Kleine Veränderungen bedeuten oft eine völlig neue Welt: Covid-19 als Herausforderung für Demenzkranke und ihre Angehörigen
KIRCHDORF AN DER KREMS. Eine Schutzmaske, ein abgesagter täglicher Besuch oder gar ein Quarantänebescheid – Menschen mit Demenz können solche massiven Einschnitte in vertraute Abläufe und Routinen nur schwer nachvollziehen und sind oft verunsichert. Sie spüren in unruhigen Zeiten wie diesen eine besondere innere Unruhe. Umso wichtiger ist, in regelmäßigem Kontakt zu bleiben und auf eine ruhige und liebevolle Kommunikation zu achten, weiß Gesundheits- und Krankenpflegerin Marianne Kronegger.

Angst, Herumgehen, Ruhelosigkeit oder Rückzug sind typische Phänomene der Demenz, wobei die Ursachen dafür vielfältig sind. „Verändert sich der gewohnte Alltag – so sind Erkrankte verunsichert und unruhig oder wachen in der Nacht öfter auf. Darum ist es besonders wichtig auch in Zeiten der Pandemie tagsüber Routinen zu schaffen und Ruhe zu vermitteln. Wichtiger denn je, ist jetzt ein Stück Normalität zu bewahren“, rät Gesundheits- und Krankenpflegerin Marianne Kronegger.
Kommunikation über die Worte hinaus
Neue, beziehungsweise ungewohnte Gesichter können bei an Demenz Erkrankten große Verunsicherung wecken. „Oft reicht bereits eine Schutzmaske, um große Verunsicherung undAngst hervorzurufen. So könnte deswegen beim Begrüßen, mit dem erforderlichen Sicherheitsabstand, die Maske abgenommen werden, damit das gesamte Gesicht sichtbar ist. Das schafft Vertrauen und gibt Menschen mit Demenz Sicherheit“, rät die Demenzbeauftragte des Pyhrn-Eisenwurzen Klinikums Kirchdorf.
Menschen mit Demenz reagieren besonders sensibel auf die Körpersprache ihrer Mitmenschen. In erster Linie geht es nicht darum was gesagt oder getan wird, sondern wie etwas gesagt oder getan wird. „Besonders wichtig ist eine ruhige, zugewandte Sprache. Dabei sollte auch das Tempo verlangsamt werden – nicht nur im Gespräch, sondern auch bei allen Handlungen. Es ist ungünstig Patienten in der Wahrnehmung ihrer Umwelt zu korrigieren, denn oftmals verstehen sie keine logischen Erklärungen mehr. Viel wichtiger ist es, ihnen mit Geduld und Einfühlungsvermögen zu begegnen und sie in ihrer Welt zu belassen, anstatt auf Recht und Wirklichkeit zu bestehen“, weiß die Demenzexpertin.
Ressourcen fördern und Selbstbewusstsein stärken
Je weniger geistige Aktivität, Bewegung und Kontakte Menschen mit Demenz haben beziehungsweise erleben, desto schneller bauen sie ab. Im Alltag sollte deswegen immer wieder für Beschäftigung gesorgt werden, ohne sie zu überfordern. „Regelmäßige Gespräche beziehungsweise Kontaktaufnahme sind für Menschen mit Demenz von besonderer Bedeutung und geben das Gefühl Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ohne diese regelmäßigen Kontakte ziehen sich an Demenz erkrankte Menschen schneller in ihre eigene Welt zurück. Bei Aktivitäten sollten vor allem die noch vorhandenen Ressourcen und eventuelle Interessen von früher genutzt werden. Wird der Blick auf das gerichtet, was alles noch möglich ist, kann ihr Selbstbewusstsein gestärkt werden“, weiß Marianne Kronegger.
Gefühl gebraucht zu werden wecken
Sofern es noch möglich ist, können Aufgaben im Haushalt, wie Wäsche sortieren oder Unterstützung beim Kochen und Backen nicht nur ein sinnvoller Zeitvertreib sein, sie geben auch das Gefühl gebraucht zu werden beziehungsweise helfen zu können. Bewegung, besonders in der eingeschränkten Pandemiezeit, ist von zentraler Bedeutung, da sie Voraussetzung für Selbstständigkeit, soziale Teilhabe und Lebensqualität ist. „Lieblingslieder oder Spiele aus der Jugend des Betroffenen sind besonders beliebt und schaffen ein Gemeinschaftsgefühl. Es gibt auch Spiele, die speziell für Demenzkranke entwickelt wurden. Sie sollen gezielt motorische Fähigkeiten trainieren, den Spaß am Raten und am modernen Gedächtnistraining bei Demenz wecken“, weiß die Expertin.
Auszeiten einplanen
Die Pflege zu Hause fordert viel Energie von den Angehörigen. „Regelmäßige persönliche Auszeiten einzuplanen ist besonders wichtig, für die eigene Gesundheit aber auch für die Beziehung zueinander. Pflegende Angehörige sollten nicht davor zurückscheuen rechtzeitig um Unterstützung und Hilfe zu bitten“, empfiehlt Kronegger. „Ein ausgedehnter Spaziergang in der Natur, ein paar Stunden ohne Pflegeverantwortung oder ein ungestörtes Gespräch mit Freunden geben nicht nur Kraft, sondern schaffen auch Abstand und Entspannung.“


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