Der Philharmoniker am DJ-Pult: „Eine Tanzfläche leer zu spielen ist keine Kunst“

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Primgeiger der Wiener Philharmoniker und DJ Kirill Kobantschenko (Foto: Katsuhiro Ichikawa)
Primgeiger der Wiener Philharmoniker und DJ Kirill Kobantschenko (Foto: Katsuhiro Ichikawa)
Karin Seyringer Karin Seyringer, Tips Redaktion, 22.09.2021 21:28 Uhr

LINZ. In einer ungewöhnlichen Doppelrolle ist Kirill Kobantschenko, Primgeiger der Wiener Philharmoniker, am Freitag, 1. Oktober, im Brucknerhaus zu erleben. Erst gibt er ein Konzert mit seiner Plattform K+K Vienna, im Anschluss legt der leidenschaftliche DJ im großen Saal ein Set auf, bei den „Bruckner-Beats“. Der Eintritt zu den Bruckner-Beats ist frei, Zählkarten sind erforderlich. Tips hat sich vorab mit Kobantschenko über die ungewöhnliche Kombi unterhalten.

Tips: Sie sind Primgeiger der Wiener Philharmoniker, haben die Plattform K+K Vienna gegründet und legen als DJ auf. Verschiedene Musikstile schließen sich bei Ihnen nicht aus?

Kobantschenko: Nein. Das ist eine der interessantesten Sachen, die ich in der Musik finde und empfinde. Über den Tellerrand schauen und verschiedenste Musikrichtungen zu erkunden, das ist meine große Leidenschaft.

Tips: Was reizt Sie besonders, macht für Sie den Unterschied aus? Stehen Sie lieber am DJ-Pult oder sitzen Sie lieber im Orchester?

Kobantschenko: (lacht) Das kann man nicht vergleichen. Das DJ-ing ergänzt auf jeden Fall das Geigenspiel. Man kann nicht sagen, was ich lieber mache – natürlich spiel ich in erster Linie Geige, damit habe ich begonnen. Aber ich mag einfach auch elektronische Musik und schon in der Studienzeit, wo ich noch keine finanziellen Möglichkeiten hatte, zwei Plattenspieler und ein Mischpult zu kaufen, hab ich immer mit Kassetten aufgelegt. Wir versucht haben, mit zwei Kassettendecks nahtlos zu mixen – so ist das eigentlich entstanden. Dann kamen zwei Plattenspieler ins Haus und ein Mischpult.

Tips: Sie stammen aus einer Musikerfamilie. War dieser Weg – der Weg des Musikers – für sie vorgezeichnet oder gabs Momente, wo sie sagten: Eigentlich wär ich lieber etwas anderes geworden?

Kobantschenko: Nein, gab es nicht. Meine Eltern sind Musiker – mein Vater ist schon vor längerer Zeit gestorben, und schon da waren verschiedene Musikrichtungen alltäglich. Mein Vater hat Bratsche gespielt in seiner Studienzeit in Odessa in der Ukraine, hat das abgeschlossen – und parallel hat ihn auch sehr Jazz interessiert – er war da autodidaktisch unterwegs. Er hat eine der ersten Jazzabteilungen in Odessa auf einem Musikkolleg mit einem Freund gegründet.

Tips: Sie sind also nicht nur rein mit klassischer Musik aufgewachsen?

Kobantschenko: Nein, überhaupt nicht. Er war auch Arrangeur, hat viel arrangiert für seine Studenten Bigband, hat sie auch geleitet – also er war da sehr offen und breitflächig unterwegs. Er hat diesen Impuls in mir geweckt, außerhalb der Klassik.

Tips: Dann hat Sie die Musik auch nach Wien gebracht?

Kobantschenko: Wir sind nach Wien gezogen im Jahr 1991. Ich hatte die Möglichkeit, die Aufnahmeprüfung in Wien an der Musikhochschule zu machen. Das war natürlich eine schwierige Situation damals mit dem Zerfall der Sowjetunion. Mit viel Hilfe aus Wien und der damaligen Professorin Dora Schwarzberg und sehr viel Unterstützung aus der Ex-Sowjetunion ist es gelungen, dass wir hergekommen sind und ich die Aufnahmeprüfung dann gemacht und bestanden habe. Und so konnten wir – auf sehr dünnem Eis – auch da bleiben, weil ich noch nicht volljährig war. Leider ist mein Vater ein paar Jahre später verstorben, und ich bin mit meiner Mama hiergeblieben.

