Karl Wagner: „Konflikte sind per se ja nichts Böses. Entscheidend ist, wie man damit umgeht."
FREISTADT. Gerade während Krisen und wenn Menschen viel Zeit miteinander verbringen, häufen sich Konflikte. Tips hat mit Mediator und Konfliktbegleiter Karl Wagner gesprochen, wie man diese gut lösen kann.

Tips: Durch die Corona-Maßnahmen verbringen viele Familien mehr Zeit zuhause. Wieso kommt es besonders jetzt zu Konflikten?
Karl Wagner: Dauernde Nähe schafft engere Verhältnisse als gewohnt, was dazu führen kann, dass sich persönliche Rückzugsmöglichkeiten reduzieren. Spannungen treten auf, werden überbewertet und können in der Folge auch Konflikte auslösen. Schnell wird eine Mücke zum sprichwörtlichen Elefanten. Dieses Phänomen kennen wir auch von Urlauben und Weihnachten, wenn der gewohnte Alltag entfällt und man plötzlich deutlich mehr Zeit als sonst miteinander verbringt.
Latente Probleme, die der Alltag in Normalzeiten zudeckt, kommen an die Oberfläche und werden zum Angelpunkt für notwendigen Diskussionsbedarf. Die Corona-Krise verstärkt diese Punkte jetzt mit Gefühlen der Angst, der Hilflosigkeit, der Ohnmacht und vielleicht auch der Ausweglosigkeit.
Tips: Wie kann man Konflikte verhindern oder frühzeitig erkennen?
Wagner: Ganz grundsätzlich sollte man Konflikte als Chance der Klärung sehen. Wenn man persönlich zu der Akzeptanz findet, dass wir alle mit Empfindungen und Bedürfnissen nach Wertschätzung, Respekt, Zuwendung und Ruhe höchst unterschiedlich ausgestattet sind, jeder für sich gewissermaßen einzigartig ist, dann ist ein gutes Fundament gelegt, Konflikten vorzubeugen. Der andere ist halt anders als ich und auch ich bin nicht immer einfach und klar für die anderen.
Zu glauben, Konflikte gänzlich verhindern zu können, wäre wohl eine Illusion. Ein Konflikt ist per se ja nichts Böses. Entscheidend ist, wie man damit umgeht, denn der Dissens hat auch Positives an sich, nämlich die Chance, durch Kreativität zu etwas Neuem zu finden. Konflikte entwickeln sich schleichend aber dennoch systematisch. Am Beginn steht immer eine Eintrübung zwischenmenschlicher Beziehung verbunden mit sich steigerndem Verlust, Kommunikation offen und verständnisvoll führen zu können.
Tips: Was kann man tun, wenn die Situation bereits angespannt ist oder ein Konflikt bereits ausgetragen wird?
Wagner: Durch reden, reden und wieder reden, also durch Kommunikation, auch wenn es oft noch so schwer fallen sollte. Und ganz wichtig dabei: Gefühle und Emotionen zulassen, nicht unterdrücken! Ist die Situation einmal so sehr verhakt, dass man allein auf keinen grünen Zweig kommt, kann ein Mediator gut unterstützen. Sie sind darauf spezialisiert, die Gespräche so zu lenken, dass ein Blick hinter die Kulissen möglich wird. Das gemeinsam zu erforschen, rückt eine Lösung des Konflikts für gewöhnlich einen deutlichen Schritt näher.
Oft haben Beweggründe persönlich nicht nur mit sachlichen Argumenten zu tun, sondern sind oftmals ganz wesentlich mit Gefühlen verknüpft. Kommen diese Gefühle nicht zur Sprache, schwindet die Chance zur Deeskalation. Mediatoren haben die Aufgabe, die Beteiligten bei der eigenständigen Konfliktlösung zu unterstützen, zu fördern und möglichst beide als „Sieger“ aus der Diskussion zu führen.
Tips: Wie kann man Konflikte zwischen Kindern und Geschwistern gut lösen?
Wagner: Im Prinzip immer wieder durch dieselben Bemühungen: offen reden, aufmerksam zuhören und versuchen, sich auf bestimmte Verhaltens- und Vorgangsweisen und Regeln zu einigen. Hilfreich wird sein, die Gespräche konkret zu planen, sowohl zeitlich als auch örtlich und thematisch. Wenn quasi der Familienrat zusammentritt, sollte allen klar sein, wann das ist, wie lange es dauern soll und worum es gehen soll – Ziele!
Der Erfolg des gemeinsam erreichten Ergebnisses wird wohl davon abhängen, dass alle gesichert dasselbe darunter verstehen und dass es regelmäßig bewusst und gemeinsam überprüft wird. Die Corona-Krise wird vorbeigehen und es wird in der Zeit danach leichter sein, je mehr man die Chance zu Lösungsübungen bei Konflikten genutzt hat und je weniger Ballast man aus der Krise mitnimmt.
Tips: Auch in manchen Betrieben ist die Situation durch Stress und Ungewissheit sehr angespannt. Wie können hier Konflikte mit Kollegen und Mitarbeitern verhindert werden?
Wagner: Geht es um die Chef-Mitarbeiter-Kollegen-Ebene wird gerade jetzt strikte Themen-Klarheit von allen und für alle hilfreich sein. Ganz wichtig ist, dass Vertrauen erhalten bleibt und auf Sorgen und Ängste Bedacht genommen wird. Werte wie Gerechtigkeit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit spielen gerade in Krisenzeiten für Gespräche eine immense Rolle.
Passieren die Gespräche in einer offenen Kommunikationskultur, die spüren lässt, dass derzeit wohl alle ihre Sorgen haben, beziehungsweise wohl kaum jemand sorgenfrei ist, kann das in weiterer Folge für künftige Entwicklungen des Unternehmens von großem Vorteil sein. Am besten ist es, Beobachtungen und Stimmungen direkt anzusprechen. Atmosphärische Störungen merkt man, man spürt sie, also auf den Tisch damit, ohne langes Zaudern und Zögern, denn Tatenlosigkeit wäre in solchen Situationen der beste Konfliktdünger! Wer zusieht, fördert Konflikte.


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