Der Corona-Shutdown und die "Nebenwirkungen" im Gesundheitsbereich
WIEN/OÖ/NÖ. Durch die Corona-Krise und während der Lockdown-Phase stellten die Gesundheitseinrichtungen auf Notbetrieb um. Nicht lebensnotwendige medizinische Behandlungen und Operationen wurden verschoben. Bis auf Schlaganfälle gab es generell einen deutlichen Rückgang bei Spitalsaufenthalten auch in akuten Fällen, bedenklich sei der Rückgang bei den Aufenthalten von Krebspatienten.

2.000 Operationen wurden im Bereich der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) verschoben, ergibt eine Erhebung des Dachverbandes der Sozialversicherungsträger zur Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ an Gesundheitsminister Rudi Anschober. Lebenswichtige OPs seien aber immer durchgeführt worden.
Um überhaupt eine erste Einschätzung zu den Lockdown-Auswirkungen auf den Gesundheitsbereich zu haben, wurde die Gesundheit Österreich GmbH mit einer solchen beauftragt. Vorerst konnten hier nur Daten zu stationären Aufenthalten in den Spitälern herangezogen werden, Daten zu ambulanten Behandlungen liegen noch nicht vor.
„Wir sind nie auch nur annähernd in Richtung der Kapazitätsgrenzen gekommen, auch deswegen, weil wir von Beginn an versucht haben dieses Gesundheitssystem, gerade auch was den Spitalsbereich betrifft, möglichst offensiv zu schützen vor Infektionen“, so Anschober.
Natürlich hätten die Einschränkungen aber zu „Nebenwirkungen“ geführt. Die erste Studie zeigt den Zwischenstand bis Juni. Valide Aussagen über die gesundheitlichen Auswirkungen seien dadurch noch nicht möglich, erläutert Medizinerin Karin Eglau von der Gesundheit Österreich GmbH.
25 Prozent weniger Herzinfarkts-Patienten
Angesehen wurden sich unter anderem die Zahl der Spitalsaufenthalte bei Akutfällen. So gab es bei den Herzinfarkten von März bis Mai eine Reduktion der stationären Aufenthalte um 25 Prozent, im internationalen Vergleich seien es um bis zu 40 Prozent weniger gewesen, so Eglau. „Ursachen könnten sein, dass die Menschen einerseits Angst vor Infektionen in Spitälern gehabt haben, aber möglicherweise auch, dass es während dem Shutdown weniger Trigger-Ereignisse gegeben haben könnte, die einen Herzinfarkt ausgelöst haben“, so Eglau.
Etwa gleichbleibend war die Zahl der Spitalsaufenthalte bei Schlaganfällen in Österreich. Um circa die Hälfte zurückgegangen sind die Aufenthalte wegen Unfällen. Diese Entwicklung wird auf den verringerten Autoverkehr, aber auch geringere Möglichkeiten für Sportausübung zurückgeführt.
Bedenklich: Weniger Burstkrebs-OPs
Bedenklich sei die Entwicklung bei der „nicht akuten, aber dringenden“ Versorgung von Krebspatienten gewesen. Hier sind die Spitalsaufenthalte laut der Gesundheit Österreich GmbH um 20 Prozent zurückgegangen. Im Detail angeschaut hat man sich Brustkrebs-Operationen, wo auch noch im Mai ein Rückgang zu beobachten war. Waren es im Mai 2019 etwa 540 Spitalsaufenthalte, waren es 2020 etwa 340. „Wir gehen davon aus, dass einige diagnostische Untersuchungen verschoben wurden, wir wissen auch, dass die Mammografien verschoben wurden. Weil Mammografien ausgesetzt wurden, wurden weniger Karzinome diagnosiztiert. Wenn ich keine Mammografie mache, kann ich den Krebs nicht finden und dadurch auch nicht operieren“, so Karin Eglau. Wie sich dies auf die nächste Zeit auswirke, sei schwer zu sagen, „Experten gehen davon aus, dass möglicherweise die Stadien, in denen der Krebs erst entdeckt wird, höher sein werden.“
Rückgang von Infektionen bei Kindern
Ein deutlicher Rückgang wurde bei den Spitalsaufenthalten von Kindern bis 14 Jahren festgestellt, im Juni sei man hier immer noch nicht bei der Hälfte im Vergleich zu 2019. Die Gründe: Die massive Reduktion von Infektionen wohl auch wegen der verstärkten Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln, aber auch die Schließungen der Kindergärten und Schulen könnten hier ein Grund sein, mutmaßt Eglau. „Das wird man sich noch genauer anschauen müssen.“
Bei den Geburten hat sich die Verweildauer im Spital nach der Entbindung im Schnitt um einen halben Tag verringert, von 3,5 auf etwa drei Tage.
