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GERAS. Unter dem Motto „Unsere Geschichte – Unsere Quellen“ lud das Internationale Zentrum für Archivforschung (ICARUS) zum Spätsommerfest in das Stift Geras. Mehr als 100 Personen nutzten die Chance, sich über Archive, Regional- und Familiengeschichte sowie die Möglichkeiten grenzübergreifenden Forschens auszutauschen und zu informieren.

Kräuterpfarrer Benedikt gab auch Einblick in die Annalen des Stiftes.
  1 / 4   Kräuterpfarrer Benedikt gab auch Einblick in die Annalen des Stiftes.

Otto Amon kann seine gesamten Vorfahren bis in die sechste Generation zu 100 Prozent identifizieren. Er weiß, wie alt sie wurden, an welchen Krankheiten sie starben und welche Berufe sie ausübten. Der gebürtige Weinviertler ist nur einer von zehn Familienforschern, die im Geraser Stift ihre privaten Entdeckungen einer breiteren Öffentlichkeit vorführten.

ICARUS4all

Anlass bot das erste gemeinsame Fest des Vereines ICARUS4all. Den ganzen Nachmittag lang tummelten sich interessierte Besucher in den barocken Räumlichkeiten des Waldviertler Stiftes: Hobbyforscher genauso wie Experten aus dem Oberösterreichischen und Niederösterreichischen Landesarchiv, aus tschechischen Archiven sowie von ICARUS, dem Internationalen Zentrum für Archivforschung, das die Veranstaltung organisierte.

Gratis Zugang zu historischen Dokumenten

„Im Laufe unserer Projekte haben wir erkannt, dass wir nicht nur die Institutionen vernetzen müssen, sondern und vor allem ihre Nutzer“, sagt ICARUS-Präsident Thomas Aigner, der auch Leiter des Diözesanarchivs St. Pölten ist. Somit war es ein logischer Schritt, im Jahr 2014 den Freundeverein ICARUS4all zu gründen.

Am Programm standen Gesprächskreise zum Austausch von Laienforschern und Experten sowie Präsentationen von besonders aktiven ICARUS4all-Mitgliedern, unter ihnen auch Otto Amon. Auf einem Flipchart notierte er Tipps und Tricks für andere Familienforscher. „Ich konnte bisher 1919 Vorfahren identifizieren“, so der Wiener IT-Berater. Jede Woche würden weitere 40 bis 50 dazukommen. Für ihn ist die Suche nach den Ahnen im Bereich des Laaer Beckens eng mit der eigenen Sinnfindung verbunden.

Zitat, Otto Amon „Wer weiß, woher er kommt, kann sich auch seiner eigenen Identität bewusst werden.“

Regelmäßig begibt er sich auf Wanderungen, die er Zeitreisen nennt, durch die Heimat seiner Vorfahren. So komme das „Fleisch“ zum nüchternen Datenskelett dazu, philosophiert Amon.

Für viele der Besucher ist es die Regionalgeschichte des Heimatortes oder der -gemeinde, die sie besonders fesselt. Elisabeth Eder etwa zeigt an einem Stand ihre Funde als Topothekarin von Traismauer. „Eine Topothek ist ein Online-Archiv für alte Fotos, Videos, Objekte, und Ähnliches, die eingescannt, verschlagwortet und auf einer google map lokalisiert werden“, erklärt der ebenfalls anwesende Topothek-Gründer Alexander Schatek.

Durch Digitalisierung Geschichte zugänglich machen

Was als private Idee für seine Wiener Praterfoto-Sammlung begann, ist mittlerweile zu einer weiteren ICARUS-Plattform geworden, die in Kooperation mit dem Niederösterreichischen Landesarchiv betrieben wird. Im Moment gibt es 50 Topotheken, allein 37 davon in Niederösterreich, zahlreiche weitere sind in Vorbereitung.

Hobbyforscher und Experten im Gespräch

Im Marmorsaal summte es den ganzen Nachmittag lang von den angeregten Gesprächen. Vor allem Neulinge auf dem Gebiet der Familienforschung brachten zahlreiche Fragen mit. In vielen Fällen konnten sich die Hobbyforscher gegenseitig weiterhelfen, für spezifischere Fragen standen die Experten aus den Archiven in den parallel stattfindenden Gesprächskreisen zur Verfügung. Hier wurden auch Themen im Umgang mit alten Dokumenten diskutiert, wie etwa die Haltbarkeit von elektronischen Daten. Thomas Aigner plädiert in diesem Punkt für Entspannung: „Die Originale werden selbstverständlich immer erhalten bleiben. Und mit den elektronischen Daten verhält es sich nicht anders wie mit den Beständen in jedem normalen Archivdepot –alles muss gewartet werden, das alte Manuskript genauso wie das abgespeicherte pdf.“

Als das Fest beim gemeinsamen Abendessen bei Live-Musik ausklang, zeigten sich sowohl Teilnehmer als auch Organisatoren zufrieden: „Für uns ist der Input der Community, wie wir ihn heute bekommen haben, von besonderer Bedeutung“, so Aigner. „Es sind die Forscher da draußen, die uns aufzeigen, wo wir unsere Datenbanken möglicherweise noch verbessern müssen oder noch nutzerfreundlicher gestalten können.“

„Die historischen Dokumente gehören uns allen“, sagt Gerhard Marckhgott, Direktor des Oberösterreichischen Landesarchivs. „Wir können uns nicht länger in den Archiven einschließen.“ Für ihn ist deshalb klar: „Die Zukunft gehört der Digitalisierung.“

INFO

ICARUS ist ein Netzwerk, bestehend aus rund 170 Archiven und wissenschaftlichen Institutionen weltweit, die alle ein Ziel verfolgen – die Digitalisierung von historischen Dokumenten, darunter Urkunden genauso wie Geburts-, Trau- und Sterbebücher. Diese werden auf online-Plattformen frei und gratis zur Verfügung gestellt.

Zur Verfügung stehen:

Urkundenportal Monasterium (www.monasterium.net)

Matrikenportal Matricula (www.matricula-online.eu)

Datenbank für alte Bilder, Topothek (www.topothek.at)


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