Grenzgeschichten: Der Zaubersee am Dreisesselberg
Adalbert Stifters Erzählungen haben wohl dem Plöckensteinersee seine Anziehungskraft in den ersten Jahren der Grenz-öffnung wieder verliehen.

Der Gemeindevertretung von Klaffer gelang es schon bald nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, einen Zugang zum See zu erwirken. „Die versteinerte Träne des Böhmerwaldes“, wie der Plöckensteinersee auch liebevoll bezeichnet wird, hat mit dem Stifterdenkmal hoch auf der Seewand nach Jahrzehnten der Verschollenheit massenhaft Besucher angezogen. Seit Sommer 1990 errichtete die Zollwache beim Grenzstein I/10 eine Grenzübertrittstelle ausschließlich für diesen Besuch. Die Zahl der Besucher (10.000 sollen es monatlich gewesen sein) übertraf alle Erwartungen. Vor allem Österreicher nutzten nach mehr als 45 Jahren die Gelegenheit, wieder freien Zutritt zum Plöckensteinersee und dem Adalbert Stifter-Denkmal zu haben. Rund eineinhalb Stunden dauert der Marsch vom Parkplatz Holzschlag bis zum See. Zurück mussten die Wanderer wieder den gleichen Weg benutzen, denn nur beim Grenzstein I/10 durften Österreicher und Tschechen die Grenze mit einem gültigen Reisepass überschreiten.
Außerdem ergab sich für die Gemeindevertretung von Klaffer die Gelegenheit, die gegenüberliegende Gemeinde Neuofen zu kontaktieren und nachbarschaftliche Beziehungen aufzubauen. Höhepunkte waren und sind Friedenslicht-Überreichungen.
Verbotener Blick auf den See
Abschließend sei auch jener Jahrzehnte gedacht, in denen niemand zum „versteinerten Auge“ Stifters gelangte und viele die Vermutung plagte, dass der Obelisk von der Seewand hinabgestürzt sei.
Diese Horrormeldung widerlegten die Lehrer der Sporthauptschule Ulrichsberg: Zum Beweis, dass der Stifterobelisk trotz Eisernen Vorhanges von der Seewand hinaus in die böhmische Stifterheimat blickte, veranstalteten sie im Winter ein gefährliches Wagnis. Sie wanderten auf Langlaufskiern vom Dreisesselberg zum Plöckensteingipfel. Wenn sie feststellten, dass keine Skispuren auf tschechischer Seite zu sehen waren, wagten sie sich etliche hundert Meter nördlich des Gipfels hinaus auf die Waldblöße, von der aus See und Obelisk zu sehen waren. Dieser verbotene Blick in die Stifterheimat lieferte den Beweis, dass alles wie einst noch vorhanden war.


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