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LINZ. Kälterekorde, Schnee und eisige Nächte machen den Winter für viele Menschen zur Belastungsprobe. Was für manche eine romantische Woche Winteridylle bedeutet, kann für andere lebensbedrohlich sein. In Linz schlafen auch bei Minusgraden Menschen im Freien. Streetworker versuchen, das Schlimmste zu verhindern – stoßen dabei aber immer wieder an Grenzen.

In der kalten Jahreszeit wird es für Obdachlose extrem schwer. (Foto: Belish - stock.adobe.com)
In der kalten Jahreszeit wird es für Obdachlose extrem schwer. (Foto: Belish - stock.adobe.com)

Wir haben Menschen, die wirklich draußen nächtigen – auch bei diesen Temperaturen“, sagt Martin Tiefenthaler vom Sozialverein B37. Mit dem Team des Obdachlosen-Streetworks (OBST) sind sechs Streetworker ganzjährig im Stadtgebiet von Linz unterwegs. Sie kennen viele der Betroffenen persönlich. „Es gibt einen Kern von Menschen, die seit Jahren auf der Straße leben. Gleichzeitig tauchen immer wieder Personen auf, die kurzfristig obdachlos werden und dann hoffentlich rasch wieder ins Hilfssystem integriert werden können.“

Warum manche Hilfe nicht annehmen können

Linz verfügt über mehrere Einrichtungen für wohnungslose Menschen. Das große Notquartier NOVA in der Anastasius-Grün-Straße bietet regulär 59 Schlafplätze, im Winter wurde kurzfristig auf 67 aufgestockt. Paradoxerweise sinkt die Auslastung oft gerade dann, wenn es besonders kalt wird. „Zwischen Weihnachten und Silvester kommen manche kurzfristig bei Freunden oder Verwandten unter. Auch bei extremer Kälte steigt manchmal die Hilfsbereitschaft im persönlichen Umfeld.“

Manche lehnen ab

Doch nicht alle Menschen können oder wollen Notquartiere nutzen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manche haben keinen Anspruch auf Sozialhilfe und dürfen Einrichtungen rechtlich nicht in Anspruch nehmen. Andere scheitern an Regeln wie Alkoholverboten. Besonders häufig sind jedoch psychische Erkrankungen der ausschlaggebende Faktor.

„Viele Erkrankungen sind unbehandelt. Das führt dazu, dass Hilfe misstrauisch abgelehnt wird, Betroffene sich verfolgt fühlen oder die eigene Situation nicht realistisch einschätzen können“, erklärt man beim Sozialverein. In manchen Fällen kommt es zu aggressivem Verhalten, das Hausverbote nach sich zieht. „Wenn jemand im Notquartier nicht mehr aufgenommen werden darf, bleibt oft nur noch die Straße.“

Wie viele Menschen sind betroffen?

Genaue Zahlen zur Obdachlosigkeit gibt es nicht. Die Streetworker führen regelmäßig Erhebungen durch. Die letzte Zählung vor Weihnachten ergab rund 82 Menschen, die dauerhaft im öffentlichen Raum nächtigen. „Das sind Momentaufnahmen und mit Vorsicht zu interpretieren“, betont man. Manche Menschen sind Teil kleiner Gruppen, andere leben völlig zurückgezogen.

Um akute Gefahren zu mindern, geben Streetworker Schlafsäcke, Isomatten und Decken aus. Ziel sei aber immer, Menschen in geschützte Unterkünfte zu vermitteln. „Wenn jemand trotzdem draußen bleibt, geht es zumindest darum, das Überleben zu sichern.“

Kleine Häuser als letzter Ausweg

Für besonders schwer erreichbare Menschen gibt es in Linz ein ungewöhnliches Projekt: „Dach über dem Kopf“ (DÜK). In Kooperation mit dem Kolping-Haus, dem Sozialverein B37 und einer HTL entstehen kleine, isolierte Holzhäuser mit Solarpanelen. Sie bieten einen minimalen, aber eigenen Rückzugsraum.

„Das ist kein Idealzustand und keine Dauerlösung“, sagt man offen. „Aber für Menschen, die sich über Jahre in keine Einrichtung integrieren lassen, kann das ein erster Schritt zur Stabilisierung sein.“

Finanzierung und Spenden

Die Wohnungslosenhilfe ist in Österreich Ländersache. In Oberösterreich wird sie vom Land finanziert, zuständig ist die Sozialabteilung. Der Sozialverein B37 beschäftigt rund 140 Mitarbeiter, viele davon in Teilzeit, und betreibt in Linz zehn Einrichtungen – vom Notquartier über ein psychosoziales Wohnheim bis hin zu mobil betreuten Wohnungen.

Spenden werden dennoch dringend gebraucht. „Jeder gespendete Euro fließt direkt an die Klienten“, betont man. Etwa für neue Kühlschränke in Wohnungen, Schulbedarf für Kinder oder dringend benötigte Alltagsanschaffungen. Personalkosten werden aus öffentlichen Mitteln gedeckt.

Frauen oft unsichtbar obdachlos

Obdachlosigkeit wird häufig als männliches Phänomen wahrgenommen – zu Unrecht. „Bei Frauen ist die verdeckte Obdachlosigkeit viel ausgeprägter“, erklärt man. Viele Frauen suchen Schutz in Abhängigkeitsverhältnissen, bevor sie auf der Straße schlafen. Diese seien nicht selten gewaltvoll. Die ständige Unsicherheit und die Gefahr von Übergriffen mache das Leben auf der Straße für Frauen besonders gefährlich.

Kritik am Bettelverbot

Kritisch sieht man auch pauschale Bettelverbote. „Wenn jemand zu wenig Geld zum Überleben hat, halte ich es für problematisch, ihm zu verbieten, andere um Hilfe zu bitten.“ Organisierte „Bettelmafia“, wie sie oft diskutiert werde, sei in der Praxis kaum zu beobachten. „Und selbst wenn es sie gibt, muss man gezielt gegen organisierte Strukturen vorgehen – nicht gegen Einzelpersonen, die ums Überleben kämpfen.“

Missverständnisse rund ums Kältetelefon

Immer wieder wird auch das Kältetelefon kritisiert, weil es nur an zwei Tagen pro Woche erreichbar ist. Dabei handle es sich nicht um einen Notruf, stellt man klar. „Bei akuten Notfällen muss Rettung oder Polizei gerufen werden.“ Das Kältetelefon diene dazu, Hinweise auf Schlafplätze weiterzugeben, die dann von den Streetworkern aufgesucht werden. Außerhalb der Telefonzeiten können Nachrichten hinterlassen oder E-Mails geschickt werden.

Der Winter macht sichtbar, was das ganze Jahr über besteht: Obdachlosigkeit ist selten selbst verschuldet, oft das Ergebnis von Krankheit, Brüchen und fehlenden Perspektiven. Die Hilfssysteme versuchen aufzufangen – doch manche Menschen fallen dennoch durch alle Netze. Gerade dann entscheidet oft ein Schlafsack, ein warmer Raum oder ein Gespräch über Leben und Tod.

Das Linzer Kältetelefon ist unter 0732/7767-67560, E-Mail: linzer-kaeltetelefon(at)b37.at  Dienstag und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr erreichbar. Außerhalb der genannten Zeiten ist ein Anrufbeantworter aktiv. Mails können immer gesendet werden und werden auch täglich geprüft.


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