„Wo es Respekt und Mut gibt, hat die Angst keine Chance“
GMUNDEN. Die evangelische Theologin Susanne Heine arbeitet seit 30 Jahren am friedvollen Miteinander zwischen Christen und Muslimen. Bei ihrem Vortrag in Gmunden versuchte sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und musste sich in der anschließenden Diskussion auch kritischen Stimmen stellen.

Insbesondere das naheliegende Thema Gewalt beschäftigte die Zuhörer in den Diskussionsbeiträgen beim Vortrag in Gmunden. „Christen und Muslime sind manchmal kongenial, wenn es darum geht, sich über andere zu erheben oder sie zu richten“, meint die Theologin dazu. „Tips“ fragte nach.
Tips: Wie haben Sie die Atmosphäre bei ihren Vorträgen in Scharnstein und Gmunden empfunden?
Heine: Die Atmosphäre war insgesamt sehr gut, aber auf hartnäckige Einwände einzelner Teilnehmer muss man immer gefasst sein.
Tips: Bei allen Bemühungen auch von muslimischer Seite: Sind nicht auch abgeschottete Parallelwelten Realität?
Heine: Natürlich gibt es die, und zwar auf muslimischer wie christlicher Seite. Menschen, die sich angegriffen fühlen, oder Angst haben, ihre Orientierung zu verlieren, schotten sich ab. Aber Parallelwelten haben in einer Gesellschaft zunehmender Pluralität keine Zukunft.
Tips: Gibt es eine Diskrepanz zwischen akademischem, theologischem Diskurs und gesellschaftlicher Realität?
Heine: Was Sie gesellschaftliche Realität nennen, wird vor allem von den Medien geprägt. Das führt zu Vereinfachungen und plakativen Zuspitzungen, die Angst schüren. Der theologische Diskurs hat dagegen die Aufgabe, genau hinzusehen, zu differenzieren, denn so wie es nicht das Christentum gibt, gibt es auch nicht den Islam.
Tips: Wie können sich die Vernünftigen und Toleranzbereiten in Zeiten, in der Neid, Aggressivität und Zukunftsangst offensichtlich zunehmen, die Oberhand behalten?
Heine: Das ist die entscheidende Frage. Ich meine, dass die Antwort nur sein kann: mehr voneinander wissen und respektvolle persönliche Begegnungen. Das ist mühsam und geht nicht von heute auf morgen, ist aber der einzig mögliche Weg, die Angst abzubauen, die alles nur schlimmer macht.
Tips: Wie kann man die Spirale der Eskalation durchbrechen?
Heine: Nicht durch Gegengewalt. Heute sind Friedensstifter gefragt: Diplomaten, Politiker, denen es nicht nur um ihre Macht geht, Führungspersönlichkeiten der verschiedenen Religionen, die noch lauter den Mund aufmachen könnten. Frieden zu stiften ist gerade für Christen eine ernste Pflicht.
Tips: Warum gelingt es vielen Menschen nicht, mit der zunehmenden Vielfalt in unserer Gesellschaft zurecht zu kommen? Was ist für friedliches Zusammenleben nötig?
Heine: Um die gesellschaftliche Vielfalt auszuhalten, braucht es persönliche innere Gewissheiten. Viele Menschen sind äußerlich mit politischen oder religiösen Traditionen verbunden und werden orientierungslos, wenn diese ins Wanken kommen. Für ein friedliches Zusammenleben braucht es Respekt und Mut. Wo es das gibt, hat die Angst keine Chance.
Tips: Sind verängstigte Menschen überhaupt noch mit rationalen Argumenten zu gewinnen oder ist ihre aufklärerische Arbeit nicht auch eine Sisyphus-Arbeit?
Heine: Es geht nicht nur um rationale Argumente, sondern auch um einen existenziellen Sinn-Rahmen, der nicht aus der Verteufelung anderer lebt. Einen solchen Sinn-Rahmen zu vermitteln, kann gelingen oder scheitern. Die Mühe darum hat kein Ende.
Tips: Ist Religion nicht eher Teil des Problems als der Lösung?
Heine: Religion kann Frieden stiften und im Namen von Religion können Kriege angezettelt werden. Religion lässt sich für alles Mögliche gebrauchen. Die Abschaffung oder Verdrängung von Religion aus der Öffentlichkeit wurde politisch mehrfach versucht, aber das hat den Menschen weder Glück noch Frieden gebracht. Religionen, auch der Islam, sind lösungsorientiert, aber nur für Menschen, die Lösungen suchen.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden