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„Dialog, Empathie und gegenseitiger Respekt für ein sicheres Zusammenleben"

Daniela Toth, 11.08.2015 08:20

GMUNDEN. Petra C. Braun ist Vorständin des Interdisziplinären Forschungsinstitutes für Entwicklungszusammenarbeit der Johannes Kepler Universität (IEZ) mit Sitz in Gmunden. Tips hat mit ihr aus aktuellem Anlass über Gründe gesprochen, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat treiben können – und darüber, was es braucht, um das zu vermeiden oder ihnen die Rückkehr zu ermöglichen.
 

Dr. Petra C. Braun: "Eine weltweite und dauerhafte Verbesserung der Lebensbedingungen liegt in unserem Eigen-, ja Überlebensinteresse."

Tips: Warum flüchten Menschen?

Petra Braun: Zuallererst eine wichtige Klarstellung: Flüchtlinge müssen ihre Heimat verlassen, weil sie in ihrem Herkunftsland etwa aufgrund ihrer Herkunft, Religion, politischen Gesinnung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt werden und in Lebensgefahr sind – im Unterschied zu Migranten, die meist ihre Lebenssituation verbessern wollen und jederzeit in ihr Heimatland zurückkehren können. Österreich hat sich 1955 völkerrechtlich dazu verpflichtet, Flüchtlingen Asyl zu gewähren; Asyl ist ein Menschenrecht. 2014 wurden knapp 60 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Die ärmsten Länder Afrikas und Asiens nehmen die meisten Flüchtlinge auf. In Österreich wurden 2014 rund 7000 Personen als Flüchtlinge anerkannt.

Tips: Wie kann man verhindern, dass Menschen zu Flüchtlingen werden?

Petra Braun: Zunächst sind die Regierenden in den betreffenden Ländern in der Pflicht, auf die Einhaltung von Menschenrechten, Teilhabegerechtigkeit, Umweltschutz sowie eine gute Regierungsführung und rechtliche Rahmenbedingungen zu achten und entsprechende Investitionen in die soziale und materielle Infrastruktur zu tätigen.

Allerdings waren und sind wir maßgeblich für das Massenelend und zerstörte natürliche Lebensgrundlagen mitverantwortlich: Gewaltregime und Despoten wurden und werden auch von europäischen Regierungen unterstützt, etwa wenn es um wirtschaftliche Interessen geht. Unsere Handelsmacht hat dafür gesorgt, den Lebensunterhalt unzähliger Menschen zu zerstören und ein soziales und wirtschaftliches Gefälle zu etablieren.

Unsere heutige Welt ist derart verflochten, dass unsere Produktions- und Konsummuster erheblichen Einfluss auf die Menschen und ihre Lebensräume in fernen Teilen der Welt und auch auf künftige Generationen haben. Die Ausbeutung von Mensch und Natur beschert uns „billige“ Produkte, weil wir die Kosten auslagern. Die Klimaveränderung hat bereits existenzbedrohende Auswirkungen auf die ohnehin benachteiligten Bevölkerungsgruppen, die am wenigsten zur Verursachung beigetragen haben. Eine nachhaltige Wirtschaftsweise und Fairhandel sind daher das Gebot der Stunde.

Zudem bedarf es zur Lösung unserer großen Herausforderungen und Zukunftsfragen wie z.B. Klimaveränderung, Verlust der biologischen Vielfalt, Armut und Hunger einer internationalen Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Tips: Wie kann sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit auch unter diesem Gesichtspunkt aussehen?

Petra Braun: Österreich, eines der reichsten Länder der Welt, hat sich bereits 1970 dazu verpflichtet, jährlich 0,7 Prozent seines Bruttonationaleinkommens für öffentliche Entwicklungshilfe aufzubringen. Wir sind dieser Verpflichtung in 45 Jahren allerdings nie nachgekommen. Dabei ist festzuhalten, dass es nicht nur um die Quantität geht: Eine nachhaltige und selbstbestimmte Entwicklung kann nicht durch Geld und „Expertise“ herbeigeführt, sondern allenfalls gefördert werden. Hilfsmaßnahmen werden kontraproduktiv, wenn sie, wie häufig der Fall, in erster Linie der Durchsetzung der eigenen wirtschaftlichen, strategischen und sicherheitspolitischen Interessen dienen und dabei kulturspezifische Lebensweisen entwerten oder gar zerstören und die Menschen entmündigen.

Jedenfalls soll die Zusammenarbeit möglichst auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt werden. Eine weltweite und dauerhafte Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen ist nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit, sondern liegt in unserem Eigen-, ja Überlebensinteresse.

Tips: Was kann der Einzelne in diesem Zusammenhang tun?

Petra Braun: Ich kann es nur nochmals betonen: Unser Lebensstil ist ein besonders wirkmächtiger Hebel. Wir können uns tagtäglich entscheiden: vom verantwortungsbewussten Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen über die Frage, wo die Produkte, von wem und unter welchen Arbeits- und Umweltbedingungen erzeugt wurden – und, ob wir diese wirklich brauchen und haben wollen. Darüber hinaus machen etwa Selbstorganisation, gemeinschaftliche Aktivitäten und politisches Engagement Sinn.

Nicht zuletzt geht es auch um Weltoffenheit. Jeder Mensch ist anders, einzigartig, besitzt unterschiedliche Eigenschaften und Fertigkeiten. Diese Vielfalt macht auch den Reichtum unserer Welt aus. Dialog, Empathie und gegenseitiger Respekt sind der Nährboden für einen friedlichen Interessensausgleich und ein sicheres Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. Nötig wäre dafür ein Bildungswesen, das auf die Entwicklung entsprechender Kompetenzen und damit auch Selbstvertrauen und -achtung abzielt.


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