Wenn die Hände sprechen lernen
HORN. Was eine fehlende Bauchlage in der kindlichen Entwicklung mit dem „Zappelphilipp“ im Schulalltag zu tun hat und warum manche Menschen Probleme damit haben, sich ohne schützende Wand im Rücken in einem Raum zu platzieren - solche und ähnliche interessante Zusammenhänge erklärte der diplomierte Hara Shiatsu Praktiker, Markus Edtmayr in seinem praxisorientierten Workshop.

Übersetzt bedeutet „shi“ Finger und „atsu“ Druck. Shiatsu ist eine eigenständige Form der Körperbehandlung, deren Ursprung sich in der traditionellen chinesischen und japanischen Gesundheitslehre findet. Das vorrangige Ziel ist, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren und dem Menschen zu seiner Ganzheit zu verhelfen. Gearbeitet wird durch gezielte Mobilisierung und Korrektur des Bewegungsapparates, durch richtige Stimulierung der Meridiane (Energieleitbahnen) und Akupressurpunkten.
Shiatsu für Kinder
Initiiert von der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse Horn konnten Mamas samt ihren Kids im Rahmen eines kostenlosen Schnupper-Workshops von Experte Markus Edtmayr in die Welt des Shiatsu eintauchen. Denn schon Babys und Kleinkinder profitieren davon: heutzutage stellen bereits die Kindergarten- und Schulzeit hohe Anforderungen an die Kinder, so erleben auch die Kleinen Stress und Haltungs- und Bewegungsprobleme nehmen in starkem Maße zu.
Kinder brauchen Berührung, um sich zu entwickeln
In seinen einleitenden Worten zeigte Edtmayr spannende Zusammenhänge in der kindlichen Entwicklung. „Viele Babys werden aus Angst vor dem plötzlichen Kindstod auch im Wachzustand nur noch auf den Rücken gelegt“, so der Kremser Shiatsu Praktiker. „Die Bauchlage ist aber wichtig, damit Babys ihre Muskeln trainieren können. Spätestens im Schulalltag wird es dann sichtbar: die Kinder können nicht ruhig sitzen, müssen um Haltung „ringen“ und werden schnell in die Schublade ADHS oder ADS gesteckt.“
Der sanfte Druck in der Behandlung wirkt besonders auf die Tiefenwahrnehmung. „Kennt ihr Menschen, die sich sträuben, einen Sitzplatz mitten im Raum einzunehmen, ohne schützende Mauer im Rücken?“ fragte der Experte in die Runde und erklärt, „das ist auf eine fehlende Tiefenwahrnehmung zurückzuführen. Im Unterricht werden „Störenfriede“ zur besseren Kontrolle oft in die erste Bankreihe platziert. Ohne „Schutz im Rücken“ fühlen sich viele Kinder aber besonders unwohl, was sich in einem auffälligen Verhalten widerspiegelt.“
„Stark wie ein Samurai“
„Das Samurai- Programm beinhaltet Partnerübungen die wir den Kindern in drei Unterrichtseinheiten im Rahmen der „Gesunden Schule - Fit für die Schule Stark für´s Leben“ vermitteln“, erklärt der Experte das spezielle Trainingsprogramm. „Die Übungen sind einfach erlernbar und ohne viel Zeitaufwand auch zu Hause durchführbar. Sie unterstützen Kinder und Eltern im täglichen Miteinander, im Sich-füreinander-Zeit-nehmen und gleichzeitig unterstützen sie Kinder bei einer besseren Körperhaltung, für bessere Konzentration und bei der Selbstwirksamkeit.“
Tips: Seit wie vielen Jahren praktizieren Sie Shiatsu und wie kamen Sie dazu?
Markus Edtmayr:Die Ausbildung habe ich 2012 abgeschlossen, also praktiziere ich seit sechs Jahren. Ursprünglich war ich Zahntechniker - und zwar mit Leib und Seele. Mit 33 Jahren gelangte ich zu einer „Weggabelung“ in meinem Leben, ein Freund riet mir dann zu Shiatsu. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung wovon er sprach. Also folgte das übliche Prozedere: die Recherche per „Google“. Zwei Wochen später folgte ein Infoabend bei Tomas Nelissen in Wien und weitere zwei Wochen später begann ich auch schon meine Ausbildung.
Tips: Was bedeutet Shiatsu für Sie persönlich und in welchen Situationen greifen Sie darauf zurück?
Markus Edtmayr:Für mich ist Shiatsu zur Lebenseinstellung geworden. Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst, respektvoller Umgang mit anderen Menschen und Lebewesen. Empathie und Authentität finde ich sehr erstrebenswerte Eigenschaften.
Tips: Die heutige Zeit stellt immer höhere Anforderungen und Erwartungen an unsere Kinder. In welchen Bereichen kann Shiatsu Kinder hier unterstützen?
Markus Edtmayr: Wir nennen es den „Mut zur Langsamkeit“: um von der Anspannung wieder in die Entspannung zu kommen, wirkt der langsame tiefe Druck wie er im Shiatsu praktiziert wird sehr unterstützend. Bezugnehmend auf das vegetative Nervensystem spricht Shiatsu das parasymphatische Nervensystem an, welches für die Ruhe- und Entspannungsmechanismen des Körpers verantwortlich ist.
Tips: Bei welchen Problemen können Sie Shiatsu für Kinder besonders empfehlen?
Markus Edtmayr:Problem ist ein Wort, das ich eher zu vermeiden versuche - unterstützen und begleiten gefällt mir besser. In diesem Sinne hilft Shiatsu Kindern bei körperlichen Beschwerden wie Verdauungsstörungen, Schlaflosigkeit, Nervosität, Verbesserung bei der Konzentration und der Körperhaltung. Shiatsu bietet auch Hilfe und Unterstützung bei Nachreifungsprozessen in der kindlichen Entwicklung und kann Kinder in schwierigen Lebensphasen begleiten.
Tips: Für unsere Leser: Gibt es vielleicht einen „Notfall-Griff“ der in Stresssituationen beruhigen kann?
Markus Edtmayr: In einer dieser Übungen malen wir in der Mitte der Handfläche eine Sonne und ziehen dann Sonnenstrahlen nach allen Richtungen bis an die Fingerenden. Aus der Akupunktur kennt man diesen Punkt auch unter dem Namen „Palast der Nervosität“. Im Shiatsu stimulieren wir diesen Punkt durch tiefen Druck. Und noch ein guter Tipp für die bevorstehende kalte Jahreszeit - mit folgender Stimulierung kann man das eigene Immunsystem stärken: dazu die „Schwimmhäute“ zwischen den einzelnen Fingern sanft drücken und ziehen.


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