Interview mit Pädagogin Maria Mitterlehner: "Der Schule nicht zu viel Raum geben"
FREISTADT. Als „Ernst des Lebens“ wird der Schulstart von vielen Erwachsenen bezeichnet. Damit das neue Schuljahr nicht ernst, sondern leicht und freudig beginnt, hat Tips mit der Elementar- und Pikler-Pädagogin sowie Elternberaterin Maria Mitterlehner über ihre Tipps und Erfahrungen zum Thema Schule gesprochen.

von REGINA WIESINGER
Tips: Der Schulstart ist für viele Familien ein wichtiger Schritt. Was brauchen Kinder Ihrer Erfahrung nach, damit sie gut ins neue beziehungsweise erste Schuljahr starten können?
Maria Mitterlehner: Der Alltagsrhythmus sollte spätestens eine Woche vor Schulstart angepasst und Lerninhalte wiederholt werden. Es gibt tolle Lernhefte, mit denen der aktuelle Lehrplan gut wiederholt werden kann. Ansonsten bin ich dafür, dass Kinder in den Sommerferien eine Pause von der Schule bekommen. Wenn den ganzen Sommer über geübt werden soll, bleibt sehr viel Frust erhalten.
Gemeinsam Schulsachen einzukaufen, Vorbereitungen zu treffen und den künftigen Tagesablauf zu planen, gehört für mich ebenfalls dazu. Kleine Dinge üben, wie Federschachtel einräumen oder Schultasche auf- und zumachen übersieht man gern. Aber auch das sollte vorher schon geübt werden.
Ich rate dringend davon ab, vor allem Schulanfänger ständig zu fragen, ob sich das Kind schon auf die Schule freut. Man soll natürlich auf die Fragen der Kinder eingehen, aber nichts zerreden. Hilfreich ist es auch, wenn die Kinder schon im Vorfeld die Lehrkraft oder die Schule kennenlernen. Ein Foto oder ein Brief von den Pädagogen hilft oft, Ängste abzubauen.
Eltern wollen meist alles richtig machen. Was sind typische Sorgen, die Ihnen in Ihren Elternberatungen rund um den Schulstart begegnen?
Das Thema Trennung beschäftigt viele, vor allem Eltern von gefühlsstarken Kindern. Wenn Mütter oder Väter in den ersten Tagen in der Klasse bleiben wollen, sollen sie sich dezent im Hintergrund halten und einen sicheren Hafen für das Kind darstellen. Manchmal geht es aber auch nicht ohne Tränen. Ein „Deine Lehrerin wird dich trösten“ gibt dann beiden Seiten eine gewisse Sicherheit.
Ein Thema, das immer größer wird, sind Eltern-WhatsApp-Gruppen oder Schul-Apps. Diese Gruppen können Eltern durch das Überangebot an Informationen richtig belasten. Ich rate dazu, Schulthemen – zum Beispiel wenn ein Kind einem anderen Kind etwas kaputt gemacht hat – nicht unter den Eltern auszumachen. Das ist die Verantwortung der Schule.
Ein Riesenthema ist natürlich die Hausübung. Die Aufgabe der Eltern sollte dabei sein, den Rahmen vorzugeben: den Platz, die Zeit und Unterstützung anzubieten. Ein Tipp: Es muss nicht immer der Tisch sein, es darf hin und wieder auch ein Liegeplatz sein. Kinder spüren sich beim Liegen besser und können sich dadurch oft leichter konzentrieren.
Aus Sicht der Pikler-Pädagogik spielt die Selbstständigkeit eine große Rolle. Wie können Eltern ihr Kind dabei unterstützen?
Eins vorweg: Die Selbstständigkeit eines Kindes ist kein reines Erziehungsthema. Da spielen viele Faktoren mit. Oft ist es auch eine Typsache. Selten oder nie ist es Faulheit. Bei manchen Kindern dauert die Entwicklung zur Selbstständigkeit einfach länger. Hier helfen zum Beispiel Handlungspläne für die Morgenroutine, die Eltern und Kinder gemeinsam ausarbeiten. Sanduhren helfen beim Zeitgefühl, und ein eigener Garderobenplatz kann für Ordnung im Morgenchaos sorgen. Die Kinder brauchen uns als Assistenten, sollen aber selbst nachdenken können. Oft fallen Kinder in der Zeit um den Schulstart in ihrer Entwicklung zurück. Das ist normal, am besten akzeptiert man das als Elternteil und nimmt das ernst. Ein „Du bist doch schon groß und kannst das alleine“ hilft den Kindern nicht.
Was wird beim Schulstart häufig unterschätzt, etwa beim Thema Freizeit oder Medien?
Dass es durch die Schule plötzlich viel weniger Freispielzeit gibt, und das ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Punkte in der Entwicklung der Kinder. Ich finde, die Kinder sollen Zeit zum Spielen haben, rausgehen und sich spüren können. Das führt zum nächsten großen Punkt: der Mediennutzung. Ohne Medien geht es heute natürlich nicht mehr. Aber was und wie viel damit gemacht wird, ist wichtig. Die WHO empfiehlt bis zu einer Stunde Medienzeit für Volksschulkinder. Wichtig zu wissen ist, dass Mediennutzung keine Pause für das Kindergehirn ist. Wenn ferngesehen wird, dann am besten erst nach der Hausübung. Ich bin auch definitiv gegen Handys für Volksschulkinder. Das schafft viele Probleme, die nicht sein müssten. Die Kindergehirne sind einfach noch nicht reif für so viel Verantwortung. Man könnte hier auch die Schulen stärker in die Pflicht nehmen, etwa durch mehr Aufklärung oder Vorträge bereits in den unteren Klassen.
Wie viel Leistungsdruck erleben Kinder heute schon vor dem ersten Schultag und wo können Eltern bewusst gegensteuern?
Viel Verständnis für das Kind zeigen, ältere Kinder nicht immer nur über die Schule ausfragen und den Kindern Zeit geben. In Österreich haben die Kinder drei Jahre Zeit für die ersten zwei Schuljahre. Den Kindern, die es brauchen, diese Zeit zu geben, würde viel Leistungsdruck wegnehmen. Und das Belohnen von Noten ist für mich ein No-Go.
Wenn Sie Eltern, deren Kinder heuer neu in die Schule kommen, nur drei Dinge mit auf den Weg geben dürften, welche wären das?
Vertrauen in die Kompetenzen des Kindes, Gelassenheit im Sinne davon, der Schule nicht zu viel Raum und Macht im Familienalltag zu geben, sowie Freizeit und viel freies Spiel als Ausgleich.
Zur Person: Maria Mitterlehner ist Kindergarten-, Pikler- und Traumapädagogin. Sie war mehr als 20 Jahre im Integrativen Heilpädagogischen Hort 1 St. Isidor tätig und hatte neun Jahre die Leitung inne. Später war sie Teamleiterin der Elternbegleitfachkräfte OÖ bei Pro Juventute. Sei 2023 ist Maria Mitterlehner selbstständig und bietet pädagogische Elternberatungen in ihrer Praxis in St. Peter sowie diverse Workshops und Spielgruppen an (www.3-raum.at).








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