Zwischen Technologie, Gesellschaft und Verantwortung - die Gewinner des Prix Ars Electronica 2026 stehen fest
LINZ. 4.329 Einreichungen aus 106 Ländern gab es für den Prix Ars Electronica 2026 – die Goldene Nica-Preisträger stehen fest. Der Preis bleibt dabei ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. „Willkommen in der Welt der unauflösbaren Konflikte“, so Gerfried Stocker, Künstlerischer Leiter Ars Electronica.

Unter dem Festivalmotto „Negotiating Humanity“ rückt das Ars Electronica Festival heuer jene Fragen in den Mittelpunkt, die weltweit für Spannungen sorgen: geopolitische Konflikte, die Folgen des Klimawandels und die Auswirkungen von KI auf das menschliche Selbstverständnis. Nicht einzelne Krisen stehen im Zentrum sondern eine Gegenwart, in der vieles von dem erschüttert wird, was lange als gegeben betrachtet wurde.
Auch die ausgezeichneten Projekte seien ein Ausdruck einer veränderten künstlerischen Praxis. Kunst werde zunehmend nicht nur als Reflexion verstanden, sondern auch als aktive gesellschaftliche Intervention.
Goldene Nica für interaktive Dokumentation zu Gaza
Die Goldene Nica in der Kategorie „Interactive Art +“ polarisiert. Ausgezeichnet wurde das britische Kollektiv Forensic Architecture für das Projekt „A Cartography of Genocide: Israel's Conduct in Gaza Since October 2023“.
Die Arbeit dokumentiert mithilfe einer interaktiven Online-Karte und eines 827-seitigen Berichts Angriffe auf die Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur im Gazastreifen seit Oktober 2023. Tausende Datensätze machen Entwicklungen und Zusammenhänge sichtbar.
Die Jury, bestehend aus fünf internationalen Experten, begründete ihre Entscheidung damit, dass das Projekt Beweismaterial in eine öffentlich zugängliche und interaktive Ressource verwandle. Es zeige, „wie Künstler, Architekten, Forscher und Designer fortschrittliche Technologien im Dienst von öffentlichem Wissen, historischer Dokumentation und gesellschaftlicher Verantwortung einsetzen können“.
Ars Electronica weist auf die Kontroversen hin, die mit dem Titel und der Thematik des Projekts verbunden sind. Stocker betont dazu: „Uns ist bewusst, dass die Präsentation eines Projekts, das den Begriff „Genozid“ explizit im Titel führt, bei vielen Menschen tiefe und gegensätzliche Reaktionen auslöst: Empörung über das massive Leid der Zivilbevölkerung in Gaza ebenso wie Schmerz und Widerspruch bei jenen, die in dieser Begriffswahl eine Relativierung der historischen Singularität des Holocaust sehen“, heißt es seitens Ars Electronica. „Zugleich halten wir es gerade aus einer österreichischen Perspektive für notwendig, diese Entscheidung nicht unwidersprochen zu lassen und die historischen, politischen und gesellschaftlichen Implikationen dieser Entscheidung offen zu diskutieren.“
Auch Bürgermeister Dietmar Prammer (SPÖ) stellt sich hinter die Entscheidung der unabhängigen Jury: „Die Arbeit ist hochrelevant und natürlich auch hochaktuell und wird Unterstützer und Kritiker gleichermaßen auf den Plan rufen. Unsere Aufgabe ist es, bei diesem ‚Verhandeln der Menschlichkeit‘ dafür zu sorgen, dass der Dialog wertschätzend und auf Augenhöhe erfolgt. In diesem Sinne lade ich alle herzlich dazu ein, das Gespräch über das Siegerprojekt respektvoll zu führen.”
Im Rahmen des Ars Electronica Festivals wird es am 12. September auch eine Konferenz zum Thema „Antisemitismus im digitalen Zeitalter“ geben. Im Fokus stehen dabei die Rolle sozialer Medien, algorithmische Verstärkungsmechanismen und KI-generierte Des-information.
Goldene Nicas für Erinnerung, Kulturerbe und digitale Wahrnehmung
In der Kategorie „New Animation Art“ wird der US-Künstler Andrew Herzog mit „Deer Hunter“ ausgezeichnet. Die filmische Arbeit verbindet Archivmaterial, Familienvideos und generative KI und beschäftigt sich mit Männlichkeit, Migration und familiären Prägungen über mehrere Generationen hinweg.
Die Goldene Nica in der Kategorie „Digital Humanity“ geht an das Projekt „Open Digital Infrastructure for Shared Histories Cultural Heritage“ des SummitShare and Shared Histories Teams aus Schweden und Sambia. Die digitale Plattform verbindet sambische Kulturgüter in schwedischen Sammlungen mit historischem und mündlich überliefertem Wissen ihrer Herkunftsgemeinschaften und schafft neue Möglichkeiten der Mitbestimmung und Zusammenarbeit.
„create your world“
In der Jugendkategorie „u19 – create your world“ überzeugte der Wiener Jannis Berner mit „Reverse Rendering“. Er untersucht darin, wie Fehler und Unschärfen aus digitalen 3D-Scans in den analogen Raum übertragen werden können. Ausgangspunkt ist ein Schulsessel, dessen fragmentierte Gestaltung Fragen nach Erinnerung, Wahrnehmung und Realität aufwirft.
Festival im September in Linz
Die ausgezeichneten Projekte werden beim Ars Electronica Festival von 9. bis 13. September 2026 in Linz präsentiert. Gezeigt werden die Gewinnerarbeiten des Prix Ars Electronica und auch des STARTS Prize im Lentos Kunstmuseum.
Kultur-Stadträtin Doris Lang-Mayerhofer (ÖVP), Beiratsvorsitzende von Ars Electronica: „Der Prix Ars Electronica ist der traditionsreichste Medienkunstwettbewerb der Welt und zugleich ein wichtiges Trendbarometer für Entwicklungen an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft. Die von einer Jury ausgezeichneten Projekte zeigen, wie Kunst gesellschaftliche Fragen sichtbar machen, Diskussionen anstoßen und neue Perspektiven eröffnen kann. Damit übernimmt der Prix eine wichtige gesellschaftliche Verantwortung: Er schafft Raum für Dialog, Meinungsfreiheit und demokratische Auseinandersetzung.“
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