"Wir haben uns am sichersten gefühlt, wo viele Angst haben": Familie aus Steinbach über Erfahrungen aus dem Osten
STEINBACH AM ZIEHBERG. Ein Jahr, 397 Tage, neun Länder und ein Leben auf wenigen Quadratmetern: Der Steinbacher Johannes Bimminger ist gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Michaela Hummer und Sohn Leo (6) von April 2022 bis April 2023 durch den Osten gereist – vom Balkan über die Türkei bis in den Iran, Irak und die Arabische Halbinsel. Am Dienstag, 23. Juni 2026, erzählen sie im KulturKino Kirchdorf von dieser außergewöhnlichen Zeit.

Die Familie ist mit einem Toyota Landcruiser Pick-up samt selbstgebauter Wohnkabine gereist. Die kleine mobile Unterkunft mit Hubdach bot Schlafplatz und rund 4,5 Quadratmeter Wohnfläche. „Wir haben fast ausschließlich im Auto geschlafen, nur rund 28 Nächte waren wir in Unterkünften“, erzählen sie.
Die Reise war bewusst einfach gehalten: gekocht und geduscht wurde meist im Freien, der Alltag war geprägt von Improvisation und ständiger Bewegung. Für die Familie war genau das Teil des Konzepts: Reduktion auf das Wesentliche.
Gastfreundschaft statt Vorurteile
Besonders intensiv waren für die Familie die Begegnungen in muslimisch geprägten Ländern wie der Türkei, dem Iran oder Saudi-Arabien. Sie berichten von außergewöhnlicher Gastfreundschaft: spontane Einladungen nach Hause, gemeinsame Essen, übernommene Tankrechnungen oder sogar bezahlte Restaurantbesuche durch Fremde. „Wir wurden von den Menschen an jeder Ecke eingeladen, überall freute man sich über unsere Anwesenheit. So sehr, dass wir oft bei jemanden zu Hause gelandet sind und aus dem Kaffee am Ende eine Übernachtung wurde. Wir wurden sogar einmal von einem Spielplatz auf eine iranische Hochzeit mitgenommen“, verrät Bimminger.
„Wir wurden oft gefragt, ob wir keine Angst hätten – dabei haben wir uns gerade in diesen Ländern am sichersten gefühlt“, sagt der 38-jährige. Vor allem im Iran habe sie die Herzlichkeit der Menschen beeindruckt, die deutlich von politischen Bildern in westlichen Medien abweiche.
Gleichzeitig betonen sie: Die politische Situation werde nicht ausgeblendet. „Die Menschen im Iran leiden unter der Regierung. Viele wünschen sich ein freieres, säkulares Leben“, erzählt Bimminger. Gerade dieser Widerspruch zwischen Lebensfreude und politischer Realität habe die Familie besonders beschäftigt.
Keine Zweifel unterwegs
Trotz Reisen durch teils politisch sensible Regionen gab es für die Familie keine Phase des Zweifelns. Entscheidungen seien immer gemeinsam getroffen und gut vorbereitet worden – auf Basis von Gesprächen mit Einheimischen, anderen Reisenden und verschiedenen Informationsquellen.
„Wir haben uns auch bei westlichen Medien informiert – aber an deren Darstellung oft gezweifelt“, heißt es. Als Beispiel nennen sie unterschiedliche Einschätzungen zur Sicherheitslage im Irak und in Israel im Frühjahr 2023.
Familie als stärkster Anker
Nach 397 Tagen zieht die Familie ein klares Fazit: Die intensive Zeit auf engstem Raum habe sie als Familie noch enger zusammengeschweißt. „Das Schönste war, dass wir 24/7 zusammen waren“, sagen sie rückblickend.
Heute – mittlerweile zu viert mit ihrer Tochter Fanni – sei diese Erfahrung spürbar geblieben. Zeit im Freien, Campen und ein bewusster Umgang mit Alltäglichem gehören weiterhin zum Leben der Familie.
Auszeit mit Konsequenzen – und bewusstem Entschluss
Für die Reise gaben beide - Bimminger ist technischer Zeichner, seine Partnerin Michaela Hummer Bilanzbuchhalterin - ihre Jobs auf, kehrten später aber wieder in ihre Betriebe zurück. Sohn Leo war bei der Abreise zweieinhalb Jahre alt, schulische Verpflichtungen gab es daher nicht.
Eine solche Auszeit brauche vor allem Flexibilität und den Mut, Vertrautes zurückzulassen, sagen sie. Ebenso wichtig sei Respekt gegenüber den bereisten Ländern: „Man kommt immer als Gast und muss sich anpassen – kulturell, sprachlich und im Verhalten.“
„Nicht alles ist perfekt – aber vieles menschlich“
Die Familie möchte mit ihrem Vortrag keine romantisierte Sicht vermitteln, sondern eine differenzierte. Missstände in den bereisten Ländern würden nicht ausgeblendet. Ihre zentrale Erfahrung: „Die meisten Menschen weltweit wünschen sich im Grunde ein sicheres, gutes und vor allem friedliches Leben.“


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