Rückkehr ins Klassenzimmer: Guter Beginn, aber verschärfte Probleme

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Wurzer Katharina Wurzer Katharina, Tips Redaktion, 22.02.2021 15:19 Uhr

LINZ/OÖ. Zwei Drittel der Schüler sind von Heimunterricht belastet oder überfordert. Das ist ein Zwischenergebnis einer Untersuchung des Instituts für Höhere Studien (IHS). Wie die Rückkehr ins Klassenzimmer in Oberösterreich verlief und wie versucht wird, belastete Schüler zu unterstützen, hat Tips bei einer Lehrerin und einem Schulpsychologen nachgefragt.

Am 15. Februar sind Oberösterreichs Schulen zum Präsenzunterricht zurückgekehrt, wobei sich dieser mit Phasen des Heimunterrichts abwechselt. Der Start ins Sommersemester sei laut Bildungsdirektion Oberösterreich gut gelaufen. „Die Schülerinnen und Schüler haben sich sehr gefreut, ihre Klassenkameraden und Freunde wieder zu sehen und waren großteils stolz, dass sie die Tests selbst durchführen konnten“, berichtet Bildungsdirektor Alfred Klampfer. Er hat selbst zwei Volksschulen besucht. Insgesamt wurden im Bundesland in der ersten Schulwoche 163.379 Schüler getestet sowie 18.730 Tests beim Lehr- und Verwaltungspersonal durchgeführt. Davon waren 38 Schüler und fünf Personen des Lehr- und Verwaltungspersonals positiv.

Bei uns geht eine Gruppe montags und dienstags in die Schule, die andere am Mittwoch und Donnerstag. Am Freitag haben dann alle Heimunterricht, berichtet eine Lehrerin aus Linz, die anonym bleiben möchte. Sie ist Klassenvorstand einer dritten Klasse Mittelschule mit 23 Schülern. Am ersten Tag der jeweiligen Gruppe werden die Corona-Tests durchgeführt, wobei die Lehrkraft der ersten Einheit die Aufsicht hat und parallel bereits mit dem Unterricht beginnt. Damit die Tests durchgeführt werden dürfen, ist eine Einverständniserklärung der Eltern nötig. Diese sei jedoch nicht immer sofort zu bekommen gewesen, ergänzt sie. Lehrkräfte hätten daher Telefonate und Videokonferenzen mit skeptischen Eltern gehabt, sowohl ihnen als auch den Schulkindern seien Videos der Bundesregierung zur Vorbereitung auf die Tests gezeigt worden.

„Fälle wie in Vöcklabruck sind die absolute Ausnahme“

Diese Situation ist der Schulpsychologie nicht unbekannt. Hier waren Tests und Masken bereits Gesprächsinhalt: „Am ersten Schultag waren etwa 20 bis 30 Gespräche notwendig an verschiedenen Schulstandorten. Das ist bei insgesamt 190.000 Schülern nicht ungewöhnlich. Mit drei Viertel der Eltern haben wir eine Lösung gefunden. Einige blieben uneinsichtig, da muss das Kind jetzt zu Hause bleiben. So Fälle wie in Vöcklabruck sind aber die absolute Ausnahme, dass man wirklich die Polizei verständigen muss, weil sämtliche Gesetze verletzt worden sind“, berichtet Andreas Girzikovsky, Schulpsychologe aus Oberösterreich. An einer Mittelschule in Vöcklabruck hatten ein Vater und sein Sohn gegen die Maskenpflicht im Schulgebäude verstoßen. Nach einer hitzigen Diskussion mit dem Direktor wurden sie der Schule verwiesen, kamen dieser Aufforderung jedoch nicht nach. Dieser Vater wollte sich auch vergewissern, dass der Sohn nicht getestet wird. Dass ein Schulkind nicht regelmäßig getestet werde, sei aber ebenfalls die Ausnahme, sind sich die Lehrerin und der Schulpsychologe einig. Der Großteil der Eltern und Schüler würde die Sache verstehen und mitmachen. Die Zahlen der Bildungsdirektion Oberösterreich bestätigen ihren Eindruck. 1,4 Prozent der Eltern gab keine Zustimmung zu den Tests. „Tests sind das kleinere Übel, bevor man länger zu Hause bleiben muss. Zu Hause bleiben ist ein noch größerer Nachteil aus meiner Sicht“, meint Girzikovsky, der für 50 Schulen im Bundesland zuständig ist. Vor allem in Linz sei der Bedarf gegeben und in den vergangenen Monaten auch mehr geworden.