Patientenanwaltschaft wünscht sich mehr Information
Unterstrichen wird die Problematik des Herunterfahrens der medizinischen Versorgung während dem Corona-Shutdown von der Pflege- und Patientenanwaltschaft: „Die Beschwerden sind in allen neun Anwaltschaften hinaufgegangen, Hauptteil der Thematik: Die große Absage von Operationen und die Schwierigkeit, dass kein neuer Termin genannt werden konnte“, so Margot Ham-Rubisch von der Wiener Patientenanwaltschaft. Zudem hätte es Beschwerden wegen der massiven Einschränkungen der Besuchsrechte bei Intensiv- und Wachkomapatienten und im ambulanten Bereich wegen abgesetzter Therapien gegeben.
Im niedergelassenen Bereich – Medizin und Zahnmedizin, sei es zu unkoordinierten Schließungen oder massiven Einschränkungen der Ordinationszeiten gekommen – dazu habe es aber zu wenig Informationen gegeben, wo welcher Arzt zu finden sei, erläutert Ham-Rubisch.
Sie nennt den Fall eines Patienten, wo eine dringend nötige Krankschreibungen nicht möglich gewesen sei. Ein zweiter Fall: Bei einem Prostatakrebs-Verdacht wurde die Biopsie auf unbestimmte Zeit verschoben.
„Wir sehen die Ärztekammer und die Sozialversicherungen in der Pflicht, es besteht ein Versorgungsauftrag. Es müssen Kriterien erarbeitet werden, bei welchen Punkten es zu Praxisschließungen und Einschränkungen kommen kann“, so Ham-Rubisch. Zudem wünscht sich die Patientenanwaltschaft online einsehbare tagesaktuelle Listen, wo Patienten sich informieren können, welche Ordinationen geöffnet haben.
Studie wird fortgeführt
Die vom Gesundheitsministerium beauftragte Studie der Gesundheit Österreich GmbH soll ausgebaut werden. „Natürlich hat ein Lockdown auch auf die psychische Gesundheit nicht weniger Menschen Auswirkungen gehabt. Auch solche Fragen wollen wir uns ansehen,“ so Anschober. Die Ergebnisse soll es bis Jahresende geben.
Karin Eglau von der Gesundheit Österreich GmbH empfiehlt zudem für den Herbst: „Man wird den Menschen wieder Vertrauen in Spitäler zurückgeben müssen. Die Akutversorgung war da. Man wird sich auch überlegen müssen, wie man eine Regelversorgung trotz höherer Corona-Zahlen aufrechterhalten kann.“
Bundeshilfe für Sozialversicherungsträger
Erste Gespräche hat es unterdessen mit der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) zu finanziellen Hilfen des Bundes gegeben. Din dreistelliger Millionenbetrag wurde in Aussicht gestellt. Am 9. September wird es die nächste Gesprächsrunde geben. „Es gibt absolute Sicherheit für die Versicherten in Österreich, es gibt die Garantie, dass es zu keiner Verschlechterung für die Versicherten kommt. Es wird keine Leistungskürzungen geben und keine Beitragserhöhungen“, so Anschober. Der Bund werde sich hier seiner Verantwortung nicht entziehen.
Die Krankenversicherungen zusammen haben ein Minus von 558 Millionen Euro bei einem Gesamtbudget von 20,2 Milliarden für heuer prognostiziert, 427 Millionen Euro davon entfallen auf die ÖGK. Die Gebarungsvorschau 2021 bis 2024, die auf einer sehr vorsichtigen Planung basiert, zeigt über alle Krankenversicherungsträger hinweg ein kumuliertes Minus von 3,3 Milliarden Euro, davon 2,7 Milliarden für die Österreichische Gesundheitskasse.


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