Grenzgeschichten: Erstmals nach Wittinghausen in Böhmen gewandert
Nach mehr als vierzig Jahren verschlossener Grenze durch den Eisernen Vorhang genehmigten die Behörden den Grenzübertritt für eine Tageswanderung nach Wittinghausen.

Die Erlangung dieser seltenen Bewilligung bedurfte vieler Behördenwege. Der damalige Bürgermeister in der Grenzgemeinde St. Oswald bei Haslach, Friedrich Stelzer erwirkte sie für den letzten Sonntag im September des Jahres 1990. Das war ein beachtlicher Erfolg, denn erst seit Herbst 1989 bekam der Eiserne Vorhang Löcher, die viele Neugierige zum Besuch des böhmischen Nachbarlandes verlockten.
Von der Zollwache Haslach gezählte 1000 neugierige Wanderer versammelten sich schon vor der Öffnung beim Grenzübergang. Junge und vor allem viele ältere ließen sich diesen einmaligen Besuch von St. Thoma und der Ruine Wittinghausen nicht entgehen, zumal sie die Region aus ihrer Jugendzeit noch gut in Erinnerung hatten. Der Weg dahin war in der tschechischen Genehmigung genau angegeben und wurde von den Haslacher Zollbeamten den Teilnehmern zur Einhaltung verpflichtend angetragen. Die tschechischen Behörden hatten dafür schon ihre Gründe, war doch die einst blühende Nachbarschaft in düsteres Weideland verkommen.
Vor allem ältere Besucher wussten noch viel über die ehemalige Nachbarpfarre, die einst Deutsch Reichenau hieß. Schulausflüge aus dem Bezirk Rohrbach nach Wittinghausen galten als sehr beliebt und waren vielen der versammelten Wanderer in bester Erinnerung. Bestürzt mussten sie nun feststellen, dass alles anders war, als gedacht. Sie erzählten den Jungen, dass entlang des Weges Dörfer lagen und Menschen lebten. Es war bekannt, dass seit dem Jahr 1957 die Pfarrkirche nicht mehr stand. Nur das Kirchlein von der Anhöhe in St. Thoma grüßte von weitem mit seinem schlanken Turm. Da fragten die einen, ob sie denn erhalten geblieben ist, weil sie als Lagerstätte für militärische Güter benötigt wurde.
Die Ruine Wittinghausen fanden alle noch so, wie diese aus ihrer Schulzeit in Erinnerung geblieben war. Nur die alte Frau fehlte, die im alten Gemäuer wohnte und lustige Lieder bei der Ankunft eines Schulausfluges sang. Still traten viele den Heimweg an, versunken in Gedanken an das Schicksal jener Menschen, die einst hier lebten. So froh dieser Sonntag auch begann, am Ende überwog bei vielen die Traurigkeit.
Verfasser: Fritz Winkler


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