Kluft zwischen Schülern wird größer

Warum er das so empfindet? Die Kluft zwischen Schülern, die gut im Unterricht mitkommen, und denen, die Schwierigkeiten haben, sei bereits im ersten Lockdown größer geworden. So fehle ihnen die individuelle Unterstützung der Lehrkraft. Zudem hätten nicht alle Eltern Zeit oder die entsprechenden Fähigkeiten, um ihre Kinder beim Lernen zu Hause zu unterstützen. Die Leistungen hätten unter diesen erschwerten Bedingungen abgenommen. Hinzu komme, dass Lehrkräfte keine Erfahrung mit Heimunterricht gehabt hätten. Während ein Teil Verständnis für die Situation gezeigt habe, habe ein anderer den Schülern sehr viel Hausübung gegeben.

Prinzipiell müsse aber zwischen der Situation im Frühling und der im Winter unterschieden werden, sagt die Lehrerin aus Linz. Während der erste Lockdown mit weniger Routine einherging, habe man sich an ihrer Schule im Herbst bereits auf die nächste Phase des Heimunterrichts vorbereitet. So seien Programme geübt worden und sie habe auch online Klassenvorstandsstunden gehalten. Mittlerweile habe sich jede Lehrkraft an ihrer Schule ein System überlegt, versichert sie. Probleme hätten anfangs unter anderem Schwierigkeiten mit der Internetverbindung und fehlende Endgeräte bei Schülern bereitet. Hier seien Handys organisiert worden. Eine Untersuchung des Instituts für Höhere Studien (IHS) Wien, die auf 5.000 Interviews mit Lehrkräften, aber auch Gesprächen mit Schülern und ihren Eltern beruht, verdeutlicht, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt. Zwei Drittel der Schüler sind von Heimunterricht belastet oder überfordert. Ein Drittel kämpft mit den Bedingungen wie einem fehlenden Computer oder beengtem Wohnraum. Außerdem war fast jeder dritte Schüler mit schlechten Voraussetzungen kaum erreichbar.

Wege, um Schüler zu erreichen

Die Erreichbarkeit der Schüler empfanden die Lehrerin und Girzikovsky nicht als zentrale Herausforderung. „Ich denke es ist für alle eine schwierige Situation und jeder bemüht sich, mit dem umzugehen. Manchmal geht es besser, manchmal schlechter. Wir haben aber ein gutes Verhältnis zu den Kindern und das ist in jedem Alter wichtig“, ist die Lehrerin aus Linz überzeugt. Es sei zwar vorgekommen, dass man jemanden nicht erreicht hätte, aber es habe immer einen Weg gegeben. Wenn jemand zur vereinbarten Zeit nicht online war, wurde zu Hause angerufen, erzählt die Lehrerin. Eltern hätten das verstanden und ihr Kind auch aufgeweckt, als etwa vergessen wurde, dass Montag war. Da sie aufgrund des hohen Anteils an Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache in jedem Gegenstand zu zweit unterrichten, konnte die zweite Lehrkraft den Unterricht fortführen. Ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung lag in diesen Fällen aber nie vor. Diese hatte Girzikovsky, wobei das außerhalb der Pandemie genauso vorkomme, wie er betont. In solch einem Fall wurde die Kinder- und Jugendhilfe verständigt. Wurde ein Schüler nicht erreicht beziehungsweise befürchtet, dass etwas passiert sein könnte, haben Schulsozialarbeiter zu Hause nachgesehen oder es wurde bei Nachbarn nachgefragt. Auf diese Weise habe man dann wieder zu diesen Kontakten gefunden.

Was aus der Situation mitgenommen werden kann

Bestehende Probleme hätten sich aber überhaupt verschärft, schildert Girzikovsky. Während ein Schüler vor März 2020 oft zwei bis drei Kontakte mit der Schulpsychologie hatte, seien fünf bis zehn heute auch keine Seltenheit. Themen seien etwa Selbstmotivation und fehlende Sozialkontakte. Manchen wären Kontakte abgegangen, obwohl sie den ganzen Tag in Chats oder Videokonferenzen verbracht hätten. Ein virtueller Kontakt sei nicht dasselbe wie ein persönlicher.

Da sich Schüler in der Schule mit ihren Freunden austauschen könnten, sieht der Psychologe die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts positiv. Dies komme auch jenen zugute, die zu Hause Schwierigkeiten hätten, da sich Distanz zum Elternhaus hier als hilfreich erwiesen habe. Optimistischer in Bezug auf Heimunterricht zeigt sich hingegen die Lehrerin. Man könne auch einiges mitnehmen, etwa die Erkenntnis, dass Lernen nicht immer am Schreibtisch geschehen muss, sagt sie. Die Lehrerin der Mittelschule betreibt selbst einen Podcast, wie Schule der Zukunft aussehen kann. Digitales Lernen ist ein Teil davon.  

 

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