Schule als Baustelle: Steckt die Bildung in der Sackgasse?
BEZIRK HORN. Österreichs Schulsystem präsentiert sich oft verstaubt und mit Überholbedarf. Ineffizient, veraltet und ergebnisschwach sind nur einige der negativen Attribute, die dem heimischen System angelastet werden. Während andere Länder bei Vergleichstests glänzen, hält Österreich bestenfalls Mittelmaß. Die Debatten rund um ein zukunftsfähiges Bildungssystem werden immer lauter – auch in der Politik.

Unter dem Titel „Freiraum für Österreichs Schulen“ gibt die Expertengruppe Schulverwaltung „Empfehlungen zur neuen Steuerung“. Worum geht es jetzt aber, fragt man sich? Freiraum oder Steuerung, was steht im Vordergrund?
Seit Monaten verhandelten Vertreter von SPÖ und ÖVP sowie von Bund und Ländern. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) stellte besagtes Expertenpapier nun offiziell vor. Die Bildungsreform empfiehlt, dass Schulen in Zukunft „frei in der Gestaltung, einheitlich in den Grundsätzen und schlank in der Umsetzung“ sein sollen. Den Schulen sollen vermehrt Freiräume in pädagogischen, organisatorischen, personellen und finanziellen Aspekten gegeben werden, um individuell auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen zu können. Das Bildungsressort des Bundes soll dabei für einheitliche Bildungsziele und -inhalte sorgen, Aus-, Fort- und Weiterbildung, zielgerichtete und transparente Finanzierung, sowie einen einheitlichen Qualitätsrahmen und Qualitätsüberprüfung gewährleisten. Bildungsdirektionen in den Ländern sollen das regionale Bildungsangebot planen, die Ressourcen bedarfsgerecht an die Schulen verteilen und die Schulen in deren Entwicklung zur autonomen Schule begleiten.
Sorge um effektive Kleinstrukturen
Schulleiter Erich Max Meier von der Neuen Mittelschule Drosendorf-Zissersdorf steht der Reform skeptisch gegenüber: „Was helfen Freiräume und Autonomie einerseits, wenn die Schulen andererseits durch die Anzahl von Unterrichtsstunden beziehungsweise Lehrerstunden eingeengt werden?“
Zitat, Erich Max Meier: „Wenn eine Reform in erster Linie auf einen Spareffekt abzielt, kann sie für die Bildung nicht viel Positives bewirken.“
„Man weiß genau, dass sich kleinere Schülergruppen beziehungsweise ein intensiverer Lehrereinsatz (Teamteaching) positiv auswirken. Strukturreformen in der Verwaltung werden nicht viel Positives in der Schulklasse selbst bewirken“, ist der Pädagoge überzeugt, „das hat sich ja bei der Abschaffung der Bezirksschulräte gezeigt. Es ist zu befürchten, dass effektive Kleinstrukturen beseitigt werden sollen. Dabei sollte man bedenken, dass große Einheiten nicht immer billiger oder effektiver arbeiten. Man wird damit die Probleme, die es in Schulen von Ballungszentren gibt, nicht beseitigen können.“ Meier gibt weiters zu bedenken: „Die Aufgabe der Schulen, Grundlagen zu vermitteln, ist nicht einfacher geworden, denn es müssen immer mehr gesellschaftlich bewirkte Defizite ausgeglichen werden. Dazu kommen noch die neuen Herausforderungen der Technik, des Zusammenlebens und Ähnliches.“ Resümierend schließt er: „Es ist unbestritten, dass es bundesweit einheitliche Lehrpläne und Bildungsstandards – und deren Überprüfung geben muss, aber ob eine zentrale Verwaltung effektiver wirkt, ist zu bezweifeln.“
Österreichs Schulen brauchen Reformschub
Fakt ist, dass Österreich viel Geld in sein Bildungssystem investiert, die Ergebnisse der Schüler aber nicht entsprechen. Beim sinnerfassenden Lesen haben 20 Prozent der 15-Jährigen Probleme. Sowohl in Mathematik als auch bei den naturwissenschaftlichen Fächern befindet sich Österreich bei den PISA-Studien (internationale Schulleistungsuntersuchungen) bestenfalls im Mittelfeld.
Alles in allem stellt das Bildungsreformpapier wohl eher eine klassische Kompromisslösung dar, als ein „In-eine-neue-Zeit-Gehen“, wie es Bildungsministerin Heinisch-Hosek darstellte. Vor allem politisch heikle Themen wie die Lehrerverwaltung und die Gesamtschulmodellregionen wurden so vorerst entschärft und in das Reformpaket gepackt.
Gerade zum Thema Gesamtschule gibt es etliche Streitpunkte und kritische Stimmen. Schon der Evaluierungsbericht der Neuen Mittelschule zeigte deutlich, dass es zwar Verbesserungen, jedoch keine Hinweise auf ein steigendes Lernniveau der Schüler gibt. Umso größer scheinbar nun die Verunsicherung, in welche Richtung es gehen soll. Zukunftsweisend wäre sicherlich der Fokus auf eine bestmögliche Bildung in Kindergarten und Volksschule, um wesentliche Weichenstellungen und Grundvoraussetzungen zu legen.
Zahlreiche Reformbereiche sind bis dato auch noch ungeklärt, da für Teile der geplanten Bildungsreform eine Verfassungsmehrheit notwendig ist. Die Regierung im Parlament benötigt also zumindest die Zustimmung der Grünen oder der FPÖ, um eine Zweidrittelmehrheit zu erhalten.
Die Kernpunkte der Schulreform
Bildungskompass: Für alle Kinder ab 3,5 Jahren mit verpflichtenden Sprach- und Entwicklungsscreenings – schon vor dem Kindergarteneintritt wird überprüft, wie gut sie Deutsch sprechen können und wie ihr allgemeiner Entwicklungsstand ist.
Kindergarten: Einführung des zweiten verpflichtenden Kindergartenjahrs: wenn kein Förderbedarf besteht, gilt jedoch die Pflicht nicht. Im Kindergarten wird die Förderung von Deutsch intensiviert.
Volksschule: Der Schulstart soll sanfter und harmonischer erfolgen. Dazu soll der Bildungskompass mitwandern. Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen werden noch mehr in den Mittelpunkt gestellt.
Gesamtschule: Gemeinsame Schule für sechs- bis 14-jährige Schüler wird künftig in Modellregionen erprobt. Nicht mehr als 15 Prozent aller Schulstandorte eines Bundeslandes – die Schulpartner werden bei der Entscheidung, wo eine Modellregion entsteht nicht miteinbezogen.
Autonomie: Mehr pädagogische, finanzielle und personelle Spielräume für die Schulen. Lehrer können ihren Unterricht freier gestalten. Lehrplanabweichungen von fünf Prozent (Volksschule) bis zu 33 Prozent (Gymnasium) werden möglich. Jede Schule muss künftig einmal jährlich einen Qualitätsbericht erstellen.
Personal: Direktoren bekommen mehr Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortung: so etwa ein Mitsprache- respektive Vetorecht bei der Auswahl der Lehrer.
Ausstattung: High-Speed-Internet und W-Lan für jede Schule bis 2020 als Grundvoraussetzung für digitale Bildung. Für diese Reform wird es vom Finanzminister allerdings keinen zusätzlichen Cent geben.
Schulverwaltung: Kompromiss zwischen Bund und Ländern: in allen Bundesländern werden Bildungsdirektionen eingerichtet. Die Direktoren an deren Spitze werden zwar von den Landeshauptleuten bestellt, unterstehen aber dem Bund.


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