischof Memelauer, Fotosammlung MEM_254)
Bischof Michael Memelauer (1874 – 1961) bei einem Besuch in der Pfarre Scheibbs im September 1940 (Foto: DASP, Bischof Memelauer, Fotosammlung MEM_254)
Michaela Aichinger Michaela Aichinger, Tips Redaktion, 28.08.2021 08:21 Uhr

MOSTVIERTEL. Wie haben religiöse Menschen und christliche Kirchen auf die NS-Euthanasie reagiert? Dieser Frage widmet sich ein neuer Sammelband. Ein Beitrag stammt von dem Journalisten und Theologen Josef Wallner.

Der Mostviertler hat sich insbesondere mit Michael Memelauer auseinandergesetzt. Memelauer war von 1927 bis 1961 Bischof von St. Pölten. In der Silvesterandacht 1941 erhob er seine Stimme gegen die NS-Euthanasie. Die Hauptaussage seiner Predigt: „Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben.“ Die NS-Argumente für die Euthanasie nannte Memelauer „schöne Sophismen“ – also Trugschlüsse – und auch von dem die Euthanasie verherrlichenden Werbefilm „Ich klage an“ „dürfe man sich nicht blenden lassen“.

Netz der Bedrohung

„Bischof Memelauer war sich sicher der Bedeutung dieser Predigt bewusst“, erklärt Josef Wallner: „Die Euthanasie war für die NS ein zen­trales Anliegen und als Thema auch für den Bischof präsent. Das Leben von Menschen mit Behinderung, von Kranken oder von sozial schwachen Menschen war schwerstens bedroht. Es gab ein engmaschiges Netz bis hin zur Hebamme im Dorf, die – ebenso wie jeder Bürgermeister – verpflichtet war, ein aus ihrer Sicht behindertes Kind zu melden“, so Wallner. Zudem befanden sich in der Diözese mit Mauer-Öhling, Ybbs und Gugging gleich drei Heil- und Pflegeanstalten, aus denen mehrere Tausend Patienten im Schloss Hartheim ermordet wurden.

Anstaltsseelsorge in Ybbs

Für Mauer-Öhling und Ybbs stellte der Bischof auch die Anstaltsseelsorge. „Noch 1937 ist etwa in der Heil- und Pflegeanstalt Ybbs eine gute Betreuung der Patienten mit Ausflügen, Festen und Theaterbesuchen dokumentiert. Eineinhalb Jahre später war die Anstalt de facto leer. Von 1.700 Patienten sind in Ybbs 200 Menschen übrig geblieben, die ihren Dienst in der Landwirtschaft verrichten mussten“, verdeutlicht Wallner.

Aufregung in den Pfarren

Durch die zahlreichen Ermordungen war die bischöfliche Kanzlei ab 1940 mit vielen Todesmeldungen konfrontiert. Die Totenscheine mussten an die Pfarrämter weitergeschickt werden. „Die Pfarren der Diözese waren also nach und nach direkt mit der NS-Euthanasie konfrontiert: Zudem standen Pfarrer der Bitte nach dem Begräbnis mit einer Urne gegenüber – die der Euthanasie zum Opfer gefallenen Menschen wurden verbrannt, die Urnen ‚mit der Asche der Verstorbenen‘ konnte angefordert werden. Das war eine heikle Angelegenheit“, so Wallner. Denn: Eine Urnenbeisetzung sei nach Kirchenrecht verboten gewesen. Eine Einäscherung kam der Leugnung des Glaubens an die Auferstehung gleich.

Mit zahlreichen Urnen konfrontiert

„Plötzlich standen Urnen mit der Asche von Menschen vor dem Pfarrer, die er zu Lebzeiten als gute Katholiken gekannt hatte und die mit Gewissheit an das ewige Leben bei Gott geglaubt hatten“, erklärt der Theologe. Eine Ausnahmeregelung erlaubte zwar die Urnenbestattung – die Verstorbenen hatten ja zu Lebzeiten nicht selbst über die Kremation verfügt – dennoch dürften die Urnenbestattungen für Aufregung in den Pfarren gesorgt haben. Diese Unruhe sowie die gute Vernetzung mit anderen Bischöfen im „Deutschen Reich“ lasse laut Wallner keine Zweifel offen, dass Bischof Memelauer über die Euthanasie-Vorgänge gut informiert war.

Protest-Predigt

„Bischof Memelauer hat sich daher entschieden – übrigens als einziger Bischof in Österreich –, den Protest gegen die NS-Euthanasie zu Silvester 1941 zum Thema seiner Predigt zu machen“, erklärt Wallner. Die Predigt sei sehr fortschrittlich aufbereitet: „Memelauer verwendet darin sehr starke Sätze, die ein wichtiges Bekenntnis zum Leben darstellen.“ Irritierend sei jedoch, dass es damals wenig Echo auf die Predigt gegeben habe – weder seitens der Nationalsozialisten noch innerhalb der Kirche. „Nach und nach hat die Predigt aber ihren Weg aus dem Archiv gefunden. Seit 2002 gehört sie zur Dauerausstellung in Hartheim. Heute ist Memelauers Predigt DAS Referenzthema, wenn man in Österreich über Euthanasie spricht“, berichtet Wallner.

Brücke in die Gegenwart

Was können wir uns von diesem historischen Blick auf Bischof Michael Memelauer ins Heute mitnehmen? „Ich finde, wir müssen sehr genau auf die gesellschaftlichen Vorgänge der Zeit achten und analysieren, was hinter einzelnen Entwicklungen oder Maßnahmen steckt“, meint Wallner.

So kommt man zum Buch

Das Buch „NS-Euthanasie: Wahrnehmungen – Reaktionen – Widerstand im kirchlichen und religiösen Kontext“ des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim und des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts ist im StudienVerlag verschienen. Herausgeber sind Verena Lorber, Andreas Schmoller und Florian Schwanninger. Erhältlich unter www.studienverlag.at, Tel.: 512 395045.

Was versteht man unter Euthanasie?

Das Wort Euthanasie stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt „Der schöne/leichte Tod“. Zur Zeit des Nationalsozialismus (NS)wurde im Zuge der „Rassenlehre“ und des Strebens nach einem „gesunden Volkskörper“ das Leben behinderter, alter und unheilbar kranker Menschen als „nicht lebenswert“ erklärt.

Anfang Mai 1940 begann etwa in Hartheim (OÖ) die Ermordung von behinderten und psychisch kranken Menschen. Bis August 1941 wurden dort über 18.000 Menschen, die zum Großteil aus österreichischen Heil- und Pflegeeinrichtungen kamen, mittels Kohlenmonoxid ermordet. Im gesamten „Deutschen Reich“ gab es weitere sieben solcher Anstalten.

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