Tips: Mit der Plattform K+K Vienna haben Sie sich auf selten aufgeführte Stücke spezialisiert – auch eine Leidenschaft von Ihnen?

Kobantschenko: Ja, ich habe mich immer schon für Kammermusik interessiert, vor allem Sachen, die man selten hört. Und so haben wir damals mit meinen Freunden dieses Projekt gegründet. Das war mein Impuls. Geburtsstunde war 21. Mai 2009, im Musikverein. Und so ist das dann weitergewachsen. Wir haben das erste Konzert gespielt, mit einem sehr spannenden Programm. Dann kam die nächste Einladung und so haben wir weiter und weiter geforscht und mehr und mehr Stücke gefunden und mehr und mehr Programme zusammengestellt. 

Tips: K+K versteht sich als Plattform?

Kobantschenko: Genau. Es ist kein Ensemble im herkömmlichen Sinn. Es sind meistens die gleichen Leute auf den 'basic' Instrumenten – an der Viola, am Klavier, am Cello und am Kontrabass – aber, je nach Werken, nach Programm, kommen eingeladene Musiker dazu, immer Leute, die auch ein großes Interesse haben mitzuwirken – seien es Sänger, Fagott, Schlagwerker. Deswegen ist es für mich eine Plattform, wo alle etwas beitragen – Gedanken, Ideen. Es ist eine sehr offene Gemeinschaft da, musikalisch Sachen auszuprobieren. Und da sind wir auch schon außerhalb der Klassik unterwegs gewesen.

Tips: In Linz gibt's Kammermusik von Bruckner und seinen Schülern, aber auch Wolf und Mahler zu hören. Worauf haben Sie bei der Auswahl der Stücke Wert gelegt? Wurde das Programm extra fürs Brucknerfest zusammengestellt?

Kobantschenko: Dieses Programm ist gewünscht und geforscht vom Brucknerhaus, uns wurde dann quasi eine Anfrage gestellt, ob wir uns so ein Programm vorstellen können, und das hat mich sehr gefreut. Wir haben auch noch nicht gespielt in Linz mit der Plattform K+K, es ist unser Debüt.

Tips: Und im Anschluss dann am DJ-Pult …

Kobantschenko: Ja, da freue ich mich auch sehr, das wird eine neue Geschichte. Also direkt nach einem Konzert auflegen, das hab ich jetzt auch noch nie gemacht, vor allem nicht im selben Saal (lacht). Es ist gar nicht so einfach, diesen energetischen Bogen zu spannen. Es ist ganz interessant: Wer kommt denn? Das Konzertpublikum, die Leute von außen – diesen Weg zu finden, da muss ich ein gutes DJ-Set vorbereiten, um die Menschen nicht zu überfordern, eines, das die Brücke schafft.

Tips:Zu welcher Richtung wird man tanzen können?

Kobantschenko: Da muss man ein bisschen mit der Stimmung mitgehen, man beginnt sicher nicht gleich mit etwas, das die Menschen gleich mal verschreckt. Nach einem Konzert mit Programm, das wirklich ein sehr anspruchsvolles und gehaltvolles ist, muss man glaube ich sanft anfangen. Aber es wird auf jeden Fall elektronische Musik geben. Ich spiel sehr gerne House und Disco-House, aber da muss man sich wirklich ganz fein vortasten, sonst rennen die Leute davon. Eine Tanzfläche leer zu spielen ist keine Kunst (lacht).

Tips: Mit all ihrer musikalischen Arbeit wird kaum Freizeit bleiben – wie verbringen Sie ihre knappe Freizeit? Wie bleiben sie körperlich fit?

Kobantschenko: Ich verbringe meine Freizeit mit meiner Familie und mit Sport. Ich gehe boxen und ich gehe sehr gerne essen (lacht). Aber Sport ist schon wichtig. Ich bin ein leidenschaftlicher Boxer, das soll jetzt nicht übertrieben klingen, ich mach keine Turniere – aber ich habe einen wunderbaren Freund aus der Ukraine, der mich zweimal die Woche in einem Park in Wien trainiert, schon seit Jahren, bei jedem Wetter. Vor allem in Corona-Zeiten war das sehr super.

Kirill Kobantschenko am 1. Oktober im Brucknerhaus

19.30 Uhr: Plattform K+K Vienna, Karten: www.brucknerhaus.at

22 Uhr: Bruckner-Beats, Eintritt frei. Kostenlose Zählkarten im Brucknerhaus Service-Center

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