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"Wir werden nie genug haben" - Journalist Hans Bürger über die Grenzen des Kapitalismus

Daniela Toth, 02.05.2016 13:59

GRÜNAU/LINZ. Im Grünauer Pfarrsaal stellte der bekannte Journalist Hans Bürger sein neues Buch „Wir werden nie genug haben“ vor. Darin blickt er auf mehrere Gespräche zurück, die er 2009 – kurz nach Beginn der Wirtschaftskrise – mit dem bekannten Wirtschaftswissenschafter Kurt W. Rothschild führte. Tips bat Bürger zum Interview. Die nächste Präsentation des Buches findet am Dienstag, 3. Mai, um 19 Uhr im Thalia Landstraße statt.

Hans Bürger zu Gast in Grünau
Hans Bürger zu Gast in Grünau

Tips: Die Gespräche mit Rothschild entstanden 2009 für Ihr Buch „Wie Wirtschaft die Welt bewegt“. Warum haben Sie sich jetzt – sieben Jahre später – entschlossen, sie zu veröffentlichen?

Hans Bürger: Eigentlich war es die Idee des Verlages. Sie wollten sehen, ob Rothschild im Rückblick recht gehabt hat. Mir war das aber etwas zu wenig, ich wollte auch eine eigene Bearbeitung machen. Deshalb enthält das Buch auch den „Essay zur verlorenen Zeit“ über die Grenzen des Kapitalismus.

Tips: Ihr Buch heißt „Wir werden nie genug haben“. Viele Ökonomen, darunter auch Rothschild, gehen davon aus, dass Menschen immer mehr wollen. Sie scheinen daran zu zweifeln.

Hans Bürger: Dieses Thema hat mich immer schon fasziniert. Ich glaube, dass die Menschen irgendwann genug haben. Universitätsprofessor Wilfried Altzinger, ein Studienkollege von mir und auch Rothschild-Schüler, hat mich jedoch bei der Recherche darauf aufmerksam gemacht, dass auch in einer Wohlstandsgesellschaft nur fünf Prozent der Haushalte wirklich „genug haben“. Das wären in Österreich immer noch rund 200.000. Die Zahl der Haushalte, die „in ihrem Glumpert dersticken“ wird größer. Das mit der Sättigung ist aber auch eine soziologische, psychologische Frage: Was braucht es, um Genießen zu können? Und hier lautet die Antwort: Zeit.

Tips: Sie sagen also: Genug hat man, wenn man keine Zeit mehr hat, noch mehr Dinge oder Erlebnisse zu genießen?

Hans Bürger: Das ist meine These. Andere sagen: „Genug hat man, wenn man von allem das Beste hat.“ Tatsache ist, dass die Lebenszufriedenheit seit 1967 in Österreich und Deutschland stagniert, obwohl das BIP in dieser Zeit um das Dreifache gewachsen ist. Die Menschen wünschen sich seither eigentlich mehr Freizeit.

Tips: Und warum kaufen wir dann trotzdem immer mehr?

Hans Bürger: Das ist die Frage! Rothschild sagt, es ist naiv, anzunehmen, dass man irgendwann genug hat: Die Leute wollen immer etwas Neues. Man merkt das ja auch an sich selbst. Und wenn das nicht mehr funktioniert, dann werden eben Bedürfnisse erzeugt.

Tips: Sie legen in Ihrem Essay im zweiten Teil des Buches dar, dass Kapitalismus ohne Wachstum nicht möglich ist. Wie geht unendliches Wachstum mit endlichen Ressourcen?

Hans Bürger: Irgendwann muss das Wachstum aus sein. Manche sagen auch, es braucht einen dritten Weltkrieg, damit der Kapitalismus überleben kann. Auch die Flüchtlingsthematik ist nichts anderes: Die Leute geben etwas her und haben dann wieder Platz im Kleiderkasten.

Tips: Wäre die „Gemeinwohlökonomie“ ein Zukunftsweg?

Hans Bürger: Die Frage ist: Wer prüft, was Gemeinwohl ist? Immer mehr Ökonomen fragen: Was ist das gute Leben? Vielleicht ist das nicht allgemein definierbar. Ich kenne kein Land, das das umsetzt – außer vielleicht Bhutan mit dem „Bruttonationalglück“. Aber dort wird vieles vom Herrscher vorgegeben. Ob das immer für den Einzelnen das Beste ist, weiß ich nicht.

Tips: Sie zitieren Rothschild, der zu Ihnen gesagt hat: „Was sind´S denn so pessimistisch – jede Krise geht vorbei.“ Was bräuchte es dazu?

Hans Bürger: Das Problem ist, dass die Geldpolitik nicht mehr wie früher funktioniert: Man senkt die Zinsen, die Kredite werden billiger – dann wird investiert. In dieser Krise ist es nicht mehr automatisch so. Die Keynesianer haben recht: Menschen investieren nur, wenn sie sicher sind, dass es Absatz gibt. Meine Frage ist: Vielleicht wollen wir nicht mehr wachsen? Über Umverteilung könnte man mehr Wachstum schaffen. Aber das wird nicht umgesetzt.

BUCHINFOS:

  • „Wir werden nie genug haben – 96 Fragen an Kurt W. Rothschild und ein Essay zur verlorenen Zeit“
  • Braumüller Verlag
  • ISBN: 978-3-99100-175-1
  • 2001 Seiten, 14,90 Euro

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